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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-08-02 · N° 31. (2.8.1888) · p. Seite 120

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 31. (2.8.1888)
Date
1888-08-02
Page
Seite 120 (sequence 3)
Language
German
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keiten£erachöpfrn oder, dass gerade dem fünften eine kanonische Berechtigung zukomme.*) Wenn nun gar der Talmud selbst die von einem sonst als Autorität anerkannten Manne ans der Misohnah gesogene Schlussfolgerung als falsch beseiohnet (האי דרפרים בדותא היא Krithoth' 14 a), oder einen alle gemeinen Fall, in der Mischnah, wie das sehr häufig geschieht,' auf einen wunderlichen Einzelfall, beschränkt (הכא במאי עסהיק) z. B. Makkoth 8a, wo er die deutliche Bestimmung des Gesetzes, ״wer einen Stein auf einem öffentlichen Platze 80 wirft, dass er unvorsichtiger Weise jemanden getödtet hat, muss in eine Zufluchtsstätte fliehen;* 80 erklärt, dass damit gemeint sei, dass der Betreffende, eine Mauer demoliert habe, und den Schutt auf einen Platz warf, wo sonst nur bei Tag, aber nicht bei Nacht jemand zu weilen pflegte (ליפנות שם)! SO kann er von uns nicht verlangen, dass wir diese erkünstelte Auslegung als traditionell gewährleistet und unumstösslioh ansehen. Wir sehen aber ferner, dass selbst Gesetze, die im Talmud unbestritten dastehen, mit der Zeit abrogiert werden, ohne dass sie jemand ausdrücklich anfgegeben hätte. Wer sich erinnert, mit welcher Heftigkeit die Versuche, einzelne Thora- und Prophetenabschnitte, die uns aus diesem oder jenem Grunde unpassend erscheinen, wie die Lection am Versöhnungstage zu Mincha, durch andere zu ersetzen, bekämpft wurden, der wird einsehen, dass in früheren Zeiten die Auffassung von der Unveränderlicbkeit solcher Bestimmungen gar nicht bestanden haben kann; sonst konnte nicht entgegen dem klaren Ausspruch des Talmuds, (Megilla 31a) der alte Gebrauch am Simchasthora, das Gebet Salomos (1. Kön. 8.22) als Haphtara zu verlesen, so ohne weiteres durch unsern Gebrauch, an diesem Tage, das erste Capitel aus Josua zu lesen, ersetzt worden sein, wofür selbst Tossaphot keine ausreichende Erklärung zu finden vermag. Es war eben damals der blinde Autoritätsglaube an das Wort des Talmuds noch nicht zu solcher Entwicklung gediehen, wie das heute der Fall ist. Auch noch in der spätem Hälfte des Mittelalters finden wir eine freiere Auffassung von der Bedeutung der einzelnen Autoritäten, wie das jetzt der Fall ist. Salomo ben Adereth sagt selbs mit Bezug aut ׳feine Entscheidung des Maimonides in trepha, das ist in meinen Augen ein Irrthum des grossen Mannes שגגה היוצאת מלפני השלים was Josef Caro, der grosse Verehrer des Maimonides in seinen Glossen zum Joreh Deah Cap. 36 naohschreibt. Derselbe B. Salomo ben Adereth sagt auf eine Anfrage, Uber eine schwierige Stelle in den Erklärungen׳ B. Jonathans über die Gesetze aer Unreinheit: ״wir haben keine Verantwortung für diesen Herrn“ TTZp ־,D שר ת הו־שבא ה״א אין אנו אחראיו רהרב, und Salomo Luria wirft in der schon erwähnten Vorrea» zu יש״ש ב״ק dem Verfasser des Schulchan Aruch vor, dass er einseitig die Autoritäten der spanischen Schule bevorzugt habe. Dieser wieder'findet, dass Jakob ben Ascher eine Entsoheidüng des Maimonides falsch citiert (Joreh Deah 246) und alle Gesetzescodices von den ״vier Turim bis auf Abraham Danziger enthalten in Bezug auf Maimonides Auffassung von dem Minimum der Menstruationszeiten י*א יום בין נדה לנדה die zuerst von Nachmani gebrauchten Worte שכבר טעו בו גדולי מחברים (Beth Josef, Jore Deah C. 183). Wir müssen also die Anschauung von einer absoluten Stabilität des Gesetzes, denen überlassen, welche ein Interesse daran haben, das zu glauben, und^haben unsjdabei£absicht- *) Dass Maimonides in seinem MiaehTm.hroTnnnaofai.r so manche \fi«ehnah anders erklärt, als der Talmud, hat Frankel in seinem Mebo ha-Mischnah auch gezeigt. (Red.) lieh der Untersuchung enthalten, ob das Gesetz der Misohnah selbst den Anspruch erhebt, mehr zu sein, als eine oonse<juente A uslegung des mosaischen Gesetze und eine Sammlung der späteren jüdischen Volkssitte. Von uns aber darf niemand verlangen, dass wir Ansichten als ketzerisoh erklären, zu denen Männer, wie Salomo *ben Adereth und Salomo Luria sioh bekannt haben. Die Langade für Lagarde *) In No. 28 f. d. Bl. legt ein Ungenannter ״eine Lanze für Lagarde“ ein. Warum so spät und warum nicht mit offenem Visier? Diese Fragen kann sioh Jeder bei einigem Nachdenken leioht selbst beant- Worten, und so gehen wir denn zu dem Nachweis über, dass jene Lanfade lediglich ein Spiel mit Worten bedeutet, in denen das Zutreffende alt, das Neue unzutreffend und die eigentliche Entschuldigung Lagarde’s so herb ist, wie sie bisher noch kein Jude gewagt. Unser Lancier will aus höheren sittlichen und religiösen Motiven ״jede Schärfe vermeiden und gerecht und mild auch gegen den ausgesprochenen Judenfeind Lagarde sein“. Sehr schön! Worin besteht nun wesentlich seine Milde, seine schonende Bücksicht? In einem Urtheil über ״die seelischen Kräfte* Lagarde’s, das zu wiederholen uns widerstrebt, in einer rhetorischen Frage, von der wir nur einen Theil ihres Inhalts umschrieben wiedergeben mögen: Lagarde’s Ergüsse sind nicht ernst zu nehmen. Dies haben zwar auch hervorragende christliche Gelehrte in ebenso scharfer Weise wie unser Lancier behauptet, jedoch bislang noch kein Jude. — Niemand hat diese Ergüsse ernst genommen, meint der Herr Ungenannt. Niemand? Die Expegtorationen dieses ״Professors und Geheimraths“ hat wirklich noch Niemand ernst genommen? Sind wirklich die Siegfrieds, die Nestles, die Teohens, die übrigen Leser der Schriften Lagarde’s, die seine Auswürfe ernst nehmen, sind sie alle — ״Niemand?“ Wir glauben das nimmermehr, und so lange wir das nioht glauben, halten wir es gerade für ein Gebot höherer Sittlichkeit und Beligiosität, Lagarde’s gehässige Ansiohtsäusserungen über Juden und Judenthum entschieden zu bekämpfen. Dass die Verurtheilung dieser Aeusserungen jüdischerseits Milde, Gerechtigkeit und selbst ״ein Wort der Entschuldigung“ nioht ausschloss, ist unwiderlegliche Thatsache. Wir erinnern an Prof. Kaufmann’s einzigschöne Broschüre, die wir in No. 37 d. Bl. de 1887 besprochen. Was die ״pars dementiae“ betrifft, so denken auch wir gegenüber antisemitischen Freveln an das talmudisohe Dictum: Kein Mensch sündigt, es sei denn der Geist der Narrheit in ihn gefahren. So nannten wir in No. 29 das. das von hässlichem Treiben Einzelner abgeleitete Collectivurtheil über die Juden oder die Christen, ״eine pathologische Erscheinung bedenkliohster Art“, im Gegensatz zu der oft gehörten Bezeiohnung jenes Urtheils als ״Niedertracht“. So gaben wir wiederholt unserm Bedauern über Lagarde Ausdruck, z. B. in No. 36 das.: ״Und doch — es ist nna heiliger Emst — überkommt uns oft Wehmuth über die hässlichen Verirrungen eines Mannes, der ohne dieselben eine Zierde wahrer Wissenschaft geworden wäre. — Lagarde ist ein Mann, der, wenn auch auf falschen Bahnen, naoh Weisheit ringt. — Wir begreifen die Ansicht des Prof. Dr. A. Weber von der Nothwendigkeit seiner zermalmenden Kritik (in Bezug auf Lagarde); und doch bedauern wir Herrn Lagarde aufriohtig“ *) In Na 29, S. 113a Note aub. **) Z. 3 fehlt hinter ״verweisen“: wir.

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