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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-06-07 · N° 23. (7.6.1888) · p. Seite 88

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 23. (7.6.1888)
Date
1888-06-07
Page
Seite 88 (sequence 3)
Language
German
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Es genügt hier anzudetrten, dass diese Monatsschrift vom Urbeginn eine entschieden liberale Richtung angenommen hat. Es galt, die in Russland herrschende Finstemiss za zerstreuen, wobei mit mächtigen Factoren zu kämpfen war. Gordon bot auch selbst ver- ־'stündlich seine Hand zu dieser befreienden That. Im ׳השחר erschienen viele seiner ergreifenden, erzählenden Gedichte, welche viel dazu beigetragen, die jüdische Jugend in Russland aus ihrer Lethargie zu erwecken. Also abgesehen von der reinen lyrischen Poesie hat die Tendenzpoesie Gordon’s, auch wo mau mit der von ihm veriolgten Tendenz nicht sympathisirt, einen grossen Reiz Von dieser Tendenz-Lyrik ist zu erwähnen die panaramaartige Schilderung: ״Am nacht- 'liehen Mondschein“, welche alle Gebrechen des 80zialen Lebens der Juden in Russland aufs schärfste geisselt, ״Wem gilt meine Mühe?“ ein klagender Mahnruf an die Alles nivellirende Jugend, ״ Was wird aus diesem Tropfen (Tinte)?“ Die Mängel der Finsterlinge einerseits und der sogenannten Liberalen anderer«eits verspottend, u. n. a. m Ergreifend sind : ,0 theure Schwester!“, ein Trostwort an die jüd. Nation, welche 80 lange und überall verfolgt wird, ,Ihr seid meine Zeugen!“, eine Selbstschau des Dichters. Derselben Tendenz, das orthodoxe, starre Judentham, oder eigentlich den russischen Rabbinisinus zu bekämpfen, dienen fast sämmlliche epische Gedichte, welche auch rein künstlerisch betrachtet einen hohen' Werth besitzen. Hier finden wir alle Saiten eines gefühlvollen Herzens, alle Töne eines stimmungsvollen Gemüths vereinigt, um den todtähnlichen Zustand eines grossen Theils der russischen Judenheit zu beklagen. Der Dichter hat alle Mittel zur Verfügung, die auf das menschliche Gemüth wirken können. Hier den Mitleid erregenden Klageton, dort den scharfen, spitzen Spott, da wird die Bosheit mit aller Gluth eines leidenschaftlichen Herzens bekämpft, dort aber verwandelt sich der Hass in Mitleid und rhythmisch in ergreifenden Tönen ergiesst sich die schmerzvolle Klage über den traurigen, unwürdigen und entwürdigenden Zustand dieses alten Cnlturvolks. Die hebr. Sprache ist nicht arm an solchen poetischen Ergüssen; wir erinnern an das Schwanenlied Moses’, an die gej waltigen Reden des Deutero-Jesaja, an die tiefergreij fenden Worte des Jeremija, oder auch an die Lyrik j eines Gabirol, Jehudah Hstlevy u. A. Aber dennoch j wird man gerne — wenn man für die Feinheiten der I hebr. Sprache Sinn hat — mit wahrem Entzücken j die Schöpfungen der Gordon’schen Muse lesen und | von der Unverwüstlichkeit der heiligen Sprache über-! zeugt sein, oder — werden. | Von dieser epischen Poesie' sei erwähnt: ״Um ein Jota“, das Schicksal eines unglücklichen jüdischen Weibes schildernd, welche« durch die Bornirtheit der Rabbiner um Lr Lebensg'iück kommt, die Pointe ist hier gegen die minutiöse Peinlichkeit bei dem Schreiben eines Scheidebriefes nach mosaischem Ritus gerichtet. ״Um ein Gerstenkorn“, ״Feiertags-Freuden“, ״Zwei Personen desselben Stammes“, letzteres Gedicht das Leben eines nach Wissenschaft und Erkenntniss strebenden Jünglings schildernd, welcher durch die Niederträchtigkeit eines übermächtigen Gemeindetyrannen ein tragisches Ende nimmt. Dies erzählende Gedicht, dem tiefverwundenden Pessimismus huldigend, wonach der Gerechte und Unschuldige eiendlich zu Grunde gerichtet wird, während der Bösewicht hoch zu Ross einhertrabt, erinnert lebhaft an den modernen französischen Roman. Die tiefergreifende Tragik, welche das Herz des Lesers erschüttert, wechselt zuweilen mit erheiternder Komik. Mehr historischem Stoffe entnommen, aber ebenfalls nach der angedeutaten-Richtung tendenziös sind: ״König Zidkijah im Gefängniss“, wo sich der Dichter verleiten lässt, diesen unglücklichen König bittere Worte gegen den Propheten Jeremija führen zu lassen. Dem so uaglücklichen König würden wir diese ungerechten Vorwürfe verzeihen, dem Dichter aber müsste das Schick- 8al des göttlichen Propheten wahrlich mehr Mitleid einflössen, als das des wankelmüthigen Königs. Rein poetisch, ohne jedwede Tendenz ist ״Die Mutter und ihre Söhne“, nach II Makkab. 3, ״In den Meerestiefen“, aus der Leidenszeit der Israeliten zur Zeit ihrer Vertreibung aus Spanien, ״In der Löwengrube“, ein trauriges Bild aas der Zeit der Zerstörung Jerusalem’s durch Titus In letzterm Epos macht auch der Dichter einige Ausfälle gegen den Talmud, welche aber nicht ganz am Platz sind. J. L. Gordon schrieb auch schöne Fabeln und Sonette, Gelegenheitsgedichte u. dergl. m. Alle zeigen die hohen Vorzüge unseres Dichters, auf den die russische Judenheit mit Recht stolz ist. Ebenso «iud noch von Gordon zwei satirische Erzählungen (״Die Welt, wie sie es treibt“) und zahlreiche prosaische Autsätze in verschiedenen Zeitschriften und Jahrbüchern. Ein interessanter Briefwechsel über das prophetische ״Masse“ (משא). Zwischen unserm sehr geschätzten, fleissigen Mitarbeiter Herrn Rabb. Dr. Ph. Kr o ne r in Brandenburg und Herrn Prof. Dr. Georg Weber in Heidelberg ist über das prophetische ״ Massa“ ein Schriftwechsel geführt worden, der uns im Hinblick auf die gelehrten Briefsteller, die Art ihres Verkehrs und den Inhalt ihres Schreibens der Veröffentlichung durchaus werth erscheint. Diese erfolgt denn auch mit Genehmigung der beiden Herren: I. Brandenburg a. H. 7. Mai 1888. Hocbzuverehrender Herr Professor! Von der Ueberzeugung geleitet, dass Ihnen ein Hinweis auf wissenschaftliche Irrthümer in Ihrem bedeutenden Geschichtswerk nicht unerwünscht ist, das durchRichtigs.tellung derselbenin einem Nachtrage oder einer andern Auflage nur noch mehr Freunde gewinnen kann, erlaube ich mir, Ihnen hierneben unter Band die No. 16 des Jüd. Litt.-ßl. ergebenst zu übersenden, in dem ich meine abweichende Ansicht über das proph. Massa (״Last Gottes“) zu begründen versucht habe. Es würde mir zu besonderer Befriedigung gereichen, wenn Sie meinen Versuch beachtenswerth fänden In vorzüglicher Hochachtung Dr. Kroner. Herrn Professor Dr. Georg Weber, Hochwohlgeboren, Heidelberg. II. Heidelberg, den 9. Mai 1888. Hochgeehrter Herr Doktor! Ich fühle mich Ihnen zu Dank verpflichtet, dass Sie meiner Allgemeinen Weltgeschichte 80 grosse Aufmerksamkeit zugewendet haben. Wie gerne würde ich auf Ihre Interpretation der wichtigen und so schwierigen Bibelstelle gründlicher eingehen, wäre ich nicht durch den grauen Staar an der eigenen Schrift-

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