Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 14. (5.4.1888)
- Date
- 1888-04-05
- Page
- Seite 52 (sequence 3)
- Language
- German
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des vorigen Jahrhunderts-oder von den zeitgenössisehen polnischen und ungarischen Talmndisten, 80 ist dies, je nach dem Bildungsgrade der Betreffenden bewusste oder unbewusste Löge. Wie steht es nun mit der Kabbalah? Die Orthodoxen nehmen ihr gegenüber eine zweifache Stellung ein. Die einen verhalten sich zu ihr ,geradezu ablehnend und betrachten sie als Unkraut auf dem Felde des׳ rabbinischen Judenthums, die andern wiederum verhalten sich zu ihr ganz passiv. Das erste fialsob, das letztere inoonsequent, denn, wer die Kabbala nicht als phantastisches Lügengewebe, als eine bedauerliche Verirrung des religiösen Gedankens betrachtet, muss sich zu ihr voll und ganz bekennen. Darum wäre es consequent, wenn der Redacteur des ״Israelit“, der seinerzeit deu Rabbi von Sandec, Chajim Halberstamm, im Gegensätze zu dem gleich• zeitig verstorbenen Zacharias Frankel, als Heiligen feierte, zu den Festtagen nach Sadagura wallfahrtet» oder selbst trachten wollte, zu solcher Heiligkeit zu gelangen, dass er im Stande wäre, den Gläubigen Kameoth (Amulette) auszutheilen, die dann unter voller Verantwortlichkeit der Redaotion im Inseratentheil zu Nutz und Frommen der leidenden Menschheit angekündigt werden könnten. Man zieht aber diese natürlichen Consequenzen wohlweislich nicht, bekennt die Kabbala nicht, bekämpft sie aber auch nicht, weil man jede Art von Kritik furchtet, obwohl der Talmud sagt: ״Wer seine Urtheilskraft gebraucht, ist, als hätte er zum Bau des Tempels beigetragen. * iSynhedrin 92 a.) Edler sind schon die Anschauungen derjenigen, welche die Kabbala geradezu negieren, zu denen auch R. Mose Sofer naoh seiner Anwendung der talmudischen Redensart: אץ לנו דסק בנסתרות zu geboren scheint, obwohl auch er seinen Lehrer, R Nathan Adler, Wunder thun gesehen hat. Sowie R. Mose Sofer das מכנל0' רחמים in den Bussgebeten verwirft, giebt es viele entschiedene Orthodoxe, welche die kabbalistischen Gebete verwerfen und sich als Gegner der kabbalistischen Gebrauche bekennen, aber in diesem Augenblicke hören sie auch auf, Orthodoxe zu sein, denn dem 18. Jahrhundert galt die Kabbala als wesentlicher Be- 8tandtheil des Judenthums. Uebrigen8 wäre es auch irrig, sie als dem rabbinischen Judenthum völlig fremd zu bezeichnen, wie Jehuda Arjeh di llodena nach dem Vorgänge Eliab der Medigo’s behaupten will. (Ari Nohem c. 11, ’S. 29) 1 יורה&KQ ולא נמצא בדברי התלמוד בהכרח או קרוב להכרח על הדעות ההמה אש־ למקובלים האלה, oder wie schon Maimonides mit besonderer Heftigkeit gegenüber der Kabbala seiner Zeit behauptet hat (Moreh Nebuchim I. 61. und 62): ךלא שלה במהשבתך ש נעו ן כותבי הקנדעות. Ganz im Gegentheil finden sich bereits im Talmud deutliche Spuren der kabbalistischen Lehren, womit nicht in Abrede gestellt werden soll, dass dieselben im wesentlichen neuplatonischen Ursprunges sind. Die Lehre der Kabbala, dass die Frommen durch ihr Gebet Wunder thun und Gottes Entschliessungen direct beeinflussen können, steht schon in der Mischnah. Onias, der Kreisedreher, handelt mit Gott 80 lange, bis er den Regen in dem Masse gewährt, wie ihn die Welt braucht, was sein Zeitgenosse Simon ben Sohetach als eine Art Zauberei missbilligt (Taanith 3.8). Chaoina ben Dosa betet für Kranke und weiss im Vorhinein, ob der Kranke genesen wird. (Beraohoth 5.5) Dann liegt eine Anschauung, die immerhin sohon entfernt ist von der biblischen Lehre, dass Gott Gebet des Frommen in seiner freien Gnadenent- Schliessung erhört, und diese ist die erste Stufe zu der kabbalistischen Lehre, dass das Gebet des Frommen eine unbedingt wirksame That (פעולה) sei. In der späteren talmud. Litteratur wird das noch deutlicher: R Pinechas ben Jair kann duroh «ein Msohtgebot einen Fluss theilen , (Chullin 7 a). R Chanina ben Dossa erträgt ungefährdet während seines Gebetes den Biss einer giftigen Schlange (Berachoth 33 und der Zahnschmerz, den R Jehudah Hanassi erdulden muss, sohützt alle FrauenPalästina’s vor Fehlgeburten.. Der Fromme nimmt also hier eine ganz andere Stellung ein, als in der Bibel, nicht etwa sein Gebet findet durch Gottes Gnade Eri.örung, sondern die Fülle von Verdiensten, die er erworben hat, das Wissen, das er von göttlichen Dingen besitzt, befähigt ihn׳ zu einem unbedingten Einfluss auf Gottes Ent- Schliessungen. Noch viel deutlicher aber tritt das k&bbal. Element in der talm. Anschauung voa den Gottesnamen hervor. Die Kabbala geht von dem Grundgedanken au% dass die Heiligkeit des G )ttes-Wortes nicht nur in dem Inhalte, sondern auch in der Form liege. Darum ist das Wort Gottes in jedem Buchstaben heilig. Es bedarf daher nur der richtigen K unst um durch Zusammensetzung der nöthigen Buchstaben sich die göttliche Schöpfer- und Wunderkraft zu eigen zu machen. Dieses Prinzip liegt im Grunde auch schon in der Gesetzesauffassung des Talmuds. Wenn die Gesetzesauslegung sich nicht darauf beschränkt, den Satz im Zusammenhänge zu deuten, sondern jedes Wort und jeden Buchstaben einer besonderen Deutung unterzieht, wie dies durch R. Akiba aufgekommen zu sein scheint, so ist es nur consequent, den göttlichen Willen auf dem Gebiete der religiösen Lehre, ebenso in jedem Buchstaben zu erkennen, wie auf dem Gebiete des religiösen Gesetzes. Doch hat der Talmud auch oft genug ausdrücklich von der Bedeutung der Gottes-Namen gehandelt, welche aus Zusammensetzung heiliger, Buchstaben entstehen. Wir werden wohl nicht fehl gehen, die kabbilistische Lehre von der geheimnissvollen Wirkung der Gottes-Namen schon in der Stelle des Talmuds zu sehen, welche von den vier-, zwölf- und zweiundvierzig-buehstabigen Gottes Namen spricht (Kidduschin 71, a), wenn auch Maimonides Moreh Nebuchim I. 62) meint, hier sei von metaphysisohen Wahrheiten die Rede, welche mit grosser Vorsicht den auserwählten Schülern mitgetheilt wurden, welche man wegen ihrer geistigen und sittlichen Reife für fähig hielt, diese Lehren aufzunehmen, denn, wenn wir uns hier die scholastische Methode Maimonide»’ zu eigen machen sollten, bliebe doch noch eineReihe von derartigen Aeusserungen zurück, die sioh in keiner andern, als in der kabbalistischen Weise auslegen Hessen. Ganz ausdrücklich spricht der Talmud davon, dass König David, um eine Üeberschwemmung zu verhüten, einen solchen Gottesnamen auf eine Scherbe schreiben Hess, welohe in das Wasser geworfen, die Gefahr hiutauhielt. (Sukkah. 53. a, b). König Salomon fängt den bösen Geist Samiel dadurch, dass er ihn mit einer Kette und einem Ring, auf welchem ein Gottesname geschrieben ist , fesselt, (Gittin 68). Rabbah erzählt, dass man eine Welle, welohe das Schiff mit Untergang bedroht, dadurch unschädlich machen könne, dass man mit einer Keule, auf welcher der Name Gottes geschrieben ist, darauf sohlägt (Baba bathra 73 a). Selbst die Zaubermächte bedienen sich solober Gottesnamen za ihren Werken und es soheint im Talmud!angenommen zu׳ werden, dass wie der Fromme duroh die ihm innewohnende göttliche Kraft, so auch der Zauberer durch die von