Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 1. (4.1.1888)
- Date
- 1888-01-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Indem wie an die Bedaotäonen derjenigen Blätter, die für die Beschaffung des Fonds ein reges Interesse bewiesen, das Ereaohen am gef. Abdruok des obigen Schreibens־ riohten, fügen wir hieran die sioh jedem Leser desselben von selbst anfdrängende Bemerkung, dass zur Erreichung solch hoher u. viel umfassender Ziele eine Verstärkung des Fonds unbedingt nöthig ist; der Hochherzigkeit von Freunden der jüdischen Wissenschaft soll׳ duroh den Geburtstag des' Jubilars keine Schranke gesetzt sein. Die Redaction. Rabbi Simon ben Gamliel. Es ist vielleicht die bedeutendste Errungenschaft der Gegenwart im Gebiete der historischen Forschung klar erkannt zu haben, dass die Litteratur eine nationale That sei und nur im Zusammenhang mit den andern Tbaten einer Nation begriffen •werden könne, dass Litteratur- und politische Geschichte untrennbar zusammengehören, und dass diese• den besten Commentar zu den Geistesproducten eines Volkes bilde. Nur durch den Nachweis des innigen Zusammenhangs der Staaten mit der Cultur- und Literaturgeschichte ist es ferner allein möglich auch der Darstellung den stillen eflectlosen Fortsehreitens der Cultur einer Theil jenes Lebens einzuhauchen, welches die politische ■ Geschichte beseelt. — Auch die Geschichte der Juden nach der Zerstörung des Tempels ist wesentlich Litteratur- und Religionsgeschichte, und es wird selbst 1 der glänzendsten Diction zuweilen nicht gelingen, für den unblutigen Streit des Lehrhauses dasselbe Interesse zu erregen, welches das kampf bewegte lebendige . Treiben anderer Völker uns abgewinnt. Je weniger [ aber das enge Wirken des Lehrhauses ein dankbarer ' Vorwurf für die historische Darstellung ist, um so I werthvoller ist die Epoche, in der der Uebergang vom jüdischen Volksthum zur Religionsgenossenschaft sich j angebabnt und vollzogen hat, während welcher die religiöse Bewegung von dem beschränkten Kreis der ״vier Ellen der Halacha“ über das ganze Volk sich ergoss, der Streit des Lehrhauses ein Prinzipieukampf war, und nicht blos ein gelehrter Disput über einzelne Fälle, die Epoche, in welcher, um es kurz zu ׳ sagen, die Geschichte der Jaden noch etwas mehr; war als die Geschichte vom ״Denken und Dulden.“ Denn nicht Denken und Dulden, sondern Strebeu und Streiten, Handeln and Herrschen, dass ist in erster Reihe der Stoff der Geschichte. Diese Zeit reicht von der Zerstörung des Tempels bis zum Abschluss der 1 Mischna, Die Principieu der freie! Forschung und des stürren Traditionsglanbens in ihren verschiedenen mehr oder weniger scharf ausgeprägten Nüancirungen 1 (so sonderten sich z. B. die Anhänger der freien Forschung in eine systematische and dialektische Schale) ringen um die Herrschaft; grosse mächtige Persönlichkeiten sind Vertreter dieser Ideen und stehen an der Spitze der sich bekämpfenden Parteien; überdies bedroht das neue Christenthum die jüdische Religion in den Grundlagen ihrer Existenz and erheischt eine am 80 kräftigere Abwehr seiner dem jjadentham verderblichen Grundsätze, als sich ig^jjibser ersten Zeit beide äasserlioh noch wenig unterschieden, bis endlich die paalinische Auffassung des Christenthams als einer Erlösung für die Heiden durch die Lossagung vom Gesetze Jaden und Christen einander entfremdete, und durch R. Jehuda'auch die Bewegung innerhalb des Jadenthums geschlossen wird. Denn nach ihm schränken sich die jüdischen Gelehrten aaf das Stadiam des Gesetzes ein, das Synhedrion, während dieser Oebergangsepoche der Mittelpunkt des nationalen Lebens, der Sammelplatz der wahren Volksvertreter, verliert durch Feststellung der Misohna and daroh die Erweiterung der Befugnisse des Patriarchen, seine Bedeutung, aus dem hohen Gerichtshof ist eine hohe Sohule des Reohts geworden. Der Mittelpunkt dieser Bewegung, da sie ihrem Ziele schon nahe war, ist R. Simon ben Gamliel, eine Persönlichkeit, die sohon deswegen, weil sie an der Grenzscheide zweier Zeiten steht, geeignet ist, unser reges Interesse zu erwecken, die aber auch an sich durch mannigfache Vorzüge die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. R. Simon, geboren um das Jahr 115*1 war der Sohn des Patriarchen Gamaliel und stammte demnach in directer Linie von Hillel ab. Dieser grosse Regenerator d 8־ jüdischen Lehrbegriffs hatte seinem Hause die unbedingte Anhänglichkeit der Schule gesichert, welche ihn als ihren Meister verehrte und durch die energische patriotische Haltung des Patriarvken Simons II., des Mannes der That und des Verächters des Worts hatten, auch die Schamrnaiten sich allmählich mit dem Hillel’schen Hause befreundet. Es war z. B , — so sehr auch ein gu‘er Genius das jüdische Volk davor bewahrt hat, dass aus den Schulen Schammai’s und Hillel’s Seeten wurden, die sich auch im Leben sondern, gewiss nicht von Ungetähr, dass R Elieser, das Haupt der Schammaiten sich mit einer Tochter Sim־׳ns vermählte. Das Hillel’sche Haus hatte aber im Laufe der Zeit feste Wurzeln auch in dem Theile des Volkes gefasst, welcher •len Schulstreitigkeiten lern .stand, das nichts desto weniger warme Sympathien fiir seine Nationalität besass, d°nn von dieser Seite sah man in dem Hause Hilleis, iu welchem das Patriarchat, die einzige mit den veränderten VerhältniSsen nach der Zerstörung des Tempel noch verträgliche Würde, erblich war, den letzten Rest des nationalen Glanzes, welches vordem das Judenthuin umstrahlt hat. Ausserdem schien diese Familie kraft des Ansehens, Welches sie bei der Nation aus den eben entwickelten Gründen genoss, und kraft des Einflusses, den hohe Bildung uud grosses Vermögen, wie sie diesem Hause eigen waren, überall sich erring׳., am vorzüglichsten d»zu befähigt, dis Juleuthum bei der römischen Behörde zu Caesarea zu vertreten. So hatten sich die mannigfachsten Umstände vereinigt, um nach dem Tode R. Jochanan b. Saccai’s auf R. Gamliel, den Vater R. Simon’s III, die Wahl zum Patriarchen zu lenken, und der römische Proconsul, der trotz der zelotischen Gesinnungen Simons II., einen Synhedrialpräsidenten aus dem Hause uud der Schule Hilleis als die sichertse Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens Und der Ordnung betrachtete, gab willig seine Genehmigung zu dieser Wahl. Die Entwickelung, welche er 1m Judenthum angebahnt hat, hängt so eng mit dem ganzen Wesen und Wirken *) Das Geburtsjahr R. Simons lasst ־tlcli mit Sicherheit nicht bestimmen Es kann zwar leicht aut folgende Weise indacirt werden: Kiduschin 72, b. Berechith Rabba 53 heist es: יום שמת ר׳ ר־יבא נורד רבי• Wir werden unsern babylonischem Gewährsmann nicht beim Worte nehmen, und um ein oder zwei Jahre nicht mit ihm feilschen, wie es einige jüdische Gelehrte eth&n haben. Nun starb R. Akiba wahrscheinlich noch in dem ahren vor der Zerstörung Bethars. Denn er wird bei der Belagern Dg Bethars nicht mehr erwähnt. Auch i-»t er nicht der erste Märtyrer, welcher der Revolution zum Opfer fiel, da er selbst dem R. Ismael die Leichenrede gehalten hat. Wir werden also nicht irren, wetm wir seinen Tod in’s Jahr 134 setzen. In diese Zeit ungefähr fällt auch die Geburt R »bbi’s. Nun wird Aboth V. 21 das heij^thsfähige Alter aut achtzehn bestimmt. Es ist nichts der Annahme im Wege, dass R. S. diese Norm innegeh<en hat. Wir erhalten danach als Gebartsj&hr 115 Aber abgesehen davon, dass ein auf diesem Weg• gewonnenes Resultat an sich keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit machen kann, sind auch die kritischen Bedenken, welche gegen die Stelle in Kidaschin vorgebracht werden, nicht unbegründet. Die Zahl 115 wird noch unterstützt durch eine andere Stelle, von der wir bald werden sprechen müssen, nach welcher R. S. zur Zeit des betharischen Krieges wahrscheinlich im Jünglingsalter geetanden hat.