Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-08-09 · N° 32. (9.8.1888) · p. Seite 125

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 32. (9.8.1888)
Date
1888-08-09
Page
Seite 125 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492408-6488258-9805937--1507-4856637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mit der Zukunft des Jadenthnms ebrlioh meint and eie nioht einer phantastischen Romantik opfern will, eich sagen muss, dass die Aohtnng vo! dem Talmud, wie vor der ganzen Bedeutung des Judenthums nar dann haltbar ist, wenn man von den Unhaltbaren 8ioh ohne jede Einschränkung lossagt. Wir werden dann thun, was manche Lehrei des Talmuds gegenüber einzelner Versuche gewaltsamer Schrifterklärung gethan haben, wie R. Jose רורמסקית p zu einem Zeitgenossen sagte: Wie lange noch willst du die heilige Schrift entstellen? oder wie man zu R. Akiba sagte: für deine Schrifterklärung, wirst du vor Gott dich verantworten müssen, und wie es ganz besonders im Gesetze Raban Gamaliel tiiat, indem er den Geist des Gesetzes überden Wortlaut stellte. P. Frankl’s Predigten. ״Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage des Lebens labyrinthisch irren Lauf“ Schon ein Jahr schliesst sich׳ das Grab über deo Trefflichen, desseu Verlust uns durch die reiche Gabe, die jetzt aus seinem Nachlass empfangen, «rst in seiner ganzen Grösse und Schwere klar wird. Man braucht noch nicht die Stimme des Volkes für die Stimme Gottes zu halten, man oraucht nicht einmal die Berliner Gemeindevertretung; mit der Berliner Gemeinde zu identificiren, und wird doch von vornherein dem eine hohe geistige und nittliche Kraft zuerkennen, der als noch nicht dreissigj ihriger Mann, ohne je ein rabbinisches Amt verwaltet zu haben, aus der Ferne hergeholt• wird, um der Lehrer einer durch Intelligenz, durch Zahl, durch Einfluss UDd Ansehen gewaltigen Gemeinde zu werde a. Nicht die glänzenden äussern Vorzige des Redners zeichneten den Manu aus, der dazu berufen war, in der Gemeinde zu wirken, über der der Genius Mendelsohn’s schwebte, die vom Geiste Michael Sachs’ und Abraham Geigers einen Hauch verspürt hatte. Was Frankl sprach, konnte nur wirken durch seinen innere Gehalt; hier trug Verstand und rechter Sinn nach dem Recept Göthe’s mit wenig Kumt sich selbef vor. Das war das Geheiraniss seines einer Gemeinde, die im Allgemeinen nie kannt ist, dass die Messer ihrer Kritik in der die kühle Erwägung eher zu wenig gilt-. Und ihm waren in der Arbeit dii Kräfte Erfolges in üt dafür beütumpf sind, viel als zu ge־ wachsen von Tag zu Tag; er hat da! Beste, was in ihm lag, noch nicht zu Tage gebraoht. Dafür bietet die stattliche Sammlung von Predigten, di 5 die Wittwe aus dem Nachlass ihres Mannes uns bietet,*) in gewissem Sinne ein deutliches Zeugniss; d mn offenbar die Perle dieser Sammlung ist die Rede, wslohe Frankl über Mendelsohn gehalten hat; nirgends in diesem Bande ist der Ausdruck edler, freier, natürlicher, die Gedanken strömen frisch und klar, die Rede ist lehrreich und erbaulich und hat die Kraft noch, lange, nachdem wir sie gelesen, in unserer Siele naohzutönen. Und diese, unseres Dafürhaltens beste Rede der ganzen Sammlung, hielt Frankl als ein todtkranker Mann, da ein letztes Aufflaokern der L ibensflamme es ihm noch einmal gestattete auf die Kan sei za treten und zu Tausenden — denn die Synagc ge auf der Oranienburger Mrasae war an diesem Abend bis zum letzten Platz gefüllt — sein gern vernommenes Wort zu senden. So müssen wir es, um der Todten zu ehren und um unsem Schmerz zu mehren, 1 msspreohen, dass das Schönste, was Frankl zu leisten vermochte, noch auf dem Grande seiner Seele lag, als sein Körper *) Im Verlage von L. Simion in Berlin. in den danklen Grand versenkt wurde. Nooh hatte er bei Weitem deu Gipfel seines Könnens nicht erstiegen, nooh strebte er, ob aaoh krank und todessiech, mit Erfolg zur Höhe. Er gehörte za den Naturen, die .in strenger Selbstkritik schrittweise vorwärts kommen, die ihre völlig ansgereifte Fracht erst im Herbste bringen, und dieser Herbst ist ihm versagt gewesen. ' Aber diese Sammlang wird, obgleich Frankl die schönsten Perlen, die in den Tiefen seines Gemüthea lagen, nioht hat heraafholen können, mit Reoht ihre Leser und ihre Verehrer finden. Frau Dr. Frankl hat ihrem Schmerze eine heilige Weihe gegeben, als sie, kaum dass sie den thearen Todten in’s Grab gebettet, die Sorgfalt und Pflege, die sie dem Lebenden gewidmet 1. atte, jetzt seinem!Nachlass widmete and gleichsam auf das frische Grab diese Spende legte. Es ist natürlich, dass sie mit frommer Scheu die Arbeit des Entsohlafenea betrachtete, dass sie selbst kleine Unebenheiten im Stile nicht auszugleichen wagte, dass ihr auch eine geringfügige Aenderang wie eine Verletzung am Heiligtbum erscheinen ,musste. Ob die pietätsvolle Gattin am meisten geeignet! zur Herausgabe des Nachlasses ist? Es hat damit I ungefähr eine ähnliche Bewandtniss wie mit der j Krankenpflege; das Gemüth des Kranken wird am 1 ehesten befriedigt, wenn Hände, die von der Liebe | gelenkt werden, ihn pflegen und ihm Linderung za i bereiten sich mühen; praktischer and für den Körper förderlicher ist vielleicht eia Pfleger, der genau seine Schuldigkeit thut, den nur das Kraakheitsbild beschäftigt und dem der Kranke persönlich fern steht und gleichgültig ist. So ergreift uns aufs innigste das seelische Opfer, das die edle Gattin dem Entschlafeneu gebraoht• hat, indem sie aus Schmerzen und Klagen sich emporriss und an eine Arbeit ging, die es nicht zuliess, dass ihr Herz auch nur für einen Augenblick sich von dem Gegenstand ihrer Klage entfernte, wir bewundern den Heldenmath der Frau, die von der Bahre des Geliebten' weg zum Arbeitetische schreitet, um dem Gatten, wie es ia dem Vorwort heisst, ,aus den eigenen Edelsteinen eia bleibeudes Denkmal zu errichten.“ Aber wer darf von der liebenden, von der verehrenden and klagenden Genossin des'fTodten jene Kritik der Kleinigkeiten, die darum doch nicht eine kleinliohe za sein braucht, erwarten? Diese hätte Jemand, dessen Herz weniger betheiligt ist, besser za Stande gebraoht. Die Gabe, die die Wittwe dem Andenken des allzufrüh Verlorenen spendet, verpflichtet uns, die grosse Schaar derer, die Frankl liebten and verehrten, za innigem Danke. Wir wollen hier nicht das Einzelne wägen und erwägen. Ueber das Ganze ist ein Geist der Milde und des Friedens ausgebreitet, der die Predigten za einer erbaaliohen Lektüre für jeden Israeliten macht ohne Unterschied der Parteirichtung, der freisinnige Sude, au den der Entsohlafene nach seiner amtliohen Stellung diese Reden zumeist gerichtet hat, wird dazu geführt, die Vorzüge des alten Judenthums zu würdigen and naohzaempfinden, nnd der konservative Israelit, der fromm und heiss die Vorzeit liebt, wird־ nirgendswo gestört durch ein aufdringliches Anpreisen der modernen Gedanken, durch Schelten und Polemik gegen das Veraltete, womit gedankenarme Redner gewöhnlich ihre Rede füllen. Keine Riohtung des Jadenthnms, sondern das Judentham wird von diesem Manne gepredigt, der selbst gesättigt gewesen ist, von den Gedanken der alten and der nenen Z^it, der den Erianerangen seiner Jagend nie so weit untreu wurde, um jemals die Alten herabzusetzen, and der so fest in der Wissenschaft der Neuzeit wurzelt•, dass •r

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.