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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-01-26 · N° 3. [sic!] (26.1.1888) · p. Seite 14

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 3. [sic!] (26.1.1888)
Date
1888-01-26
Page
Seite 14 (sequence 3)
Language
German
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Rabbi Simon ben Gamliel.' _ (Fortsetzung.) Der religiöse Einfluss Jndäa’s beruhte wesentlich auf|der Feststellung des Kalenders. Diese galt als ein Vorrecht, welohes an den Boden von Judäa sich knüpfte und nur vom Patriarchen oder seinen Bevollmäcntigten ansgeübt werden konnte. Ein ausserhalb Jnffito’s angeordnetes Schaltjahr war ungültig, und nur, wenn die religiösen Functionen in Judäa vom Patriarchen nicht ausgeübt werden konnten, war die An- Ordnung des Schaltjahres im Ausland durch eins andere hervorragende Persönlichkeit gestattet. Dieses Vorrecht des Patriarchen hatte im Laufe der Zeit manches andere nach sich gezogen, und ihm zumeist hatte es das Synhedrion au danken, wenn seine Beschlüsse mit der Zeit in jeder Beziehung massgebend für die ausländischen Juden wurden. Während der Begierung Hadrians konnte natürlich der Kalender nicht fertiggestellt werden, da die Thätigkeit der Babbinen suspendirt war. Da gründete Chananja, der Neffe B. Josua’s, der schon in seiner Jugend zu häretischen Anschauungen sich hingeneigt hatte und wahrscheinlich die Ehrfurcht seiner Zeitgenossen vor der Heiligkeit des Bodens von Judäa und vorden Ansprüchen des Hillelschen Hauses nicht vollständig theilte, aber als Gesetzeslehrer in hoher Achtung stand, in Nahor Pakod ein Synhedrion mit den Befugnissen und der inneren Einrichtung der Versammlung, welche früher in Jamnia getagt hatte. Er selbst übernahm die Funktionen eines Nassi, einem gewissen Nechonjah, der sonst nicht erwähnt wird, übertrug er die Stelle eines Ab-bethdin. Die Schule zu Nisibis erhob, da sein Verfahren nichts Ungesetzliches enthielt, keinen Widerspruch, und die babylonischen Juden, deren Pietät gegen ihre Beligion noch grösser war, als die Pietät gegen ihr Stammland, begrüssten mit Freuden in ihrer Mitte ein Institut, welches allein die Ausübung der wichtigsten religiösen Pflichten ihnen möglich machte. Nach und nach gewöhnten sich die Juden jenseits des Euphrat an die neue Einrichtung. Dennoch wäre es den Gelehrten Judäa’s ein Leichtes gewesen, nach ihrer Bückkehr Babylonien ihrer religiösen Oberhoheit wieder zu unterwerfen; es hätte genügt, auf die klaren Be- Stimmungen hinzuweisen, welche das Verfahren Chananjah’s verpönten-, und die Babylonier würden den Gehorsam nicht versagt haben. Die Zwistigkeiten der Babbinen stärkten den Einfluss' Ghananjah’s, nnd eine dauernde Spaltung wäre entstanden, hätten dieselben nicht zur rechten Zeit in die Bahn des Friedens eingelenkt und so die Einheit des Judenthums gerettet. Besonders B. Simon brachte der Einigung schwere Opfer. Er verliess Jamnia, an welchen Ort für seine Familie 80 ehrenvolle Erinnerungen sich knüpften, und ging nach Uscha, er willigte in die Einschränkung der Befugnisse des Synhedrions und seines Präsidenten, dass weder diesem noch der Versammlung das Becht zustehen sollte, ein Mitglied oWe genaue Angäbe der Gründe nnd ohne dass es sich schwer gegen das Judenthnm versündigt hätte, in den Bann zu thun Nicht einmal den Schein, als ob B. Simon viel mehr als jedes andere hervorragende Mitglied der Ver- Sammlung bedeute, liess ihm B. Meir. Selbst auf den Titel des Patriarchen, auf die Bezeichnung Babban musste er Verzicht leisten nnd sich. mit dem bescheidenen Titel Babbi, wie jeder andere Gelehrte, begnüfen. Unter diesen Bedingungen constituirte sich das ynnedriou zu Uscha. Da dasselbe nicht zu allen Zeiten zusammen war, so hatten die ersten^ Beamten dieser Versammlung eine viel grössere Bedeutung, als die anderer Körperschaften. Es galt, bei der Wahl die verschiedenartigsten Interessen zu versöhnen, ein neues Momente war hinzugekommen, das gleichfalls berücksichtigt werden musste und das der Schwierigkeiten viele bot. Um diese Zeit nämlich war aus Babylonien B. Nathan naoh Judäa eingewandert, der Vater des B. Nathan bekleidetein seiner Heimath die Würde eines Exilarohen, und hatte als soloher beinahe königlichen Bang, die Civiljustiz lag vollständig in seinen Händen und er war der offizielle und ein- : zige Vertreter der jüdischen Interessen am Hofe des : parthischen Königs. Was waren es für Gründe, welche 1 den Sohn des hochgeachteten und mächtigen Exils- ן fürsten bewogen haben, seine glänzenden Aussichten j in der Heimath aufzugeben und nach Judäa eiuzu- ׳ wandern, dessen Wohlstand damals zerrüttet war und 1 dessen Babbinen innerer Zwist in ihrer Thätigkeit lähmte? Die Annahme, dass der bald darauf zum Ab-bethdin ernannte B. Nathan lediglich zu studiren nach Judäa gekommen sei, ist gar zn seltsam. Die Quellen lassen uns hierüber vollständig im Dunkeln, aber sie erzählen uns, dass selbst B. Jehuda Hauassi in steter Angst geschwebt habe vor der Ankunft des Erilarchen aus Babylon. Erwägt man die Erschütterung aller bestehenden Verhältnisse in Palästina, das geschwächte Ansehen des Hillelschen Hauses, die Jugend seines Vertreters und den besonders beim Volke hochwichtigen Umstand, dass nach den allerdings etwas zweifelhaften Stammbäumen beider Geschlechter B. Nathan in männlicher, B. Simon nur in weiblicher i Linie von David ihre Abstammung herleiteten, so gewinnt die Annahme einen ziemlich hohen Grad von Wahrscheinlichkeit, dass B. Nathan deswegen seine : geachtete Stellung in der Heimath verlassen hat, um sich in Palästina zum Patriarchen wählen zu lassen und so die beiden höchsten Stellen des Judenthums in seiner Familie zu vereinigen. B. Meir mochte diesem Plane nicht fernstehen; was konnte diesem erwünschter kommen, als die Verbindung mit einer Persönlichkeit, die seiner Partei auch das Ansehen der Geburt verliehen hätte. B. Nathan war kein politischer Charakter. B. Meir durfte hoffen, dass unter dem nominellen Präsidium desselben er selbst einen; bestimmenden Einfluss in allen wichtigen Fragen erlangen würde. Es stand ferner zu erwarten, dass die | babylonischen Juden, welche damals dem Synhedrion I zu Nahor-Pakod gehorchten, willig eine Behörde an- | erkennen würden, deren Präsident aus ihrer Mitte her- ■ vorgegangen war. Die Gefahr für B. Simon, der es! wusste, dass beim Volke seine Abstammung von Hillel,; von den beiden Gamaliel, von Simon dem Zweiten, I bei weitem nicht den Werth habe, als die etwas; problematische Abstammung von David, und der sich hierin vor B. Naihaa im Nachtheil sah, hat wohl das Ihrige dazu beigetragen, ihn so nachgiebig gegen die Forderungen B. Meir’s zu stimmen. Aber B. Nathan konnte schon um seiner babylonischen Landsleute willen nicht ganz umgangen werden. Aus diesem Labyrinth von sich kreuzenden Wünschen wurde folgender Ausweg gefunden. B. Simon übernahm kraft seiner Geburt das Patriarchat. Hingegen wurde das Amt eines Ab-bethdiD, welches früher neben dem stell vertretenden Vorsitz noch andere wichtige Functionen in sich vereinigt hatte, getheilt. B. Nathan erhielt, um die Babylonier für das neue Synhedrion zu gewinnen, den Titel eines Ab-bethdin und den stellvertretenden Vorsitz in der Versammlung. B. Meir, dem der Name wenig, die Sache Alles galt, erhielt die neu creirte Stelle eines Chacham. Als soloher hatte er alle Functionen eines Ab-bethdin, mit Ausnahme der stellvertretenden Leitung der Verhandlungen, d. h. vor Allem den Vortrag im Lehrhaus, dann bereitete er die einzelnen Fälle zur Berathung beim Plenum vor, er hatte, wie er selbst an einer Stelle ziemlich

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