Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 25. (19.6.1884)
- Date
- 1884-06-19
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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Aufgekreidete von der Tafel“. ־Wenn non gar seine Glaubensgenossen nicht nur mit der spitzigen Waffe der Feder, sondern sogar mit dem rohen Knüppel der hrntalen Gewalt angegriffen wurden, da kannte sein Feuereifer keine Grenze. Und als die herzserwühlenden Hilferufe unserer Glaubensgenossen in Rumänien im Jahre 1867 zu uns herübertönten', da erbot er sioh Montefiore in edelsinniger־ Aufwallung, ihn nach Bukarest zu begleiten (5. August 1867). Ein Jahr später fanden die rumänischen Greuelthaten bekanntlich in Westrussland einen empörenden Wiederhall. Auerbaoh zittert vor Auflegung und schreibt dann seinem Freunde, dem Fürsten von Hohenzollem. Ueber den Erfolg dieses Briefes lässt er sich am 20. April 1868 wie folgt aus: ״Du weiset, wie schon im vorigen Jahre mich die rumänischen Judenverfolgungen nicht ruhen Hessen und wie ich mein ganzes Sein daran setzen wollte . . . Heute erhalte ich nun •inen ebenso innigen als ergreifenden und wirkungsvollen Brief vom Fürsten Vater. Ich schicke denselben der Bedaotion der ״Freien Presse“, Du wirst Deine Freude daran haben, und die Wirkung wird mächtig sein. Ich bin ganz glücklich.“ — Nach den bisherigen Ausführungen muss es ja als selbstverständlich erscheinen, dass Auerbach die Begründung der Alliance israelite universeile mit Freuden begrüsste und sich ihr warm und innig anschloss. So stand er auch in vorderster Reihe, als Cremieux im October 1867 Berlin besuchte, am von hier aus Empfehlungen an den Czar von Bassland zu Gunsten der westrussisohen Juden mit- *•nehmen Er wollte sogar auf Anrathen der GrossfÜrstin Helene, Crämieux hach Petersburg begleiten and hielt damals eine herzerhebende Bede, deren Gedankengang in UI. einem Briefe vom 15. October wiedergegeben ist. ״. . . . Ich sprach von der Mission der Juden, die in Frankreich volle Franzosen, in Deutschland volle Deutsche u. 8. w. werden, und wie darin die Mission läge, Staatsleben und Nationalität im höherem Sinne nicht auf die Blutabstammang, sondern in den Geist za versetzen. Ich schloss mit dem Vergleiche, dass die Juden der Bibel gleichen, die in allen Nationalsprachen übersetzt denselben unvergänglichen Inhalt habe.“ Nun giebt es freilich viele Glaubensgenossen, die im Sturm thatkräftig zugreifen und das bedrohte, leokgewordene Schifflein des Judenthnms vertheidigen, um dann bei politischer ־Windstille wieder die Hände thatlos in den Schoo 8s za legen. Zu dieser einseitigen Auffassung der jüdischen Solidarität konnte sich Auerbach nicht verstehen. Er betonte vielmehr auch in gefahrlosen Zeiten mit allem Nachdmck seine Zugehörigkeit zur jüdischen Beligion. Er besuchte fast in jeder grösseren Stadt die Synagoge, tun ״die Zugehörigkeit zur Gesammtheit zu bethätigen“, wie •r dies wohl an zehn Stellen dieser Briefs mit gewissem Behagen wiederholt. Er fuhrt seine Familie in die Beformsynagoge ״damit sie, die in Schulen and auf den Strassen von dem Jndsein zu leiden haben, eine gewisse Innigkeit zur Religionsgenossensohafk ge- ־Winnen.“ Ihn spricht der reformirte Gottesdienst allerdings nicht an. ״Uns, die wir aus dem Alten erwaohsen sind, würden nur die alten Melodien and Worte tiefe Jugendklänge erwecken“ (14. Octob. 1862 und 7. April 1866). Und mit welcher Innigkeit spricht er (20. April 1867) von dem Seder, den er mit Prof Bernays in Bonn gefeiert hat. ״Tief ergriff mich die Bemerkung, dass die Juden schon einmal in Spanien ganz frei waren, und wieder zarückgeworfen wurden. Könnte das noch einmal so sein in der Geschichte?“*) Was der Politiker für immöglich gehalten hätte, dass nämlich noch einmal ein gefährlicher Bückschlag erfolgen könnte, das hat der Dichter mit poetischem Seherblick־ vorgeahnt und vorempfunden. Leise und wehmüthig zittert durch seine Brust die angstvolle Frage: ״Könnte das noch einmal so sein in der Geschichte?“ Auf diese mit ahnungsvollem Schauer aufgeworfene Frage ist zehn Jahre später eine schrille und grelle, aber deutliche unumwundene Antwort erfolgt. Und was das Traurigste ist: Auerbach hat diese Antwort blutenden Herzens und gebrochenen Gemüths schaudernd selbst mitangehört und mitbetrauert! . . . Justus’ Judenspiegel, beleuchtet von -Dr. A. Lewin, Coblenz. (Fortsetzung.) Gesetz 86. Es ist dem Juden verboten, einem Leugner auch nur eines Gesetzes und noch viel mehr ist es verboten, einem Juden, der Akum geworden ist, ein Almosen zu geben oder etwas zu borgen, weil man diesen leben zu lassen nicht verpflichtet ist.‘־ Das ״verboten“ haben wir diesmal dick drucken lassen, denn Justus hat es hinzugedichtet.,Im angezogenen § 251,1 heisst es: ״Wer ein gewohnheitsmassiger und muthwillig Aergerniss erregender Uebertreter (Abaijon bemesid) eines Gebotes der Thora ist und nicht Basse gethan hat, den ist man nicht verpflichtet zu ernähren und nicht ihm zu borgen.“ ,Man ernährt Arme der Akum mit den israelitischen Armen wegen der Wege des Friedens“ ist doch auch wohl anders, als des Juden- Spiegels: ״Wohl ist es erlaubt, einem Akum (Christen) Almosen zu geben, damit kein Hass gegen die Juden entstehe.“ Solch’ Fälschungen sind Zeugnisse der — antisemitischen Sittlichkeit! Gesetz 87. Verwundert reibt der Jude sich die Augen, wenn er hier liest, es sei dem Jnden streng verboten, von einem Akum (Christen) Almosen anzunehmen, um den Christen nicht den darauf folgenden Gottessegen zu gönnen, da die Christen ״wie ein morsohes Gefäss zerbrechen, d h. zu Grunde gehen“ würden, wenn sie den Juden nicht Gutes erweisen könnten. Im angeführten § 254.1 heisst es wörtlich: ״Der Jude darf vom Akum öffentlich kein. ״Almosen annehmen, und wenn er von dem Almosen ״der Israeliten nicht leben und von den Akum im Geheimen nichts bekommen kann, ist’s erlaubt.“ Also folgt der Gottessegen nur den offen gegebenen Spenden? Auf eine Spende, welche die Mutter des Parsenkönigs *) Der selige Bernays hatte schon 1863 als wir ihn in Breslau besuchten, einen solchen antisemitischen Rückschlag als tmauableiblich voraasgwagk (Red.) , ״■ ־־-V i. ־־ - i ■ L