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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-07-19 · N° 29. (19.7.1888) · p. Seite 112

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 29. (19.7.1888)
Date
1888-07-19
Page
Seite 112 (sequence 3)
Language
German
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Zehgemflsse Briefe Ober den Bibelunterricht ksine Schulde ist. Jener Franzose, -der sich wunderte, desa man in Deutschland sich mit dem 80 schweren Worte Wasser quäle und nicht lieber schlechtweg -eau* sage, ist doch kein naohahmenswerthes Muster. Sin Jude, der objectiv au denken sich bemüht, wird einen christlichen Orientalisten, der einmal einen Spaziergang in das Gebiet der jüdischen Liturgie wagt, nicht sogleich darüber schelten, dass derselbe rituelle Formeln und Abkürsungen, die jedes jüd. Kind ▼ersteht, nicht weiss; durch dergleichen wohlfeilen Hohn sohreoken wir die christlichen Gelehrten ▼on der dooh so erwünschten Mitarbeit an der Er• fonohung der spätem rabbinischen Litteratur zurück. Es ist gewiss drollig für einen Juden, wenn H. Ewald ein Stück Siddur, das er auf einem Pergament entdeckt, als einen hochwichtigen Fund veröffentlicht. Aber eine Blamage, d. h. das Kenntzeichen einer einen Professor der Orient&lien entwürdigenden Unwissenheit ist es nicht. Vom Fasten des zweiten, des fünften und des zweiten weiss in Ungarn jeder unreife jüdische Bursche schon, der vielleicht noch nicht buchstabieren kann. Darum hört es nicht auf, für einen jungen Christliehen Göttinger Studenten eine ziemlich entlegene Weisheit zu sein. Endlich das schlimmste, weswegen in diesen Blättern der Dr. Techen schlechtweg der Teohinnim-Doctor genannt worden ist. Wer schon als Kind immer ▼on ״schönen neuen Techinnos11 gehört hat, dem scheint der Plural Techinnim nioht nur ein Schnitzer, sondern ein Schnitzer der seitsamsten Sorte; wenn ein Jude den Plural so bildete, so wäre die Vermuthung berechtigt, dass der Mensch aas einem inpraxi unjüdischen Hause stammt Aber wenn ein Christ, den Fehler macht, so verdient er duroh die Analogie ▼on Tehillim offenbar eine Entschuldigung und Wir werden ihn nur hübsch bitten das künftighin nicht wieder zu thun. Lagarde selbst sucht seinen Briefwechsel mit Napoleon zu ▼ertheidigen; im Grande freilich besteht die Verteidigung darin, dass er sein Verfahren als die Jugendthorheit eines dreiundzwanzigjährigen Jünglings zu entschuldigen bittet: er beruft sich daraufj dass, als dieser Briefwechsel in Frankreich publicirt wurde, er den Minister Falk um Entlassung aas dem Staatsdienste gebeten habe; seine Kollegen hätten ihn damals aufgefordert das Gesuch zurückzuziehen. Wenn die höchsten Behörden des Landes an seinem Benehmen keinen Anstoss gefunden haben, so könnten sich auch seine jüdischen Gegner zufrieden geben. Ebenso führe er, der früher Böttcher geheissen, jetzt den Namen Lagarde durch ein Patent Königs .Friedrich Wilhelm IV. Wir geben diese Notizen wieder um auch in diesen Blättern Lagarde zu Worte kommen zu lassen. Auf einzelnes Wissenschaftliche greifen wir wohl noch später zurück; hier kam es uns nur darauf an, Lagarde in das möglichst günstigste Licht zu stellen. — Der Antisemitismus wird von S. in seiner widerlichsten Form verkündet; einzelne jüdische Gelehrte, wie Perles, Baber, Bacher, Zuckermandel, werden mit Anerkennung eitirt. Der ganze Mann ist nur zu ▼erstehen, wenn man ▼on der These ausgeht, dass er halb Verrücktes bringt. Aber diese These ist, wie wir gezeigt haben, duroh seine eigenen Geständnisse wohl begründet; jeder Irrenarzt glaubt dem Patienten, der es versichert, •dass bei ihm irgendwo eine Schraube 108 ist. Diese Erkenntniss wird uns milder gegen den sonst verdienstvollen Mann stimmen; da ein so galliger Herr ohnedies zu beklagen ist, so liegt umsoweniger Grund ־vor, ihm mit der gleichen ־ Münze zu zahlen, die er in seinem Beutel hat, und seine Fehler allzuscharf und übertreibend zu tadeln.^ Un8erm jüngst an den gesoh. Collegen Herrn Dr. Ph. Kr on er-Brandenburg gerichteten Ersuchen, aus seiner umfangreichen Correspondenz mit Männern der Wissenschaft uns hin and wieder einen, für unser Litteratur• Blatt geeigneten Schriftwechsel, selbstverstündlich mit Genehmigung auch des andern betheiligten Correspondenten, zur Verfügung zu stellen, verdanken wir die gefällige Mittheilung nachstehender Briefe von allgemeinem Interesse: Bremen, den 25. Juni 1888. Sehr geehrter Herr Doctor! In einer zwischen einigen protestantischen Predigera geführten Debatte wurde neulich behauptet, - ■ um den Gebrauch der vollständigen Bibel als eines Schulbuches zu rechtfertigen — dass die Israeliten ״von jeher“ das ganze Alte Testament lesen lassen. Diese Behauptung scheint mir jedenfalls sehr übertrieben und unriohtig. Das ganze Alte Testament hat wohl noch kein israelitisches Kind zu lesen bekommen — höchstens wohl die Thora und einige Thehillim. Doch möchte ich von Ihnen, dem Sachkundigen, darüber etwas genaues erfahren, und sehr dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie mir möglichst bald schreiben wollten, ob den Kindern das Alte Testa• ment zu lesen gegeben wird, ob das Ganze Alte Testament, oder welche Th«äle desselben, ob in diesem Theil des Religionsunterrichts eine bedeutende Veränderung stattgefunden hat seit den talmudisohen Zeiten, ioh meine: in Betreff der Auswahl der Schrifteg. Dass heutzutage für die Kinder eine Thora ezpurgata gebraucht wird, habe ich früher von Ihnen mjt Freuden erfahren*), w(ie ioh mich überhaupt unseres ehemaligen Gedankenaastausohes mit Vergnügen erinnere. ... Es grösst Sie freundlichst Ihr M. Schwalb. Herrn Rabbiner Dr. Kroner, Brandenbarg &. H. II. Brandenburg a. H. 28. Juni 1888. Sehr geehrter Herr Doctor, soeben von einer Amtsreise heimgekehrt, finde ich Ihr werthes Sohreiben vom 25. d. M. vor und säume nicht, dasselbe za beantworten. Von alters her wird die gamte Thora, d. h. die fünf Bücher M., beim öfientl. Gottesdienste gewöhnlioh in 54 Vorlesungen, Sidroth nach der Zahl der Sabbathe des Jahres, hebräisoh vorgetragen; ausserdem findet noch eine entsprechende Vorlesung zum Beschluss, Haphtara (הפטרה), aus der übrigen heil. Sohrift statt Ofr. Lukas 4,16 ff, Apostelgesch. 13, 14—15 a. a. In den hebr. Gebeten kommen viele Psalmen, einzelne Verse aus dem Psalter, sowie Stellen aus andern bibl. Schriften vor. Was den Schulunterricht betrifft, so wurde in frühem Zeiten allerdings — ausser Misohna und Gemara — die ganze Bibel (Mikra מל^א) oder dooh wenigstens die Thora und die Haftara ohne Aus- *) In unserer Becension der ״Kritik der revidierten Lutherbibel“ von Dr. M. Schwalb in No. 47 und 48 d. Bl. de 1884 haben wir aai die jtldischerseits längst hergestellten ״Hausand Sehulbibeln* hingewiesen, des Ausdrucks ״Thora expurgata“ uns aber niemals bedient, schon deshalb nicht, weU derselbe leicht missdeutet werden kann. Kr.

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