Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 36. (5.9.1888)
- Date
- 1888-09-05
- Page
- Seite 140 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bedeutungsvolle Gebete. ־Wie in der vortalmudischen Zeit das Heidenthum, so bat naohtalmndisoh das Christenthum vielfach das Judenthum beeinflusst, so dass manohe Ersoheinungen auf diesen Einfluss «urückzuführen und durch ihn ■zu erklären sind. Unter solohem Christliehen Einfluss stehen namentlich manohe unserer Gebete. 80 נש&ה TDK, Es verdankt seine Entstehung dem ersten christlichen Jahrhundert, einer Zeit, in der die christliche Bewegung sohon anfing, das Judenthum zu bedrohen. Dieses Gebet ist gegen die christliche Idee der Erbsünde gerichtet und gegen die Erlösung von derselben durch den Opfertod Jesu. Die Erbsünde wird auch im Talmud erwähnt und bekämpft, aber es galt, durch das erwähnte Gebet den Kampf dagegen ins Volk zu tragen. Gerade die christliche Hinweisang auf die Erlösungsbedürftigkeit der sündhaften Menschennatur, für welche Israel nach Sistirang der Tempel-Opfer eines Ersatzes bedürfe, machte es nöthig, nicht nur theologisch dagegen anzukämpfen, sondern auch das sohwache und aufgeregte Volksgemüth zu stärken und zu beruhigen. Da i«t es denn hier im Gebete ausgesprochen: Es ן giebt keine Erbsünde, die Seele des Menschen ist rein von Gott geschaffen und ist rein, obwohl j sie im menschlichen Leibe wohnt. Auoh in Entbehi rang des (christlichen) Sähneopfers ist sie nicht der j ewigen Verdammniss preisgegeben, sie wird durch Busse und Gottes Gnade erlöst und an der- Auferstehung und ewigen Seligkeit betheiligt. Der Gott der Väter wird ausdrücklich als Schöpfer und Herr der Welt betont, dem die Seelen angehören. (אדק, רבין im Gegensatz zu xupioj.) Auch das Gebet שתרנילני entstammt einer Zeit, wo das Christeuthum bereits zur politischen Macht geworden und Israel der Ueberredung und dem Zwang zum Abfall ausgesetzt war. Es ermahnt zum Festhalten an der alten Lehre (תורתך) und dem alten Gesetze (מצותיך). Das ganze Gebet ist durchzogen von Anklängen an die stürmische Zeit seiner Entstehung und die Redewendungen des ,Vater Unser“. Das Gebet שתצילנו, welches Rabbi zum Verfasser ha*, giebt Zeugniss, dass Ueberredung und Zwang zum Abfall seitens der Christen schon zudringlicher geworden waren. Es ruft den Schutz Gottes dagegen zur Hülfe und mahnt den Anreizern gegenüber zur Nachgiebigkeit und Ddmuth (0ני& TS bezieht sich auf die offenen, christlichen Feinde, 'S עזות auf die heuchkrischen und abtrünnigen Israeliten, die Judenchristen; auf letztere bezieht sich auch das ברית p, auf die Heidenchristen das שאינו ב ב). Die im Siddur folgenden Gebetstücke לעולם etc. haben ebenfalls christliche Beziehungen; sie gehören der spanischen Verfolgungszeit an und stehen mit der Inquisition in Zusammenhang. Die Ausdrücke בסתר und ישכם deuten auf die Gewohnheit, und Nothwendigkeit damaliger Zeit, das Judenthum im Ver-; borgenen nnd in der frühen Morgenstunde za bekennen; ebenso ist auf das jüdische Martyrium dama- ׳ liger Zeit durch die Akeda und מקדשי ש&ך hingewiesen, wie auch sich daduroh das Sch’ma-Bekenntnis«! und die Betonung Gottes als des alten, imveränderten erklärt. Die Ordnung der Gebete, selbst die neue unter Gamaliel II, war abgeschlossen, somit wurden; diese Gebete, als ausser der Reihe stehend, zunächst , der Privatandacht überwiesen. Eine besondere Erwähnung verdient das תמהרו [ in der Aboda von Jom Kippur. Es ist dabei angej merkt, dass dieses Wort gesondert gesprochen und! absichtlich hervorgehoben und betont worden sei i!מחבק לנטור). Tur (0. Ch. 6.21) bemerkt naoh einer frühem Quelle aus christlichen Schriften (חצוגים DHCO) dass der Hohepriester den Gottesnamen gedehnt gesproohen habe, bis das Volk 8ioh wieder erhoben habe, worauf naoh dem erneuten Gottes- und Sündenbekenntniss er ihm zurief: ״ תטהרוIhr seid rein*. Es heisst ausdrücklich, dass nach der Sistirung der Tempelopfer nooh so geschehe, wie ehemals im Tempel, zur Nachahmung (לדונמא) und zum Ersatz des entbehrten Opfers, um, nicht ohne Hinweisung auf die christliche Absolution uud das christliche Sühneopfer, zu zeigen, dass wir ausser Anrufung Gottes und Sündenbekenntniss im Gebet eines weitem Sühnemittels nicht bedürfen. Der Werth, welcher im Gebete auf die Aboda zur Stellvertretung des reellen Opferdienstes am Jom Kippur, wie überhaupt die Recitation der Opfervorsehriften, gelegt wurde, wird durch diese christlichen Beziehungen erklärlich. Auch in den folgenden Worten ואתה בטובך ist die Hervorhebung der göttlichen Liebe und Suhnkraft nicht ohne Bedeutung. Das Gebet אבינו מלכנו hat ebenfalls christliche Beziehungen, aber nicht nur wegen des Anklangs an das christliche ״Vater Unser“. Dieses ist nach Inhalt und Form ganz iüdisch, sogar die Uebersetzung ״Vater unser“ ahmt die Form der hebräischen Grammatik in dem nachgesetzten Pronomen nach: ״Vater unser“ statt ״Unser Vat*r“ (pater uoster). Eine engere Beziehung tritt in Taan. 25b hervor, wo sich zwei א״מ• Stücke erwähnt finden: אק לנו מלך אלא אחה und למענך רחם עלינו> letzteres ist in dieser Form in unserem Siddur nicht vorhanden. Jene Talmudstelle berichtet, dass es sich um ein Regengebet, gehandelt habe; das von Akiba gesprochene א״מ sei wirksam gew'esen, das Gebet eines andern Frommen nicht. Die Weisen sollen darüber nuwillig gewesen sein (מרנני), worauf eine himmlische Stimme (בת קול) erklärt habe: es sei so gekommen, nicht um den ersten Frommen zurückzusetzen, sondern wegen der Selbstverleugnung Akiba’s (מעביר על מחתיו*. Worin bestand diese Selbstverleugnung? Darin, dass er in jener gefahrvollen Zeit christlich-römisoher Verfolgung den Muth hatte, öffentlieh den Gott Israels als den einzigen Gott und als Gott der Liebe zu bekennen und zwar in der Form von א־׳ מ, christlicher Lehre und Betweise gleichsam zu Trotz. So wird uns auch der Unwille der Weisen erklärlich, die wegen solcher tollkühnen Herausforderang neue Gefahren für sich and Israel befürchteten. Nicht minder hat auoh das KDH 61ס6&־על in seiner Specifioirung der Sünden Beziehung zur ohristliehen Beiohte. Das speoificirte Sündenverzeiohniss gehört zunächst der Gaonen-Zeit an und hat sich nachher erweitert. In dieselbe Zeit fallen die Streitigkeiten der Kirche über geheimes oder öfientliohes, allgemeines oder specificirtes Beiohtbekenntniss. Der Beziehung, welohe die christliche Beiohte zum Sühneopfer Jesu hat, entsprich( im jüdischen Sändenbekenntniss das □על חטאי daroh die Beziehungen zum Tempelopfer. In der Tephilla befinden sioh ebenfalls christliche Beziehungen; das einzige Zeugniss hierüber ist nicht die Benedictiou ולמלשינים. Vielmehr hebt אתה חוק die menschliche Uenkkraft im Gegensatz zu blindem Glauben und christlicher Gnadenerleaohtung (חשכל בינה, דעה) hervor;השיבנו hebt hervor, dass die Sünden- Vergebung auf wahre und aufrichtige Busse und Rüokkehr (לתורתך) gegründet sein müsse und betont dabei das alt-jüdische Sühneopfer (עטדתך) im Gegensatz zum neu-christlichen, ״ ת' שלמהwirkliche Besserung“ im Gegensatz zum formalen Opfer*; 0לח לנך betont, dass alle Sühnekraft allein in Gott ruhe (מותר... אלא