Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 17. (26.4.1888)
- Date
- 1888-04-26
- Page
- Seite 64 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Die JRelig i on der marokkanischen Jaden ist im Ganzen and Grossen dieselbe, wie die der meisten Jaden in allen Ländern der Erde: die mosaisoh-tal• Kindische. Im Ceremoniell jedoch weichen sie mehrfisch von anderswo gangbaren Eiten ab. Wie es bei ihrem niederen Bildungsgrade voraaszasetzen ist, ist es weniger das Wesen der Religion als die Aeasserlichkeiten, die von ihnen erfasst and gehalten werden. Doch kann ihnen der Vorwurf von religiösem Fanatismns and Zelotismns, wie bei den Maaren oder bei ihren eigenen Glaubensgenossen in gewissen Gegenden Ostearopa’s, nioht gemacht werden. Hinsichtlich ihrer allgemeinen Lebensweise, der Sitten and Gebräache jedoch sind die marokkanischen “Juden von ihren in Earopa wohnenden Stammesgenossen grandverschieden. Dieselben sind bei ihnen ganz der Stellung entsprechend, die sie eben im dortigen Lande einnehmen. Innerhalb des streng abfesohfossenen Juden quartiers, Meläch — Salzstätte . i. verwünschte Stätte — genannt, ganz auf sich selbst angewiesen, hat sich im Laufe der Geaeratiouen ein ganz eigentümliches gesellschaftliches Leben eatj wickelt, wie es sich nar in einiger Aehnlichkeit in : den frühem Jadenqnartiereu und Ghetto’s Europas I ▼orgefanden haben mag. In einigen Ortschaften wird I bei den Jaden nicht 80 strenge auf das aasschliesslieh Wohnen im Meläch geachtet. (In Tanger giebt es überhaupt keinen eigentlichen Meläch.) Jede grössere jüdisohe Gemeinde zahlt eine Gesammtsteaer an die Regierung, Ghefia genannt. Aach in der Kleidung unterscheiden sich die marokkanischen Juden von den übrigen Landesbewohnera. Männer sowohl als Frauen haben ihre eigene jüdische Tracht. Bei den!Männern ist dieselbe mehr einfach und schmacklos. Die Fraaen entfalten schon mehr Luxus Gewisse Kleidungsstücke der Mauren sind ihnen direkt verboten. In. den Hafen- Städten, an den Berührungspunkten mit den Europäern, beginnt sich die europäische Tracht anter den Juden beiderlei Geschlechts immer mehr einzabürgern. Die Juden in Marokko bilden einen wichtigen, geradezu unentbehrlichen Factor im Lande, ohne welchen das Reich sich nicht einmal auf der jetzigen Stufe, 80 niedrig dieselbe auch ist, erhalten könnte. Sie bilden das Mittelglied zwischen den arbeitenden, aber nioht za verwerthen verstehenden niedem Klassen and den bloss geniessenden, aber jede Mühe and Arbeit scheuenden höhern Klassen. Sie sind das ־ einzige Element im Lande, das wenigstens einige Aehnlichkeit mi£ europäischem Bürgertham hat. Der Handel and die Handwerke sind grösstentheils in ihren Händen. Zugleich sind sie das einzige Verbindungsmittel zwischen dem Lande and dem Aaslande. Ihre Sprachkenntnisse and ihre Geschmeidigkeit befähigen sie überall za Dollmet schera and Vermittlern, während der Manre nar mit schwerer Mühe and widerwillig die a unreine Sprache der Ungläubigen “ erlernt. Die Jaden sind zugleich das einzige earopäerfreundliche Element im Lande. Trotz aller ihrer Schattenseiten weiss and fühlt jeder Earopäer, dass er nur za ihnen allein Vertrauen bekundet darf and dass nar die Jaden allein im ganzen Lande, offen oder still, treu and aufrichtig za Earopa halten and nar von dorther Stütze and endliche Erlösung erwarten. Earopäer and Jaden sind in Marokko auf beiderseitige Freundschaft angewiesen, beider giebt es beiderseits so manche anrühmliche Ausnahmen. Die Jaden in Marokko bilden wohl zusammen ein homogenes Ganze. Doch kann man immerhin dieselben in z we i durch Sprache and einigermassen aach durch Tracht and Sitten verschiedene Kategorien eintheilen: in Spanis che Juden oder Jtflen der Kü ste and in Juden des Innern. Die Spanischen Juden stammen grösstentheils von den während des 15. Jahrhunderts aus Spanien exilirten Jaden ab, die sich naoh Marokko flüchteten. Sie bedienen sich noch bis jetzt in ihrem Umgänge der spanischen Sprache, und zwar eines vom gegenwärtigen Spanisch etwas verschiedenen, altoastilisohen Dialeots mit einzelnen hebräischen und arabischen Worten gemengt. Sie sind grösstentheils Bewohner der Küstenstädte und nur in geringer Anzahl aach in einigen Städten des Innern, zu finden. Sie stehen vielfach mit dem Ausland in Verbindung, sind grösstentheils Geschäftsleute oder Agenten der fremden diplomatisohen Vertreter und sämmtlich mehr oder minder in stets zunehmender Earopaisiruug begriffen. Sie bilden gleichsam die Aristokratie unter : den Juden Marokko’s. Sie suchen stets alles Mögliche anzuwenden, um nar unter welcher Form immer irgend welchen Schatz einer fremden Regierung zu erlangen. Dafür sind sie aach den Mauren ein Dom im Auge und werden von denselben gründlich gehasst. Und während der Maure seine gegen die auswärtigen Sohützlinge ohnmächtige Wuth an den armen, ungeschützten Jaden des Innern auslässt, die er eigentlich nicht so sehr hasst als verachtet, ist der spanische Jude der Küste bestrebt, in vollen Zügen die Civilisation der Europäer sich anzueignen. Und auch darin ist der marokkanische Jude dem Maaren entgegengesetzt, der sich so weit als möglich derselben entzieht und nur schrittweise uul mit zögerndem Misstrauen derselben entgegen kommt. (Schluss folgt.) Der ״Baalschem“ Dr. Falk. Von S. Scheoliter.*) Vor 3 Jahren machte Herr Dr. Neubauer iu einer Notiz des ״ Jew. Chron.“ (Dec. 19. 1884.) auf ein Tagebach des Baalsohem Falk aufmerksam, welches er anter den Handschriften des Beth-Hamidrasch entdeckt hatte. Karze Zeit hiernach gab er eine Be- Schreibung desselben in seinem vortrefflichen Catalog über die hebräischen Handschriften dieser Bibliothek. Es ist mir nicht bekannt, ob seitdem das Tagebuoh zum Gegenstände weiterer Stadien gemacht worden ist. Inzwischen bin ich durch Zufall in andern Werken der jüdischen Litteratur Hinweisungen aaf diesen Basischem begegnet. loh behaupte nun nioht, dass die folgenden Mittheilangen im Stande sein werden, den Schleier über den obengenannten Dootor zu lüften, halte es jedoch für nicht unmöglich, dass dieselben in Verbindung mit andern Details aus der Handschrift denjenigen, welche mit der englischjüdischen Geschichte besser bekannt sind, als ioh, von irgend welchen Nutzen sein werden. Das Tagebuch enthält 59 Octavseiten und ist in!•panisch-rabbinisoher und deutscher Carsivsohrift geschrieben. (Neabauers Catalog § 127.) Mehrere von diesen 59 Seiten sind jedoch unbeschrieben und andere ausgeschnitten. Die Spraohe ist hebräisoh; der Schreiber scheint jedoch mit der Syntax nioht auf vertrautem Fasse gestanden zu haben and begeht ausserdem manohen Verstoss gegen die Orthographie. Die Thatsachen, welchen wir in der Handsohrift begeguen, fallen in die Zeit vou 1756 1782 ־. Der grösste Theil ihres Inhalts ist mystischer Natur. So bedient sioh Falk einer gewissen Anzahl hebräischer Wörter, wovon jedes, wenn es orthographisch richtig geschrieben wäre, irgend einen Gedanken aasdrücken würde, *) Nach dem Jewish Chronicle.