Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 25. (21.6.1888)
- Date
- 1888-06-21
- Page
- Seite 96 (sequence 3)
- Language
- German
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p*lten Buchführung; für die Halaoha galt ihnen der Talmud als emsige Autorität and in die h&laohisehe Diskussion durfte sich die Sohar nicht eindrängen; das binderte diese Männer nioht, hingebende Verehrer der Geheimwissenschaft zu sein; so war es Nachmaniries iu. froherer Zeit, so Jonathan Eilesohäts in späterer Zeit Diese Männer besessen geistige Schalang genng um nioht Träumereien auf das Gebiet der nüoh tarnen Halacha hinäberxasohmuggeln. Joseph Karo war ein logischer Kopf und da er, jedenfalls erst spät, nachdem er schon lange an seinem Hauptwerke gearbeitet hatte, sar Kabbala kam, so war es ihm um so leichter seine Kommentare und seinen Kodex von kabbalistischen Zusätzen fast rein zu erhalten. Cassel hätte schwereres Geschütz entfahren müssen um die Behauptungen Grätz’s zu erschüttern. Die neuhebräische Literatur. VI. Von bedeutenden Dichtern der russischen Sohule *eien noch erwähnt: Dr. Salomo Mandelkern und Dr. J. Kam in er. Der erstere, von dem ein iiramatisches Epos בת שבע vorhanden ist, hat seine Stärke in spitzen Epigrammen gezeigt, in welchen er unbestritten den ersten Bang einnimmt. Auch seine lyrisehe Poesie verräth ein reges Gedankenleben, wie wohl man hier meist jenes lebensvolle Gemüth und die vom Herzen kommenden Empfindungen, wie in der wahren JVolkspoesie Gordon’s, vergebens sucht. Im Allgemeinen ist Mandelkern in der lyrischen Poesie j kein so originelles Talent, wie Gordon. Ganz eigenartig ist Dr. J. Kaminer in seinen j poetischen Schöpfungen. Wenn man dessen Lyrik ganz vom künstlerischen Standpunkte aus beurtheilen wollte, 80 hätte man daran viel auszusetzen. Die Poesie Dr. Kamine!־’s besteht eigentlich nur in gere imten Satiren; und dennoch üben diese einen eigenartigen! Beiz auf den Leser' aus. Herr Dr. Kaminer hat es sich zur Aufgabe gemacht, die allgemeinen Thorheiten seiner Zeitmit scharfer Zunge zu geissein, wobei er , sich einer leidenschaftlichen Diction bedient, die un- ' willkürlich mit fortreisit. Scharf und spitz ist sein י Spott, tlabei vom grössten Schmerz über die Zer-! fahrenheit seines Stammes ergriffen. Die Töne, die j _ ihm nun die Poesie entlockt, sind mächtige Klagetöne über den traurigen Zustand der Judenheit — wenigstens der in Bussland, — die aber in leidenschaftliohem Hass, Verachtung und Verspottung aller vermeintlichen Urheber dieses unglücklichen Zustandes ihren Ausgang finden. Ich sage: vermeintlichen, weil Dr. Kaminer wohl fortreisst mit seiner machtigen Klage, wohl aufs Gemüth wirkt, keineswegs aber überzeugt und bei richtiger Ueberlegung des Lesers wohl eine Zurückweisung erfahren muss. Kaminer ist sehr einseitig und daher in seinem Haupt- "tone ungerecht. Er will nämlich alles Unglück, alle -Unzulänglichkeiten innerhalb dar russischen Judenheit den Culturbe8trebungen zuschreiben. Es ist eigenthümlich, was in dieser Beziehung in Bussland geleistet wird. Die- Cultur ist dort sowohl bei den Bussen selbst, wie bei den Juden sehr jung, in der Begel hat die wahre, humane Bildung noch nicht durohdringen können, und besteht die moderne Civilisation im — modernen Frack; wie es überhaupt in vielen Staaten des Ostens zu finden ist. Aber schon geberdet man sich in Russland — und das ebensowol in jüdischen, wie in nichtjüdischen greisen * als a europamüde* und sehnt sich nach den Urwäldern — Afrika’s. Es herrscht dort ein altkluger, moroser Ton gegen alle Errungenschaften der Cultur, der Laohen erregen müsste, wenn er nioht so traurig wäre. In der Begel ist er nur eine hoohtönende Phrase, wie überhaupt die Phrase in Bussland eine grosse Herrschaft ausübt. In Russland selbst ist man von gewisser Seite bemüht, gegen die abendländische Cultur einen Kreuszug zu veranstalten und in ihrer paradiesischen Unschuld leisten unsere Glaubensgenossen Gefolge. Wenn die Klagen gegen Gebreohen unseres Zeitalters gerecht sein sollten, so dürfen sie nioht einseitig, nach einer Richtung sein. Denn die Culturbestrebungen allein haben nioht alles Unheil verschuldet, von der and :rn Seite her ist mehr — viel mehr — gesündigt worden Dass die Civilisation sich in einem solchen traurigeu Zustand befindet, das« sie eigentlich nur im Naohäffen alles Französischen besteht, haben jene verschuldet, ״welohe nichts gelernt und nichts vergessen.“ Es war eine Zeit in Bussland, in der man einen mächtigen Aufschwung für die Juden hat erwarten dürfen; aber Kleinlichkeitskrämerei und Beschränktheit haben jenen Zeitpunkt vergessen lassen. Wahre Bildung zuzufähren haben jene Kopflosen verhindert; nun hat sich das Volk seine Cultur selbst geschaffen. Dass sie auch darnach ist, kann wthrlich nioht dem eigentlichen Volke als Schuld beigemesseu werden, sondern blos seinen berufenen und anberufenen Führern Wenn die Klagen des Dr. Kaminer gerecht sein sollten, 80 müssten sie nach der angedeuteten Adresse gerichtet sein. Sich blos an die Erscheinung halten, die wahren Ursachen aber verkennen, ist wohl ein Irrthum, der über das erlaubte Mass der ״licentia poetica“ hinausgeht. — Nachdem ich nuu den grösseren Dichtern der russischen Schale gerecht za werden versucht habe, will ich nun die andere Seite der senönWissenschaft• liehen neuhebr. Litteratar hervorheben, nämlich die der Dichtung iu Prosa. Eine schöne Pro>a hat in Bussland M. A. Günzbürg geschaffen. Ein Autodidakt, wie die meisten Bussen, war sein Ziel, belehrend und aufklärend auf seine Glaubensgenossen za wirken. Er wählte daher leichte, dem Volke verständliche Themata, welche er in einem schönen, prunklosen Stil behandelte. Dabei war er aber Meister der hebr. Sprache and beherrschte dieselbe in ihren feinsten Nüancen. Er war der beste in Bussland, der den hochtönenden, phrasenreichen, sogen. Musterstil, der so holperig ausfällt, abgeschafft und dafür eine leichte, gefällige und fliessende Schreibweise einführte. Dabei war sein Augenmerk stets darauf gerichtet, das Angenehme mit dem Nützliehen za verbinden. Er wollte nicht nur unterhalten, sondern auch belehren. Er schrieb mehrere schöne Skizzen, welche in einer Gesammtaasgabe unter dem Titel הדבור erschienen, eine Selbstbiographie unter dem Titel אביעזר, in welcher philosophische Probleme in verständlicher Weise Verflochten sind. Der philosophisohe Gedankengang ist der ersten Abtheilung von Zsohokke’s Almontade entnommen. Ferner schrieb er die Gesohichte der französischen Bevolution bis zur französischen Invasion in Bussland (ימי הדור), ein Meisterstück der Historik, welches auch in moderne Sprachen übersetzt zu werden verdient. Dem gegebenen Beispiel folgend, entstand eine Schule guter Prosaiker. Wir wollen indess nur die Hauptträger hervorheben. Jn erster Reihe verdient Erwähnung der geniale Romancier Abraham Mappu. A. Mappu (geb. 1808, gest. zu Königsberg i. Pr. 9. Oot. 1867) war eine genial angelegte Natur und bekundete ein seltenes Erzählertalent. Da er sein Sujet stets auf originellem Boden innerhalb des jttd. Lebens wählte, so finden wir in ihm ein echtes