Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 26. (26.6.1884)
- Date
- 1884-06-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. XIII isehes Litteratur-Blatt. Zar Beleachtoog aller Jadentham and J adea betreffendes Iltterarieehen Er• ■cbeiaasgen auf dem Gebiete der Philo• •opfale, Geechlrhte, Ethaofrapble, Theo• lOfrle, Orleatalla, Exegese, Homiletik.׳ Liturgik, Pädagogik. Heirausgegeben Rabbiner Dr. Moritz Rahnier. 0TCa<j9eßw/t<j,, 26. &uni 1884. Richer der •ln«eh]ig1gen Lltterntnr.wnlehe der Kednctlon »fetodt werde■ , bda . 1■ dieeeM Butte eingehende Beeprerhnng. Bei Elneendnng ron iwei Beeenelone- Exempleren erfolgt damalige knrse Gratis.Insertion. Das »Jfldische Litteratur-Blatt“ erscheint wöc Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Hark, allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Hark kostet) entlieh in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 16 Hark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden.' Buchhändler, welche direct oder durch Roheit Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 Rabatt. (in bei mit Briete Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Berthold Auerbach’s Von Dr. Ludwig Stein, Berlin. IV. — Justus’ Judenspiegel, beleuchtet von Dr. A. Lewin, Coblenz. (Forts.)! Litteraturbericht: Recensionen: Güdemann Dr. M Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden in Italien während des Mittelalters, nebst bisher ungedruckten Beilagen. Wien 1884. Alfred Holder. (Foitsetz.) — La Jeunesse israelite et le Judaisme. Sermon prcu ä la Fete de Päque 1884 per Zadok Kahn, Grana-Eabbin de Paris. 31 S. kl. iS. Notizen. — Inserat. Nachdruck nur mit ■voller Quellenangabe gestattet.! Berthold Auerbach’s Briefe. Von Dr. Ludwig Stein, Berlin. I iv. (1870—1882.) ״Borgab“ heisst die Signatur dieser Epochie im Leben Auerbachs; bergab ging es auch mit dem( freiheitlichen Leben des deutschen Volkes. Das Hochziel deutscher Einheit war erreicht und nun begann eine traurige Zerbröcklung dieser hehren Erruhgenschaff. Welch’ ein tiefgreifender, einschneidender Unterschied zwischen dem dämmenden Roth def Begeisterung im Jahre 1871 und dem glühenden Zamesroth der Entrüstung im Jahre 1881. Wohl klingt auch unserem Auerbach inmitten des Siegesjubeljs die Aeusserung eines Elsässer Juden wie eine schrille Öissonanz in die Ohren: ״Bisher waren wir Franzosen und jetzt werden wir deutsche Juden!“ Allein der Siegesrausch hatte Alle betäubt und gelähmt, alle Sorgenfältchen geglättet und verwischt, all« Bedenken niedergehalten und ausgeglichen; aber desto grausamer war das Erwachen. Und erwjachte schon der deutsche Liberalismus aus diesem freudigen Halbtaumel wesentlich ernüchtert und abgekühlt, so folgte für die deutschen Juden diesem überschlafenen Rausch, wenn der volksthümliche Ausdruck statthaft ist, ein politischer Katzenjammer. Map hat den Jaden den Vorwurf der prinzipiellen Opposition gemacht; Auerbachs Briefe mögen nun zeigen!, ob dieser Vorwurf Gemeingültigkeit besitzt und ipwieweit er zutreffend ist. Am 6. Dezember 1870 scjhrieb A. aus Heidelberg ״Ein deutscher Kaiser“, (Auch das also erleben wir noch! Warum können wir jnicht voll auf jubeln bei der Erfüllung unseres Jugendideals? Man musste einzig deshalb Schwarz-Roth-Gold nahmen, -1 damit es keine Oppositionsfahne mehr gibt. ״Loyel sein zu dürfen, ist das Glück, das \^ir erwartet haben.“ Ist es nun Auerbachs Schuld, wenn er genau 10 Jahre später, am 6. Dezember 1880 schreiben muss, ״Wie Du siehst, fange ich .endlich, an, dem Entsetzlichen (der Judenhetze) psychologisch nachzugehen, und das gibt mir doch bereits etwas Ruhe!“ Kann man es ihm und seinen Stammesgenossen verdenken, dass sie sich sammt und sonders ihrem natürlichen Beschützer, der Opposition, ange-' schlossen haben, wenn der einstmals so loyale Auerbach am 23. November 1880 schreiben musste: ״Vtjrgebens gelebt und gearbeitet! Das ist der zermalmende Eindruck, den ich von dieser zweitägigen (Juden-) Debatte im Abgeordnetenhause habe. Ekel erfüllt die Seele. Wie überwindet, wie tilgt man sie? Mab muss die Schande des Vaterlandes mittragen unjl ausharren!“ Freilich batten diese 10 Jahre auch ef-' hebende Momente, in denen sein jüdisches Bewusstsein mit stolzem Wohlgefühl erwachte. Fast regefmässig besucht er die Dienstagsverlesungen über ja* dische Litteratur und referirt dann darüber in ebenso eingehender wie interessanter Weise. Am 13. Juni 1870 schrieb er aus Gernsbach ״die beste Rede hatte in Kuppenheim heute ein Jude gehalten. Mir thufe' es besonders wohl, dass die Juden da kräftig mit ein treten, drei sind Führer der Feuerwehr, kühn undj gewandt.“ Im Jahre 1872, als Lasker seine meister-1 liehe Rede über das Militär-Strafgesetzbuch hielt, wird ihm berichtet, dass man in Rumänien einen Rabbiner undi 5 Juden wegen eines ihnen unterschobenen Kirchendiebstahls eingesperrt habe, und er ruft (22. April) aus ״dort die Juden verfolgt wegen einer frech ausgeheckten Lüge, und, hier kämpft ein Mann, wie Lasker für die Feststellung der Gesetze im reinen Geist!‘* Am 22. Januar 1873 schrieb er: ״alle Zeitgenossen, vornehmlich aber die Juden dürfen stolz sein, solch eine reine hohe Natur (Lasker) lebendig unter sich'l zu haben.“ Und als der getaufte Dr. Friedenthal! Minister wurde, schrieb er, (16. September 1874): ״Was! haben wir Alles erlebt! — dass ein Jude preussischer 1 Minister wird , ohne dass von irgend einer Seite das betont wird. Denn in den Angen der guten Gesellschaft ist Friedenthal trotz Taufe doch Jude“.,