Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1884-06-26 · No. 26. (26.6.1884) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
13 (1884)
Issue
No. 26. (26.6.1884)
Date
1884-06-26
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492408-6488249-8756134--0421-4855775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Im October 1875 ward in ihm wieder der Gedanke rege“ und lebendig, den lange geplanten, jüdisehen Roman, den er ״Schluach Mizwa“ oder ״Ben Zion“ betiteln wollte, niederzaschreiben. ״Ich bin es schuldig, die jüdische Dorfgeschichte zu bringen.“ ״Die jüdische Dorfgeschichte, die ich jetzt vorhabe, thut mir besonders wohL Das erste Capitel spielt am Sabbat Nachmu und es singt sich mir jetzt noch am Abend ständig die Melodie ״Tröstet, tröstet mein Volk! (Je8. 40,1).“ Es ist vielleicht gerade jetzt gut, das ich das aufnehme, denn ein neuer Judenhass ist in flagranti und wird von' allen Seiten geschürt“ (4. November 1875). Und immer wieder kehrt er zu diesem Gedanken zurück, ohne dass es ihm vergönnt gewesen wäre, ihn ausreifen zu lassen und auszugestalten. ״Die Makkabäus-Musik hat mir wieder die Aufgabe und Pflicht erneuert, die wunderbare Mission der Juden in der Geschichte dichterisch zu gestalten. Aus Allem heraus stieg mir mein . . . Plan zu einem Roman ״Ben Zion“ auf .... Ich habe heute schon Titel und Einleitung geschrieben.“ heisst es in einem Briefe vom 5. Mai 1877, und am 19. Dezemb. 1878 ״die jüdische Dorfgeschichte regt mich bis ins Innerste auf unddazwischen schwirrt so Vieles“. Ja, noch kurz vor seinem Tode hat ihn diese Ehrenpflicht lebhaft beschäftigt, so heisst es am 9. April 1881: ״Ich habe eine jüdische Dorfgeschichte entworfen und Einzelnes dazu fhrirt. ' t Einen merkwürdig feinen Fühler hatte Auerbach für Alles, was den Antisemitismus betraf In der Zusammenstellung seiJier Briefe liegt eine Entstehungsgeschieht« des modernen Judenhasses enthalten. Schon am 11. April 1873 bemerkte er ״. . . . die klerikalen Zeitungen sagen, die Jaden müssen wieder in das Ghetto.‘ Alles Blut könnte einen zu Gift und Galle werden. . .“ Und selbst zu einer Zeit, als das ekelerregende Monstrum des socialen Judenhasses noch ahnungslos und unbewusst im Hinterhalt schlief, da hatte es der feine psycholojgische Jäger ausgeschnüffelt und angeschossen. Als Billroth seinem medicinischen Judenhass Luft gemacht hatte — es giebt nämlich einen medicinischen, theologischen, philosophischen und juristischen Judenhass. Darin liegt vielleicht der einzige Berührungspunkt der vier Facultäten — da spürte Auerbach mit feinem Instinct schon den generellen Beigeschmack heraus. Schreibt er doch schon am 15. Dec. 1875 ,In Zeiten der Reaction .letzten sich sehr Viele am Judenhass, und jetzt in der Zeit der Erfüllung tritt ein unerklärlicher germanistischer Zug der Antipathie heraus. So z. B. auch bei Treitschke . ..“ Er hatte den Wolf im Schafpelz erkannt! Und am 1. Januar 1876 heisst es ״Räthselhaft ist mir der neu erwachte furor teutonicus gegen die Juden. Ich möchte die Grundquelle finden. “ _ ן Soll ich die Bemerkungen des Dichters zu der Judenhetze von 1879 bis zu seinem Tode excerpiren oder auch nur andeuten? Soll ich sein Urtheil über seinen ehemaligen Freund, den Heros — oder schreibt ee sich besser Herostratos? — der Judenhetze, Profi .it-;i,_׳ :v ...... ־_~״ ־ ■. :sä :-,..;;;!-3■:*■™■-., von Treitschke den Lesern des ״Litteratur-Blattes“ auftischen? Zu solchem Beginnen ist nicht nur der ' hier gestattete Raum, sondern auch der abzuurtheilende Professor viel zu — beschränkt! Es mag genügen, dass dieses leidige Thema den Refrain aller dieser Briefe bildet, dass er sich als trauriges Grundmotiv durch alle Mittheilungen hindurchzieht. Der frohlaunige, frisebgemuthe Dichter, der in seinen Briefen so manchen lustigen, geistigen Jodler angestimmt hatte, bringt nur noch Klagetöne und Seufzermelodien hervor; die heitere, burschikose, zuversichtliche Schreihart ist geschwunden, um greisenhafter Furcht״• samkeit uni düsterer Grabesstimmung Platz zu machen. Nur noch einmal blitzt und flammt der Jugendmuth in ihm auf, als er seinem Busenfreund folgende Unterredung mit der Grossherzogin von Baden und der Kaiserin mittheilen konnte: ״Ich legte nun dar, wie tief ich im Gemüth gestört sei durch die Judenhetze . . . Die Grossherzogin sagte: ״Glauben Sie mir, diese hässliche Sache ist nur in Berlin.“ ״Und auch hier nur vorübergehend,“ fiel die Kaiserin ein. ״Berlin treibt über Nacht, man weiss nicht woher, eine Pflanze auf, am andern Tag ist sie wieder vergangen und sie hat keine Wurzel. Und Sie sehen ja, die Sache ist eigentlich schon vorüber, aber ganz gewiss im Verschwinden“ meinte die Kaiserin. Auf die Gegenvorstellungen des Dichters erwiderte die Kaiserin: ״Wir, haben unsere alten Beziehungen zu den alten Freunden — ich sehe von Ihnen ab, denn Sie sind nicht nur ein Freund, sondern auch ein Dichter — immer aufrecht erhalten und werden es auch immer so zeigen.“ Der treue, wackere Kämpe ruht nun in weltentlegener, waldumfriedeter Kirchhofstille von einem Dichterleben aus, das voll und mannhaft eintrat für das vielgeschmähte, bittergekränkte Israel. Doch giebt es eine Auferstehung, zumal für Dichter! Denn der edelsinnige Mensch und warmherzige Jude Berthold Auerbach feiert durch dieses selbstentrollte Lebensbild in den Augen jedes wahrhaft Gebildeten seine geistige Auferstehung! Justus’ Judenspiegel, beleuchtet von Dr. A. Lewin, Coblenz. (Fortsetzung.) Gesetz 90. Die talmudische Vorschrift*), dass der Jude, welcher ״Grund und Boden“**) an einen Akum verkauft, und nicht es übernimmt, den jüdischen Nachbar schadlos zu halten für Quälereien, die ihm der neue Nachbar bereiten möchte, in den Bann gethan werden 8011 (d. h. durch dieses einzige ihnen zustehende Mittel zum Ersetzen des Schadens gezwungen werden 8011), hat ebenso, wie das im Gesetz 21 so gruselig dargestellte Verbot, dem Akum Zeuge zu sein, seinen Grund in den Verschiedenheiten des jüdischen und des heidnisch-römischen oder parthischen Rechtes. Die Rechte des Nachbarn (Vorkaufsrecht, oder die Bestimmungen über das Eindringen von Baumwurzeln und das Ueberhängen von Baumzweigen *) Baba kn-mn. 114a. **) Im Talmud ״AFoh“, mx J0re deah ״Karka“, und nicht ״Grundstück“ wie es Justus übersetzt, was doch auch ״Haus“ bedeutet -־- «Ir __41! ׳ kü . ■: -. ־-. " י' .לי .tä

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.