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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-08-23 · N° 34. (23.8.1888) · p. Seite 132

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 34. (23.8.1888)
Date
1888-08-23
Page
Seite 132 (sequence 3)
Language
German
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nungslos enthüllt, am unsern Lesern die Gefahr vor Augen aa führen, welche, es mit sich bringt, wenn wir die Vergangenheit aa unsrer anfehlbaren Rieht- 80hnar nehmen, wir sind es aber ans schuldig einnugestehen, dass bereits in unserer Vergangenheit einmeine, erleuchtete Köpfe die Anschaaang Vorbringen, dass nicht die. Baohstabenstarrheit, sondern die freigeistige Entwicklung das Wesen des Judenthums bedinge, und es sind wahrlich nicht die schlechtesten Namen, welche diese Anschauung vertreten, so dass wir sagen können, der wahre Conservatismus ist aaf Seite derjenigen, welche die religiösen Gedanken des Judenthums nach dem Geiste und nicht nach dem Buchstaben der vergangenen Autoritäten verstehen und verbreifen. Der Talmud nennt uns die Namen von Männern, welche schon in früher Zeit erkannt haben, dass tie Betonung des Gesetzes als des Heiligungsprincipes, welches seiner Zeit sehr noth wendig war, um der uufassbaren, für die practische Religion unnützen Glaubensfaselei entgegen za arbeiten, auch zu einer gefabrlichen Uebertreibung führen könne. Darum haben wackere Männer gewarnt, die vorhandenen Ueberlieferungen noch weiter durch Wortklauberei 80 auszubauen, dass sie dadareh ad absurdum geführt werden. Eine Säule des Judenthums war Rabban Gamalielder ältere, und gerade von ihm überliefert die Mischnah, dass er sich über das Gesetz erhoben habe. So hat er gegen das Gesetz, welches dem Bräutigam von den religiösen Pflichten befreit, am Hochzeitsabend gebetet und seinen Schülern auf ihre Frage, warum er das Gesetz übertrete, geantwortet, ich will auch nicht eine Stande lang das Joch des himmlischen Reiches von mir werfen. Ebenso hat er am Todestage seiner Frau gebadet, weil sein schwächlicher Körper dessen bedurfte, und um einen seiner Sclaven gegen das Herkommen Trauer gehalten, weil dieser Sclave nicht wie alle andern Sclaven sei (Berachot 2.5 fl.). Ausdrücklich wird von ihm bezeugt, dass er gegen das Gebot, ohne jede weitere Begründung, das Passahopfer auf einem Rost habe braten lassen,-was das Gesetz der Mischnah verbietet, weil es gekocht und nicht gebraten sei. Derselbe Rabban Gamaliel ist es, der mit zielbewusster Entschiedenheit der Principienreiterei im Civilrechte entgegen tritt. Das rabbinische Gesetz hatte bestimmt, dass nur derjenige za schwören habe, welcher eine an ihn gestellte Forderung theilweise zagiebt (,TTמ במקצת). Nun entstand die Frage, wie der Fall zu behandeln sei, wenn der Geklagte etwas ganz anderes zagiebt, als der Kläger fordert, z. B.: Der Kläger fordert ihn für eine Schuld aus einem Weizen verkaufe, and er behauptet nicht Weizen, sondern Gerste gekauft zu haben. Während die Mehrzahl in einem, solchen Falle den Beklagten vom Eid freisprechen will, weil er das Geschäft ganz in. Abrede stellt, pflichtet Rabban Gamaliel der Ansicht bei, das der Geklagte in einem solchen Fall ein Zugeständniss geleistet hat, wir sehen also, er geht auch hier nach dem Sinne und nicht nach dem Wortlaut des Gesetzes. __ (Schluss folgt.) Raschi. (Schluss.) Raschi war aber nicht bloss der Lehrer seiner Zeitgenossen, sondern auch derer, die nach ihm lebten and leben. Auch wir können za seinen Füssen sitzen durch die Schriften, welche er uns hinterlassen hat. Er' schrieb Commentare zu dem grössten Theile der Bibel und des Talmuds und zu einer Abtheilung des Mid ras oh Rabbah. (Hierzu bemerkt der Herausgeber des ״Jew. Stand.“ in einer Note, dass der dem Rasohi zugesohriebene Commentar zu Midrasch Rabbah wahrscheinlich nioht von ihm ge- ' schrieben sei. Der Uebers.) Die Hauptoharakteristioa! seiner Commentare sind Klarheit, Kürze und vorzüg- , lioh Bescheidenheit. In ein Wort ist oft der Inhalt! ganzer Seiten conoentrirt. Diese Concentrations- : methode tritt aber mehr in seinem Talmudals in : seinem Bibeloommentar c er vor. Bei den Lesern des ' enteren war sohon mehr Intelligenz vorauszusetzen, während der Bibelcommentar mehr für das gewöhnliehe Publicum berechnet war. Desshalb drückt sioh 1 Raschi hier bei gewissen Gegenständen sehr weit- ן läufig aus. Wenn er über Kunst, Mathematik oder! Grammatik zu sprechen hatte, strebte er, Jedem das möglichste Verständniss zu erschliessen und desshalb { waren hier seine Erklärungen sehr ausführlich. Um ein Bild von Rasohi’s Vorliebe zur Kürze zu geben, erzählte Herr Dr. F. eine Geschichte, wonach dieser grosse Lehrer während der Abfassung eines Theiles ן seines Talmudoommentars erkrankte und sein Enkel desshalb für ihn schreiben musste. Nach seiner Genesung prüfte Raschi das von seinem Enkel Geschriebene, und während er die beschriebenen Bogen in seiner Hand wog, sagte er: ״Wenn du einen Commentar zum ganzen Talmud zu schreiben hättest, würde das vollständige Werk eine Wagenladung ansmachen.“ Einen Beweis von der Präcision, deren sich Raschi in seiner Sprache befliss, liefern die Regeln, welche 1 in manchen Pentateuchausgaben mit Raschi diesem Commentar vorgedruckt sind (כללים על רש״י)• Hier sehen wir die feinen Unterschiede, welche nach seiner Ansicht über die Bedeutung des Targum Onkelos zulässig sind, je nachdem er diesen anführt mit כתרגומו, oder ואונרולס תרגם etc• Gerade diese Kürze und Gedrängtheit in den Ausdrücken trägt sehr viel zu deren Klarheit bei, und wenn sein Werk viele Supercommentare hervorgerufen hat, so lag der Grund hierzu nicht etwa in dem Umstande, dass seine Sprache dunkel war. Raschi verfolgte mit unentwegter Treue sein Ziel, die Bibel und den Talmud zu erklären und wich nicht von der Aufgabe, die er sich gestellt, ab, um etwaige Ansichten der Opponenten zu bekämpfen. Seine Wahrheitsliebe und Bescheidenheit leuchtete aus allen seinen Werken hervor. Wenn er den Sinn einer Stelle nicht verstand, nahm er keinen Anstand zu bekennen: ״ לא ידצתי פירושוIch weiss die Erklärung nicht“. Dieser hohe Grad von Bescheidenheit, in Folge deren er sioh damit begnügte, ein blosser Commtntator zu sein, gewann ihm denn auch die Herzen seiner Brüder. Maimonides dagegen, welcher sein משנה תורה mit der ausgesprochenen Absicht schrieb, den Talmud entbehrlich zu machen, hat diesen seinen Zweck nicht erreicht. Raschi reproduoirte in seinem Commentar den Talmud und Midrasch; wenn er aber den Ausspruch irgend einer Autorität anführte, trug er Sorge, diese auch bei ihrem Namen zu nennen. Der Commentar Raschi’s zum Pentateuch kann in zwei Theile gef heilt werden, פשט und דרוש. Diese stehen in demselben gegenseitigen Verhältnisse za einander, wie etwa Prosa und Poesie. In dem פשט versüoht Raschi, den einfachen klaren Sinn jeder Stelle wiederzugeben, während er in dem דרוש die Lehren und Erwägungen zusammenstellt, welohe aus ihr deduoirt, oder welche mit ihr in Zusammenhang gebracht werden können. In dem פשט giebt Raschi oft seine eigene Ansioht, aber in dem דרוש trägt er immer die Ansichten des Talmud and Midrasoh zusammen. Diese beiden Theile sind daher darohaus verschieden, obsohon es in vielen

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