Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 26. (28.6.1888)
- Date
- 1888-06-28
- Page
- Seite 100 (sequence 3)
- Language
- German
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später seine Seele in die Wohnung des Liohts d. h. der Frommen and Gerechten einziehen soll. ־Wie sinnig hat dieses Volk nicht schon den Menschen zwischen Himmel and Erde gestellt! Za schwaoh and leidenschaftsvoll für das rein Göttliche, für die vollkommene Tugend and Gereohtigkeit, aber aaoh za gat and werthvoll ftir einen reinirdischen Zweck and für die Thiergemeinschaft, durch die ihm innewohnende Intelligenz, erhielt der Mensch eine Mittelstellung zwischen Gott and irdischen Wesen mit der Aufgabe, durch Anwendung der ihm gegebenen sittlichen Kraft der Gemeinschaft mit den Erdgeschöpfen sich za entringen, am später dem Licht- oder Geisterreiche angehörig za werden. Wie richtig war daher der Kampf zwischen Vernunft and Unvernunft, zwischen Tagend and Laster — also zwischen Licht und Finsterniss — auf die Erde verlegt, wo ja auch die Gegensätze von Geist und Materie in und ausser dem Menschen sich 80 mannigfach and stark za einander finden, dass der denkende Mensch Sich immer and immer za der Frage hingedrängt sieht: Bist da mit deiner thierischen Ab- Stammang, mit deinen Leidenschaften und Trieben, mit Deinen Anfang and Ende ein Angehöriger der Erde, oder befähigt und berechtigt dich der geistige Gehalt, den du in dir trägst, dein Denk-, Begriffsand Vorstellangsvermögen, dein Ziel in einer Region za Sachen, in welcher deine geistige Würde ihren letzten und eigentlichen Bestimmungsort findet? — Solche Zweifel haben immer bei den Menschen existirt und werden nimmer aufhören zu existiren. Allein der Umstand schon, dass solche Zweifel vorhanden waren, dass die Ahnung von dem weiteren Fortleben des Menschen in dem Bewusstsein der Völker nicht gänzlich untergehen konnte, sondern vielmehr die Unsterblichkeitsidee auf die eine oder andere Weise, in den verschiedenen Zeitepochen und bei den verschiedensten Nationen sich fort erhielt — dieses legt Zeugniss davon ab, dass der Glaabe an die Unsterblichkeit niemals seine Berechtigung verloren hat und verlieren wird. — Aus dem analytischen Theile des W er k e 8: Der Physiologe Moleschott erklärt nur die geistige Thätigkeit des Menschen, indem er sagt: ״Die Nerven pflanzen stoffliche Veränderungen als Empfindungen in’8 Gehirn fort. Dieses ist zur Erregung der Gedanken eben so unerlässlich, wie die Leber zur Bereitung der Galle.' Der Gedanke ist eine Bewegung, eine Umsetzung des Hirnstoffes. Die Gedankenthätigkeit ist eine eben so nothwendige Eigenschaft des Gehirns, wie die Kraft ein unerlässliebes Merkmal des Stoffes ist.“ .— ״Die Nerven pflanzen stoffliche Veränderungen als Empfindungen ins Gehirn fort״ — Dieses Axiom können wir, nach unserer oben angeführten Auffassung von der Thätigkeit der Seele (״ von der menschlichen Seele werden in Folge von Eindrücken oder Reizen, die ibr von aussen kommen, sinnliche Empfindungen and Wahrnehmungen gebildet* Beneke.) ruhig bestehen lassen. Aach was der Herr Gelehrte weiter sagt: ״Das Gehirn ist für die Erzeugung von Gedanken so nuerlässlich, wie die Leber zur Bereitung der Galle“ — kann uns nicht stören; wenn er aber behauptet, dass ״der Gedanke eine Bewegung, eine Umsetzung des Gehirn- Stoffes sei“, so lässt dieses sioh sohon weniger begreifen, weil die Anregung zum Denken doch durch irgend Etwas hervorgerufen werden muss. Molesohott sagt nur nichts von der Ursächlichkeit dieser Bewegung und Umsetzung, er sagt nur nioht, von wo der erste Anstoss hierzu hergekommen ist. Wie richtig bemerkt daher nicht auch Professor Hyrtl: ״Die materiellen Vorgänge im Gehirn können nur als Bewegung aufgefasst werden, als Stoffweohsel. Atomengruppirang der 80hwingnng. Nun muss aber aaoh der Materialismus zugeben, dass kein Ding aus sich selbst in Bewegung gerathen kann. Er hat also noch zu suchen und nooh zu finden, von wo der erste Anstoss za dieser Bewegung ausgeht, und wie sofort der materielle Vorgang in das geistige Wesen des Gedankens mit umgesetzt wird*. — Von Carl Mayer lesen wir über diesen Gegenstand : ״Jede geistige Thätigkeit, wie sie auch beschaffen, und wie sie auoh bestehen mag, ist die Verrichtung der Sinneswerkszeuge und dps Gehirns, gapz so, wie jede andere Lebensthätigkeit als Verrichtung von Organen und Organcomplexe betrachtet werden muss.“ Gegen den ersten Theil dieser Behauptung haben wir niohts einzuwenden; wenn aber unser Physiologe meint, dass die Geistesthätigkeit sich vollzieht, wie jede andere Lebensthätigkeitals Verrichtung von Organen und Organcomplexen, so stösst dieses den einfachsten Menschen schon so vor den Kopf, dass er mit wirklichem Erstaunen zu dem Manne der Wissenschaft aufschaut. Die Lebensthätigkeit der Lunge, der Leber, der Nerven etc, diese monotonen, mechanischen Verrichtungen sollen gleichgestellt sein mit dem Wirken und Walten des Denkvermögens, das in selbständiger Weise und in hundert Ver vielfältigungen sich äussern kann und äussert. — Carl Mayer fährt dann noch fort:' ״wenn man die geistige Thätigkeit des Menschen als eine V rrichtuug des Gehirns gleich den übrigen Organen betrachtet, bedarf es nicht mehr der Voraussetzung eines mitwirkenden materiellen Etwas. Sämmtliche der Seele beigelegten Eigenschaften sind nicht aus der Anschauung geschöpft. Es ist also für das Vorhandensein eines solchen, nur begrifflich festgestellten Wesens nicht die geringste Bürgschaft gegeben.“ ״Bürgschaft gegeben!“ — wie? hat uns der Herr Gelehrte vielleicht eine solche für die geistige Thätigkeit der Gehirnmasse allein gegeben, ohne Mitwirkung einer geistigen Substanz, wogegen alle logischen Beweise und alle Vernunftsgiünde sprechen? Haben wir Bürgschaft für alles Hypothetische, das wir auf dem Gebiete der Naturforschung von den Herrn Gelehrten entgegennehmen müssen? Haben wir Bürgschaft dafür, dass das, was jetzt von hervorragenden Männern der Wissenschaft als Behauptung aufgestellt wird, nicht schon im nächsten Jahr für unhaltbar erklärt, — oder gar schon jetzt von anderen massgebenden Autoritäten als ein Irrthum verworfen werden wird? Bei dem nur sehr langsamen Eindringen in die Geheimnisse der Natur, bei dem Dunkel, von welchem man sich dabei immer noch umgeben sieht, wenn es gilt, gewissen physischen Wirkungen auch nur auf die Spur zu kommen, muss man sich ja so oft mit Voraussetzungen begnügen, muss man absehen von der Möglichkeit einer Ueberzeugung — von einer Bürgschaft schon gar nicht zu reden, — wie nun gar nicht hier auf metaphysischem Boden, wo wir es nur mit Abstractionen zu thun haben, von wo soll die Bürgschaft herkommen, die den Herrn sicher stellen könnte in seinem Glauben an eine Seele? Aus dem moralischen Theil des Buches: Mag die Unsterblichkeitslehre auch nur eine relative Bedeutung haben und sowohl ihren Vertheidigern als Gegnern noch ein grosses Feld zur Anführung von Gründen und Gegengründen darbieten, so wird ihr doch das, was sie an moralischem Werth besitzen, kaum abgesproohen werden können. Allein es ist dieser Lehre das Schicksal ihrer Mutter, der Religion, nioht erspart geblieben, dass sie bei harter und