Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-08-30 · N° 35. (30.8.1888) · p. Seite 136

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 35. (30.8.1888)
Date
1888-08-30
Page
Seite 136 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/6492408-6488258-9805960--1521-4856648
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Fronde. Der Lithaaer lernt nioht, am die Beifeprüfung sa bestehen, ec arbeitet nioht, am Privataooent sa werden, sondern er lernt, weil er lernen will and lernen maae. Schon die ״Jeeahiba* (das Lehrhaas) in Lithaaen ist beseiohnend. Da wird fleisaig gelernt, obwohl oder weil die Sohfller 8ioh kaum satt essen können; in anderen Jesohiboth pflegte man aber sar Abwechselung aaoh Karten sa spielen. Wie konnte man nar diese biederen Anaohoreten mit den alkoholsflohtigen Chassidim vergleichen? Vom Gelehrten, dem ״Lamdau“, bis aam ,groben Jüng“, dem Ungebildeten ist ee doch wehrlich sehr weit! Der Siddnr der Chabad neigt Aenderangen, die dnrohaas nioht kabbalistisoh ” unverständlich sind. Im ,Gegentheil, die veränderten Lesarten seigen Ueberlegnng and reiches Wissen; ebenso betet der ,Chabadtu" mit Verständnis« was man vom Chassid nioht sagen kann. Man mass dnrohaas nioht Lithaaer sein and ebensowenig Verehrer des Baw, am von dem gelehrten frommen and ehrliohen Wesen eines Tieflithauers ergriffen sa sein. Er ist einfaoh, fast bäaerlioh, sein Aensseres verräth selten was sein Geist birgt. Besonders überraschend ist die Aaflösang ihres loh, die Nichtachtung ihrer eigenen Person, der ,כטור ודש“, wie sie es nennen. Es ist eine Art geistiger Askese. Wenn ein Lithaaer eine zeitlang geohrteigt worden ist, dann fragt er, wenn sein Feind aufgehört hat, ob er sohon gehen oder ob er noch warten 8011. Im gebildeten Europa wird man diesen Gedanken kaum fassen können. Jedesmal wenn ioh an Chabad denke, erinnere ich mich eines singenden Lithauers, der — vor fünfsehn Jahren — einen eigenthämliohen Eindruck auf mich machte. Es war in Bumänien. An einem Vormittage kam ioh nach der Synagoge, um beim Diener etwas zu erfragen. Da sah ioh einen Litbauer an einem Fenster stehen, seine Augen waren in Thränen gebadet, vor ihm lag ein geöffneter Talmud-Traktat and er sang. Es waren eigentümliche, traurigklagende and wenig harmonische Töne, die an den Ausrufer der Moschee erinnerten. Und er sang mit Inbrunst, bis er plötzlich den Namen , Bachei “ ertönen liees. Eine Stande vorher hatte man ihm einen Brief überbraoht, der ihm den Tod seines Weibes mittheilte. M. M. H. — Berlin. Unsere Orthodoxie im Lichte Wissenschaftlieber Religionsbetrachtung. Von einem freisinnigen Theologen. XI. (Schloss.) Am deutlichsten aber wird Gamliel« Stellung za dem Gesetze im Eherecht. Die Frau hat nämlich nur das Verfüg ungsrecht über denjenigen Besitz, welchen sie vor ihrer Verlobung erworben hat. Was sie als Ehefrau erwirbt, gehört ihrem Gatten, hingegen sind die Ansichten getheilt, was mit dem Vermögen zu geschehen habe, welches sie während ihres Brautstandes erlangte. — Unter Brautstand versteht man in dem Falle, dass sie durch das abgegebene Versprechen schon thatsäohlich als Frau ihres Mannes mit, und nur noch bei ihren Eltern wohnt. — Babban Gamaliel entscheidet sich dafür, dass einer Braut noch immer das Verftignngsrecht über ihr Vermögen zustehe und, als man ihm fragte, wenn er die Frau erworben hat, warum 9011 er das Vermögen nioht er- Werben? erwiderte er, ioh schäme mioh des Neuen and ihr wollt noch auf mioh laden das Alte. Damit will er sagen, ee ist traurig genug, dass unser Gesetz der verheiratheten Frau das VerfÜgungsreoht über Ihr Vermögen entzieht, darum bin ioh froh, dass das G'seta mioh nioht zwingt, diese Bestimmung aaoh aaf die Zeit des Brautstandes auszudehnen. Also Babban Gamaliel bat mit Bezug aaf eine Be- Stimmung des rabbinisohen Gesetzes gesagt, dass er sioh ihrer sohäme. Haben wir ans daher eines 801ohen Vorbildes za «ohämen, von dem wir lernen, dass nioht Alles, was geschrieben steht, aus unanfechtbar göttlioher Weisheit herstammt? ״ Dass die Trockenheit in der GesetzesaufEassung der religiösen Gesinnung sobaden könnte, hat der Talmud selbst an mehreren Stellen erkannt, denn er sagt uns in den Sprüchen der Väter (Aboth 2.13): ״mache dein Gebet nii ht ab, wie ein Gesohäfb, sondern betrachte es als Aasdraok der Liebe and demüthiger Gesinnung vor dem Allgegenwärtigen“. Mit Bezug auf eine anhaltbar gewordene Gesetzesbestimmung sagt der Talmud: ״es ist besser, man lässt es in guter Absioht geschehen, als dass man daroh das Verbot die Menge zur absiohtliohen Uebertreibang des Gesetzes zwinge“. (.מוטב שיהי שוננין ואל יהו מוידין) Es ist ferner ein Beweis, wie wenig den Alten das Gesetz als das Absolute gegolten hat, wenn wir duroh alle Gesetzesbüoher hinduroh Ausnahmen gemacht sehen, die in Bdoksioht auf die Grösse des Sohadens (0ד מרובהL.1), oder in Büoksioht auf das Bedürfniss dee Sabbath (לצורך שבת), das Gesetz milder aaslegen, ja selbst David Levi, der Verfasser des Glossenwerkes zum Sohulohan Aruch sagt manchesmal, wo er fühlt, dass ein Gesetz sich nioht in seinen letzten Consequenzen anwenden lassen, es wäre unvernünftig (? ״unschön“) es so aaszulegeu. (Jore Deah 23 DVU 'שאין וה מהרב. Also selbst da ist noch immer nicht der Buohstabe die einzige Richtschnur der Entscheidung. Wir müssen aber, am gerecht zu sein, dem Talmud das Zeugniss geben, dass er in einzelnen Aeusserungen sich zu der Höhe moderner Anschauung aufgeschwangen hat, und das Gesetz nicht als das absolute betrachtet, sondern annimmt, dass es einen bestimmten Zweck erreichen und auch an einer gewissen Grenze erfüllt sein könnte. So heisst es einmal sehr schön in Anwendung des Psalmverses: ״Zeit ist es für Gott zu wirken, sie haben durohbrochen deine Lehren“ (119.126) ״wenn es Zeit ist für Gott zu wirken, kann man das Gesetz durchbrechen, (Berachot 63 a). Ein andermal sagt R. Simmlai: ״Alle 613 Gebote der Schrift, sind von König David zarückgefilhrt auf elf in den Worten ״wer reiner Hände und lauteren Herzens ist, und Wahrheit redet in seinen Herzen eto. (Psalm 15.). Von Micha dem Propheten auf die drei: Reohtthan und Tugend lieben und in Bescheidenheit wandeln vor deinem Gott (6 8), von Habakuk aaf das eine: ״Der Gerechte lebt duroh seinen Glauben“. Das kann doch keinen andern Sinn haben als: Die Gesetze sind der symbolische Ausdruck für die sittliche Heiligung, welche die Schrift uns in diesen und in andern Stellen, welche R. Simmlai anführt, vorzeichnet. Dass diese Gesetze in der Erfüllung ihres Zweckes überwunden sind, lehrt ebenfalls der Talmud ganz ausdrücklich, indem er aus dem Gesetz, welohes für die Todtenkleider die religiösen Vorschriften aufhebt, folgert: ״einst werden alle Gesetze aufgehoben sein“. (מצות בטלות לעתיד לבוא — Nidda 61 b.) Wir wollen zum Sohlass unsere Ausführungen in kurzen Sätzen zusammenfassen: Ein unverändertes Judenthum ist wissenschaftlich undenkbar. Ein anveränderliches Judentham ist ebenso unmöglich, wie dem Geiste unserer Religion widersprechend. Die Ansohauang hingegen, dass man dem Geiste der Religion mehr gereoht wird daroh möglichstes Festhalten an überkommenen Gewohnheiten, also die bescheidene oonservative and nioht die anmasaende orthodoxe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.