Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 21. (24.5.1888)
- Date
- 1888-05-24
- Page
- Seite 80 (sequence 3)
- Language
- German
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— 80 — einen ״jüdischen Hannibal“, einen ,jüdischen Alexander Humboldt“, also auoh einen ,russischen Mendelssohn*. Indess solche Zusammenstellungen hinken in der Regel und sind oft lächerlich. Ohne den Manen Löwensohns zu nahe zu treten, können wir sohon die Zusammenstellung dieses russischen Caltarkampiere mit dem feinen, philosophisch geschulten Berliner ־Weisen als lächerlich bezeichnen. Löwensohn (der in Grätz’ Gesohiohte nicht erwähnt wird, was schon oft Reklamationen seitens der Russen verursacht) ist am 2. September 1787 zu Kremenez (Krzemienicz im russischen Gouvernement Volhynien) geboren worden. Seine Jugendgeschichte gleicht der fast sämmtlicher jüdischer Knaben jener Zeit in Polen. Das Gouvernement Volhynien ist noch jetzt der Sitz finsterer und fanatischer Dummgläubigkeit, ein Tummelplatz des krassen Chassidismus, der dort seine Orgien feiert, ln Volhynien ist weder talmudische noeh profane Bildung zu suchen, sondern blos chassidische Alfanzereien. In dieser giftigen Atmosphäre wuchs der Knabe Löwensohn heran. Die ersten Strahlen allgemeiner Bildung erhielt unser Löwensohn mittelbar ans Deutschland. Ich sage mittelbar, weil wir uns keine Verbindung zwischen Berlin upd Kremenez denken können. Dagegen fing es schon längst in Galizien zu gähren an, namentlich Brody, die damalige Freihandelsstadt, nach der viele deutsche Juden kamen und die wiederum mehrere aus ihrer Mitte nach Deutschland entsendete, stand damals an der Spitze der jüdischen Civilisation. Von Brody aus pflanzten sich diese Culturbestrebungen nach den andern Orten Galiziens, aber auch nach den ehemaligen polnischen Provinzen in Russland fort. Der Zufall wollte es, dass Löwensohn, einer der Ersten, in Volhynien die ersten Strahlen jüdischer Cultur in Polen -auffing. Eben -in Brody lernte der jung verheirathete Löwensohn — nach Landessitte kamen alle jungen Männer früh in’s Ehejoch — die Hauptträger der deutschen Cultur in Galizien kennen. Mit den Gebildeten in Brody stand er im eifrigsten Verkehr. Der Bildungsgang aller derartiger Autodidakten war ein äusserst schmerzvoller, aber zugleich von natür- ,liehen Consequenzen begleitet. Zuerst Vertiefung in die talmudischen Lehrfächer, dann Zweifel und Grübelei, d^nn ein Anfraffen, um den Wissensdurst durch profane Bildung zu löschen, Verfolgungen seitens der fanatischen Glaubensgenossen, mühsame Aneignung einiger Bildung, um dann — nach kaum erreichter Selbstständigkeit — vom Lernen zum — Lehren zu übergehen. ‘ Auch unser Löwensohn hatte diesen dornenvollen Weg durchschritten. Etwas vom Autodidakten blieb ihm 6tets anhaften. Zeitlebens konnte er sich nicht zu einer universellen Anschauung־ über Juden und Jndenthum emporschwingen, wozu noch seine, allen Autuodidakten anhaftende Rechthaberei kam. Trotz seines umfassenden Wissens in den jüd. Lehrfächern, trotz seiner Belesenheit in der profanen Litteratur blieb er stets bei vielen Vorurtheilen, welohe er gegen Anhänger einer freiem Anschauung — wie z. B. gegen den bereits erwähnten Reggio — mit grosser Leidenschaft vertheidigte. Inde»8 darf nie vergessen werden, dass bei derartigen Pioniren einer neuen Zeitepoche selten ein volles Bewusstsein über das von ihnen erstrebte Ziel anzutreffen ist. Löwensohn hatte das kummervolle Brod des Hauslehrers gegessen. Dennoch ging er daran, über die Aufgabe des Judenthums ein Werk zu schreiben. Dies Buch, das Erstlingswerk Löwenaohn’s,!תעודד בישראל, hatte den doppelten Zweck: der reifem jüd. Jugend Kenn tu iss der Gesohiohte ihres Volksstammes undadie Ueberzeugung beizubringen, dass das',Erlernen einer modernen Spraohe, namentlich der Landesspraohe, nioht nur nioht verpönt, sondern eine Pflicht sei. In Bezug auf wissenschaftlichen Werth dürfen wir an dieses Buoh nioht mal die bescheidensten An- I Sprüche stellen. Es sind da veraltete, von der Wissenschaft bereits überholte Notizen zusammengekramt, welohe alle jeder kritischen Sichtung entbehren. Dazu kommt noch ein Umstand, welcher für jene Zeit charakteristisch ist. Die ersten Bahnbrecher inner■ halb der russischen Judenheit gingen stets von einem und demselben Standpunkte aus: von dem des talmudischen Wissens. Das profane Wisseu — um geduldet zu werden — musste als nicht widersprechend, oder gar als aus dem Talmud hervorgegangen sein, wobei in der paradiesischen Unschuld, in der sich unsere Gulturführer befanden, oft recht Lächerliches geleistet wurde. Gilt dies als Merkmal der ganzen Zeit, so artete dies bei Löwensohn zur Manie aus, zu einem Steckenpferde, das er so oft reitet. Was au derartigen Behauptungen Lächerliches geleistet wird, ist schwer zusammenzustellen. Und alles dies mit einem naiven Ernst, der einer bessern Sache würdig wäre. lndesssn so geringfügig — objectiv betrachtet — und bescheiden die erste Leistung Löwensohn’s war, so bildet sie dennoch den Beginn einer ueuen Epoche in der russischen Judenheit, wie es auch Löwensohn beschieden war, eine bedeutende Rolle zu spielen und an dem damaligen Bestreben׳ der russischen Czaren Nikolaus, den Juden seines Landes abendländische Cultur zuzuführen, grossen Antheil zu nehmen. In dieser Richtung war Löwensohn uneigennützig und von seltener Lauterkeit des Charakters, so dass man ihm trotz der bedenklichen Wendung in den Culturbestrebungen unter Nikolaus, welche in der Regel durch die härtesten. Massregeln in’s Leben traten, keine Schuld beimessen kann. Gut gemeint waren jene Bestrebungen allenfalls; aber da zu rasch eingegriffen wurde, musste nothweudig ein starker Widerstand hervortreten. Dieser Widerstand hatte die schlimmsten Folgen, welche aber erst jetzt fühlbar geworden sind. Belgrad, im Mai 1888. Dr. S. Bernfeld. Zu*־ Chronologie. Von L. Cohen in Rees a. Rh. (Fortsetzung aus Ko. 20.) In Rabbiner S. J. Fin’s ריה נאמנה? (Geschichte der jüdischen Gemeinde Wilna ist Folgendes zu berichtigen: s. 25, z. 5: (כי ביום .7 יולי<כא תמוז. — Der 7. Juli des in Rede stehenden Jahres 1794 entspricht dem 9. Tamus. S. 37, Z. 11: 118 s’appliquent meine ä l’astrologie. — Sollte dies nicht vielmehr heissen ״ä l’astronomie?“ (Vgl. z. 3 v. u.: וחכמת החזיק.) S. 46: 1810 ווארשאוי 12 יאנואר.— Es muss heissen 1816. S. 63: R. Menaohem Manes Chajoth starb ב־ ח׳ אייר כי פנה היום שמש דרת קדח־ ושמים■ — Der gelehrte Herr Verfasser beanstandet mit Recht die Jahreszahl 246 a. m., übersieht aber, ■dass auch schon das M o n a 18 datum nioht zu demselben stimmt, da im Jahre 5246 mit der Formel זש״ג der 8. Jjar nioht auf Montag, sondern auf Donnerstag fiel. Da aber auoh in dem angenommenen Jahre שצ׳יו mit der Formel א TH des 8. Jjar nicht auf Montag, sondern auf Dienstag fiel, kann dasselbe dennooh das riohtige sein, wenn berücksichtigt wird, dass nach