Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 22. (31.5.1888)
- Date
- 1888-05-31
- Page
- Seite 84 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492408-6488258-9805924--1456-4856596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
—J84 — taug der rassischen!Regierung. Reiser Nikolaus, dem es daran gelegen war, die russischen Juden zu oivili• siren, lenkte sein Augenmerk auf Löwensohn. Auoh wurde letzterem angeboten, das Landrabbinat in Rossland, welches die Regierung ins Lehen rufen wollte, zu übernehmen. Löwensohn lehnte es aber in seiner Bescheidenheit ab, was ihn aber nicht abhielt, auf andere Weise seinen Glaubensgenossen zu nützen. Das weitere Sohioksal dieses am 17. Febr. 1860 verstorbcnen Caltnrkämpfers - gehört nicht mehr der Litteratur-, sondern der Culturgesohichte Russlands an. Moses ben Isaac, ein vor der Austreibung aus England daselbst geborener Grammatiker und Lexicograph. Unter den grossen Geisteslicbtern, welche während des 13. Jahrhunderts am Himmel der hebräischen und rabbinischen Litteratur leuchteten, nimmt Moses ben Isaac (oder Moses ben Hanassiah) einen hohen und erhabenen Rang ein. Er war ein Engländer)- geboren in dem abgelegenen Flecken Ban gay in Suffolk, in reiferen Jahren in Norwich wohnend, ein erfahrener Reisender und Sprachforscher. Die englischen Juden dürfen mit Stolz auf ihren Landsmann zurückblicken, dessen einziges Werk erst in jüngster Zeit gedruckt wurde (nur theilweise, wie ich glaube) dessen Anssprüche schon vor Jahrhunderten diskutirt und erörtert wurden und dessen grosse Gelehrsamkeit von jedem gerühmt wurde, der nur einen flüchtigen Blick in sein GTC7I ספר geworfen hatte.*) Zunz, Steinschneider, Neubauer, Graetz, Collins, Dukes und andere haben jeder seine besondere Meinung über diesen hervorragenden Gelehrten, aber keiner von ihnen war im Stande, seinen englischen Ursprung nachweisen oder über seine Familienangehörigkeit genaue Auskunft geben zu können. Sie massen sich auch nicht an, Vermuthungen attfzustellen, weil das Werk des Moses ben Isaac weder einen leitenden Gedanken, noch eine bestimmte Angäbe enthält, wodurch ׳'ie Nachforschung unterstützt werden könnte. Der Verfasser sagt einfach, dass er ein Engländer sei, dessen Vater Isaac und dessen Mutter Hanassiah geheissen. Mir, der ich zufällig mit der Geschichte der frühem Jaden Norwichs ziemlich vertraut bin, scheinen die Namen seiner Zeitgenossen (wie sie angeführt sind) zu beweisen, dass der Lexicograph, wenn er auch thatsächiich selbst nicht in Norwich gelebt hat, doch mit denen bekannt war, welche in dieser alten Stadt wohnten. Er musste also ganz entschieden ein Norwicher sein, oder in einem nicht weit davon entfernten Orte gelebt haben. Das schätzbare Bach ״Shetaroth“, welches in jüngster Zeit hier erschienen ist, kommt uns nun bei unsern Untersuchungen sehr zu Statten und scheint die schwierige Frage mit einer ziemlichen Genauigkeit zu lösen. Moses ben Isaac war zugleich Moses ben Hanassiah., Der erstere Name ist zu gewöhnlich und allgemein, als dass er uns einen Anhalt bieten könnte. Es geht mit diesem Namen wie mit den Namen John Smith oder Thomas Jones in unserer Zeit. Ganz anders verhält es sich aber mit dem Namen ״ Hanassiah“, wie wir weitersehen werden. Englische Jüdinnen, besonders in Norwich und Hereford fanden Vergnügen an dem Namen ״Cuntesse“ lateinisch ״Comitissa“ manchmal auch ״la Comitissa “, hebräisch הנשיאה (Hanassiah) als Feminin *) Wir haben über dieses grammatische Werk eine Becension im Jahrg. 1882, No. 23 (S. 9D dies. Bl. gebracht. (Red.) von נשיא (Fürst oder Graf) mit dem Artikel »ה* (Ha — die) Verschieden• Jüdinnen führten diesen Namen, aber keine derselben, so weit meine Forschungen reiohen, hatte einen Mann, Namens Isaac mit einem Sohne, Namens Moses. Eine jedoch, aber auoh nur diese eine, sagt die Beschreibung, (siehe Index zu Shetaroth) ״Cuntesse* war verheirathet mit Isaac aus Bungay und bei dessen Hinsoheiden besass sie ein Haus und Ländereien in Norwich. Also war Bungay der Geburtsort unseres berühmten Lands-! mannes und Norwich höchst wahrscheinlich sein : Domicil. Hier hat er sich zwar nicht beständig aufj gehalten, denn er soheint den Continent in Gesellschaft französischer Rabbiner bereist, und im , Auslande eine genügende Kenntniss der arabischen 1 Sprache sich erworben zu haben. Die ״Shetaroth“ geben auch noch fernere An- , deutungen darüber, dass Bungay ein Sitz der Gelehr- ■ samkeit war. In der Periode, welche wir behandeln,; hatte es einen R. Josse, R Josse der Fromme.! auch einen R. Meier, welche alle nach Norwich! übersiedelten, auch einen R. Hiam und R. Jakar, ] welche wir in den Tossefoth finden, aber nicht in den : Shetaroth. Die Bungayaner scheinen sich zerstreut : zu haben und zwar theils nach Nottingham theils! nach Lincoln. (Siehe Index zu Shetaroth ). Ursprüuglieh war Bungay eine grosse und bedeutende Gemeinde, welche für die Staatskasse Steuern bezahlte, : wie dies aus alten Urkunden aus der Regierungszeit Heinrich II. zu ersehen ist. Der Vater unseres Mo-es 1 ist also der היד,יל (der wohlbekannte); aber so hervor- ן ragend dieser auch einst gewesen sein mag, heute wissen wir nichts Weiteres über ihn. Er scheint | weder Rabbiner gewesen zu sein, noch sonst ein Gemeindeamt bekleidet zu haben. (Nach dem ״Jew. Chron.“ — von M. D. Davis ) Ein argumentum ad hominem gegen Herrn Prof. Paul de Lagarde. In seinen ״Mittheilungen“ über Zunz, die wir in d. Bl. Jahrg. 1887 gewürdigt, hat Herr Prof. Lagarde die Klage eines jüdischen Dichters des Mittelalters über die Ausgrabung der Leichen unschuldiger jüdischer Kinder mit dem ironischen Vorwort reproducirt, dass sie ״auf Grausiges deutet“, und das höhnende Nachwort geleistet: ״Weshalb die Feinde die Judenleichen ausgegraben haben, erfährt man nicht. Waren die Feinde LeicheDflederer? Anatomen? Ozermaks?“ Herrn Lagarde’s geist- und heilloser Spott und Hohn über die ״Judenleichen“ ist s. Z. von uns (in No. 25 ff. d. Bl. de 1887) sowie von Herrn Prof. Kaufmann in dessen von uns besprochener ״Erwiderung“ gebührend heimgewiesen worden. In No. 18 der ״Israelitischen Wochenschrift“ vom 3. Mai werden in einer Korrespondenz ״von der preussisch-russischen Grenze“ unterm 27. April ähnliche, himmelschreiende Leichenschändungen berichtet. Mit dem Hinweis auf dieses neueste, leicht koptrollierbare Argument verbinden wir die bescheidene Bitte, Herr Prof. Lagarde möge, wenn er ״kann“, jenen Bericht als falsch erweisen, und wenn er es nicht kann, uns doch sagen, weshalb die betr. Unmenschen in Kurland die Leichen unschuldiger jüdischer Kinder schänden und — weshalb sie nioht bestraft werden; ferner, ob sie ״Leiohenflederer, Anatomen oder Ozermaks“ sind. Der Korrespondent von der preussisch-russischen Grenze wie unsere Wenigkeit weiss nur, dass jene verthierten Gesellen aas Rohheit die fraglichen Sohandthaten begehen und aus