Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 11. (15.3.1888)
- Date
- 1888-03-15
- Page
- Seite 42 (sequence 3)
- Language
- German
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der Gewitterwolkeu, die im Wasser sieh bespiegeln.“ Und ein anderes Mal. ״Was mich betrifft, war ich in Frankfurt so lebensfroh, wie noch nie, obzwar das Element, in dem ich athmete, mir so fremd war. Die Lente amüsirten mich erstaunlich, weil sie sogar excentrisch waren, aasser meinem Mittelpunkt. Ich spreche immer von Jaden, denn mit Christen gehen wir nicht nm, noch -weniger sie mit aas. Was nun das für Menschen sind, welch’ ein Leben das ist, welch’ ein Handeln etc. ״Per Widerwille gegen Handelsleute und gegen die Jaden' als solche ist bei mir auf den höchsten Grad gestiegen, seitdem ich, -< ntfernt von Frankfurt, gesehen habe, was das eigentlich heisst, sein Leben geniessen. “ Sechs Jahre später aber schrieb er aus Hamburg : ״Hätte ich nur Zeit, das gros-artige Handelswesen zu studiren. Davon hatte ich gar keine Vorstellung. Die Börse zu sehen, verlohnte der Mühe, eine Reise von hundert Meilen zu machen. Es ist alles hier echt-republikanisch.“ Dann weiter: ״Was der Handel Grosses, Schönes schafft, die Hafen, schwachen Mensehen göttlicher Math, Erfindungsgeist, Ehevereiue zwischen Völkern.“ Danach ist die Sache klar. Der Handel in Frankfort bestand vorzugsweise in Geldgeschäften und 80 waren ihm die Juden, Rothschild an der Spitze, Wechsler und Papierer, deren Interesse mit der Erhaltang der deutschen Zerrissenheit, mit der politischen Reaction zusammenhing, also mit Allem, was »hm das Verhasseste war. Namentlich das in den ״Briefen aus Paris“ aufgespeicherte Beweis-Material lässt an Deutlichkeit und präciser Ausdrucks weise in dieser Beziehung gewiss nichts zu wünschen übrig. Mögen einige derartige Documente, documenta publica ac testimonia morum, chronologisch folgen und selbst für sich reden. Vorerst am 1. Januar 1831: ״Die Zeit wird auch bald für Deutschland kommen, wo die bürgerlichen Verfassungen Verbesserungen *erfahren werden, und das nicht bloss durch Revolution, sondern auch auf friedlichem Wege, weil die Regierangen nicht länger werden aasweichen können. Dann wird auch wieder von Jaden die Rede sein, and unsere Jaden thun so Vieles, sich bei den Freunden der Freiheit, unbeliebt zu machen. Ich begreif das nicht recht. Diese Menschen sind doch sonst 80 klug auf ihren Vortheil und wissen immer den Mantel nach dem Winde zu hängen. Was Wollen sie denn jetzt noch von den Fürsten und Ministern haben? Es ist nichts mehr an ihnen zu verdienen. Sie sollten sich jetzt dem Volke zuwenden, ihre Geldkästen verschliessen, und den grossen Herren den Rücken zukehren.“ ' Und als ״non plus ultra“ am 28. Januar 1832: ״Rothschild hat dem Papste die Hand geküsst und beim Abschiede seine hohe Zufriedenheit mit dem Nachfolger Petri unter allergnädigsten Ausdrücken zu erkennen gegeben. Jetzt kommt doch endlich einmal alles in die Ordnung, die Gott beim Erschaffen der Welt eigentlich hat haben woUen. Ein armer Christ küsst dem Papste die Füsse und ein reicher Jude küsst ihm die Hand. Hätte Rothschild sein römisches Anleihen statt zu 65 pCt. zu 60 erhalten und so dem Oardinaf-Eämmerling zehn tausend Duoaten mehr spendiren können, hätte er dem heiligen Vater um •den Hals fallen dürfen. Wie viel edler sind denn doch die Rothschild, als deren Ahnherr Judas Ischariot! Dieser verkaufte Christus für dreissig kleine Thaler, die Rothschild würden ihn heute kaufen, wenn er für Geld za haben wäre. Ich finde das alle« sehr schön.“! ״Bei seinem Uebertritte zum Christenthum ward Börne einzig und allein von dem Bestreben geleitet, sich von der einseitigen Stellung zu seinen Glaubensgenossen zu emancipiren und sich zu einem übersiehtliehen, freien Höhepunkte aulzuschwingen, von dem aus er alle Interessen Deutschlands überschaute Nur auf der Höhe eines allgemeinen Menschenthums, erhaben über allen confessionellen und Partei hader glaubte er gedeihlich wirken zu können.*) Der Einwand, dass er als Jude nicht unbetheiligt sein könne, wiewohl ihn zu den Juden nur die äusseriiehsteu Be- Ziehungen verbanden, muss zurückgewiesen werden. Er ahnte nicht, dass seine Feinde dennoch, so oft sie sich an ״Börne* stiessen, ״den Nothanker Baru ch answerfen würden.“ Alle seine litterarischen und politischen Gegner von Meyer, Wurm, Menzel, Münch, Lindner angefangen, welchen er selbst in seinen eigenen Werken ein gleich verewigendes als nachschwärendes Brandmal angeheftet hat, bis auf Julian Schmidt und Epignoen, haben diesen Uebertritt zum Christeuthume zur Basis ihrer eben so grundals masslosen Beschuldigungen genommen. Der objective Litterarhistoriker der alleineuesten Zeit, Karl Goedeke, lässt sich also aus: ״Dass sein Uebertritt nicht aus innerem Bedürfn iss hervorging, bedarf keines Be weises; dooh hielt er äusserlich Frieden mit dem ange- | nommenen protestantischen Bekenntniss“.! Börne hatte noch, da er die heftigsten ״Briefe , aus Paris“ schrieb, jenes Herz eines schwärmerisch | angehauchten Idealisten, das ihn zittern, weinen, wohl auch verzweifeln liess über die Leiden des jüdischen Volkes. Insofern war er immer ein Jude geblieben, wie eine zornige Aeusserung von ihm über das Taufgeld (.״ich bedauere die 3 Louisdor an den Pfarrer gewendet zu haben“) bezeugt. Das Christenthum war ihm nicht so sehr Sache des Glaubens, als der Bildung. Er sah in der christlichen Religion ״die : Religion der armen Teufel“, die Religion der Freiheit, die Weltreligion, er erkannte, dass sie vielleicht früher zur Emancipation der Menschheit geführt haben würde, hätte man nicht, um die Missbrauche des Glaubens aüszurotten, die der Wissenschaft und des Verstandes eintreten j lassen. Andererseits hat sich Börne auch sehr hart über die Entwickelung ausgesprochen, welche das Christenthum nahm. ״Religion“ — heisst es unterm 11. August 1819 — ״ist Liebe und Versöhnung; schon , im Worte liegt es: sie verbindet wieder, was getrennt war. Wären alle Menschen gleich weise, gleich be- I gabt, mit gleichen Neigungen erfüllt, dann bedürfte ' es keiner Religion. Sie ist die Einheit der Mannig- 1 faltigen, die Ewigkeit des Vergänglichen, die Schwer- : kraft des Unsteten; sie verzeiht die Schuld u. s. w. Aber was haben die Menschen daraus gemacht! Ein Blutstrom : flies8t durch achtzehn Jahrhunderte und an seinen! Ufern wohnt das Christenthum. Wie haben sie das Heiligste geschändet! Religion war eine Waffe in räuberischer oder meachelmörderisoher Hand. Wie haben sie den Gott der Liebe herabgewürdigt und seine Lehre zum Gesetz ihrer Herrschsucht, zum Re־ gnlative ihres habgierigen Krämerrechtes missbraucht! | Hat das Christenthum je zu etwas anderem gedient, j als zum Werkzeuge der Verfolgung, wenn nicht zum; letzten Tröste wehrloser Schlaohtopter? Versöhnt! seine Sekten, und es wird ohnmächtig, vertilgt das j Judenthum, und es stirbt. Vernichtet die Religionen und ihr habt die Religion zerstört. Oder ist die Christuslehre nur die zerreissende Pflagsohaar der Menschheit? Wie mühsam und schmerzlich war dann der Bau des Landes, and bis der frohe Tag der Garben erscheint, rufe ich leise und mit erstiokter *!Das hätte er innerhalb des Judenthums auch gekonnt. (Red.)