Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 16. (19.4.1888)
- Date
- 1888-04-19
- Page
- Seite 60 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Charakter der marokkanischen Jaden, bezüglieh der nicht angeborenen, sondern von den Verhält• nissen bedingten Eigenschaften, ist deren dortiger socialer Stellung entsprechend. Jedes Land hat die Jaden, die es verdient! Und wahrliob, Marokko verdient keine bessern. Wenn schon der Maare, wie erwähnt, unter der rechtand gesetzlosen Willkürherrsohaft zur־ Lüge und Verstellung geradezu ge- ■wangen ist, am wie viel mehr der noch tief nnter demselben stehende Jade. Die sohrankenlose Unterwürfigkeit vor dem Hähern, die beim Maaren durch die Gewalt der Umstände erzwungen ist, ist beim dortigen Jjaden mehr als darch die Umstände erzwangen, sie ist ihm strikte vor geschrieben and jede geringste Auflehnung dagegen wird aufs Grausamste bestraft. Daza gesellt sich die tiefe Verachtung, die der Maare für den Jaden doppelt empfindet, sowohl seiner niedera Stellung halber, als aach seiner verschiedenen Religion wegen, wesshalb der dortige Jade aach noch nebst dem übrigen Dracke einer Menge demüthigender Beschimpfungen aasgesetzt ist. So lebt der marokkanische Jade inmitten der barbarischen Horde dahin, keinen Augenblick seines Lebens and seines Vermögens sicher, steter, das Ehrgefahl abstumplfenderDemüthigung aasgesetzt, nirgends Schatz findend and demgemäss entwickelt sich aach sein Charakter, — der eines elenden Sklaven. Wenn der marokkanische Jade trotzdem nicht so sehr verkommen ist,'wie es andere an seiner Stelle schon längst geworden wären and er überdiess ge-!fügenden inneren moralischen Halt besitzt, am seinen Zustand za ertragen, so ist der Grand davon mehrfach: Zunächst, dass der Maare den ihm anentbehr• liohen, weil 'za'Allem sich'1׳ ergebenden Jaden, den er ohnediess als eine Art Eigentham betrachtet, so ziemlich schont and sich, mit dem Bewusstsein begntigt, jederzeit demselben alles Beliebige anthun za können. Auch ,ist es oft die Furcht vor einem MÜchtigeren, die den Maaren׳ abhält, dem Jaden nahe za treten, indem dieser Mächtigere, unter dem Vorwände, den Jaden za schützen, eine willkommene Gelegenheit finden würde, dessen Uebelthäter za fassen. Aach die Sohea vor Bekannt werden anter den Fremden im Lande and den daraus folgenden Conseqaenzen hält manchen bösen *Streich von den Jaden ab. Dann aber and hauptsächlich die bekannte moralisch• Stütze and Kräftigung, die der Jade stets in der Noth daroh das Zusammenhalten der Stammesand Leidensgenossen einerseits and in den von den Ahnen ererbten Traditionen anderseits findet and die ihn so manches kaum erträgliche ertragen macht. Von der geringen Anzahl glücklicherer Stammesfenossen jn den Küstenstädten, die anter den Aagen er fremden Consaln etwas freier aafathmen können, oder denen es gar gelangen ist, einigen direkten oder indirekten europäischen Schatz za erlangen, von diesen hoohbeneideten Stammesgenossen erfahrt er, dass jenseits der Grenzen seines Landes Tausende seiner Glaubensand Stammesgenossen leben, Freie anter Freien, die einstmals ebenfalls gleich ihnen. Einechte der Geknechteten, waren. Und so daldet and leidet er weiter, sich in sein anvermeidliches Sohicksal fügend and der Stande der Erlösung harrend. Schliesslich ist bekanntlich der Mensch ein Gewohnheitsthier. So manches nach anseren Begriffen kann! Erträgliche ist dem marokkanischen Jaden von Jagend aaf gewöhnt und für ihn kaum empfindlich oder gar nicht bemerkbar, weil ihm der Massstab fehlt, Vergleiche anzastellen. Und wenn der dortige Jade sich in seine Ausnahmestellung geduldig fügt, was ihm bei seinem angewöhnten Charakter nicht so schwer wird, als es nach europäischen Begriffen denkbar erscheint, 80 kann sein Leben ein erträgliches, wenn aaoh gerade kein glückliches genannt werden. In den Hafenstädten, wo die Europäer den Ton angeben, gestaltet sich dasselbe manohmal ganz leidlich. Doch schleppt der marokkanische Jade, so lange er noch in irgend welcher Verbindung mit seinem Stammlande ist, stets die Sklavenkette hinter sich. Und wenn deren maarische Ringe gelockert sind, so fügt 80 mancher Earopäer andere voü eigener Fassang hinzu. Wenn indess der marokkanische Jade nebst seinen eigenen schlimmen Seiten noch so manchen Fehler der Mauren besitzt, 80 besitzt er nicht minder, nebst den eigenen bessern Eigenschaften, so manche der bessern Eigenschaften der Letzteren. Einfachheit und Natürlichkeit sind ihm so wie dem Mauren eigen, im Gegensätze zu der, unter einem Wüste von Formeln and Ceremoniell entstellten, dem einfach und logisch denkenden Naturmenschen oft geradezu unverständliehen Hypercultur der sogenannten Civilisirten. Persönliohe Feigheit und Furchtsamkeit, dieser den earopäischen Jaden so oft gemachte Vorwurf — allerdings bereits ein überwundener Standpunkt — ist beim marokkanischen Jaden wenig zu finden, selbstverständlich nicht dem Maaren oder Earopäer öffentlieh gegenüber. Aber die Gefahr an and für sich scheut er nicht besonders. Zum. Theil mag dies von dem geringen Werthe, den das Loben im Ganzen für ihn hat, herrühren. Der ebenfalls in Europa so oft gehörte Vorwarf, dass der Jade arbeitsscheu sei und besonders harte Arbeit scheue, würde in Marokko geradezu lächerlich klingen und höchstens auf die Araber passen. Es ist indess richtig, dass sich auch dort die Jaden gerne dem Handelsstande zawenden. Doch ist die Zahl der Letzteren bedeutend geringer, als die der Arbeitenden. Am zahlreichsten ist unter den marokkanischen Jaden der Handwerkerstand vertreten. Gleich allen Unterdrückten, und dem jüdischen Charakter überhaupt entsprechend, hat der marokkanische Jade Mitgefühl für alle Leidenden. In dieser Hinsicht ist er das gerade Gegentheil des Mauren, der gegen den in seiner Gewalt befindlichen Feind gefühllos, roh und grausam ist. (Forts; folgt.) Collectanea. Von Dr. Ph. fCroner, Rabb. in Brandenburg a. d. H. XXVIII.*) Die ״Last Gottes“. Es erben sich Irrthümer wie eine ew*ge Krankheit aach bei hervorragenden Männern der Wissensohafb fort, namentlich wenn dies« ihre Urtheile über Gegenstände des Jadenthams aas Sekundärquellen schöpfen. .׳ In der Allgemeinen Weltgeschichte von Georg Weber (Zweite Auflage. Unter Mitwirkung von Fachgelehrten revidirt and überarbeitet) lesen wir im 4. Band S. 149 folgenden Passus: ״Wie die alten Propheten die einströmenden Worte der Weissagung mit Zittern als eine ״Last Gottes“ empfanden, so gaben die Apostel die 8türmisch aaf sie einbrechenden Gedanken in schwärmerischen fremdartig klingenden Reden and Lobgesängen kand.“ Wer den Gelehrten der Allgemeinen Weltgeschichte diese ״Last“ aafgebanden? Luther, der in seiner Bibelübersetzung — gleich Hieron. and Andern — das hebr. משא mit ״Last“ wiedergiebt, and zwar wohl deshalb, weil es öfter von drohenden Orakeln steht. Diese Uebersetzang bezeichnet u. a. das Hebr. *) Iu No. 15 d. Bl. S. 57a Z. 1 v o. lies Bienen (nicht Beinen)