Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 22. (29.5.1884)
- Date
- 1884-05-29
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
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war den Armen Vorbehalten. Hielt er “Weinlese, 80 gehörte die Nachlese den Armen. Heimste er seine ' Oliven, seine Banmfirüchte ein, 80 gehörte der Abfall den Armen. Endlich musste, das Einkommen eines jeden dritten Emtejahres an die Armen verzahntet werden. Charakteristisch ist es, dass keine der betreffenden Bibelstellen darauf hindeutet, als hätte Moses die Armenversorgung zu einer Angelegenheit des Herzens gemacht. Nirgends sehen wir ihn das Mitleid des Besitzenden anrufen. Wir vermissen in allen jenen Stellen die üblichen caritativen Ausdrücke; wie: חסד, חמלה רדומים, חנינה u. s. w., welche doch die P8almisten und Propheten an wenden, so oft sie zur Mildthätigkeit ermahnen. Ist dies nicht ein sprechendes Zeugniss von dem staatsmännischen Tiefblick, von der Gesinnungshoheit des Gesetzgebers? Er wollte keine bemitleideten, sondern ^inter existenzberechtigte Bürger in seinem Staate haben. Deshalb versohmähete er es, die Armenversorgung als einen blossen Akt der Barmherzigkeit hinzustellen. Er erhob sie zum Hechte der Armen und zur Hechtspflicht der Besitzenden. Er erkannte, um mit manchen Modernen zu reden, den Armen ein ״Hecht zum Leben“ zu. (Schluss folgt.) Justus’ Judenspiegel, beleuchtet von Dr. A. Lewin, Coblenz. _י (Fortsetzung.) Gesetz 65. Die biblische Bestimmung*): ״Den Namen fremder Götter sollt ihr nicht in Erinnerung bringen“ schliesst das Verbot ein, bei ihnen zu geloben oder zu schwören. Daher dürfen auch nur die Namen der Feste genannt werden, welche Menschennamen(und nicht Gotternamen) tragen. Dass Peter- oder Paulfeste als solche angeführt werden, ist eine Erfindung von Justus. Es ist vielmehr deutlich, dass der Talmud griechische oder römische Feste im Auge hatte,wie: Victores Caesaris den Saturnalia gegenüber. Wohl heisst es im Talmud: ״Es ist erlaubt über Götzen zu spotten“, weil Jejaias gespottet: ״Bel beugt sich, Nebo keucht; ihre Götter gleichen Wild und Gethier u. 8. f.**). ‘ Der Judenspiegel wittert unsinniger Weise auch hier überall christliche Kirche. Es ist doch Blödsinn: Bei der Kirche zu schwören!? Götzen und nichts Anderes sind gemeint, wie aus den Auseinandersetzungen des Talmud***), was durch die verschiedenen Götter versinnbildlicht wird, deutlich hervorgeht. Dazu bemerkt dann Isserles: ״Es ist erlaubt, dem Aknm zu sagen: Dein Gott möge Dir helfen oder Dein Thun beglüoken! Das beschränkt der Ture sahab, dass man nur sagen darf: ״Gott“ und nicht ״Dein Gott“. Letztere Aeusserung wäre ein verbotener Spott. Erstere dagegen ist ein ehrlich gemeinter Wunsch, und dem Isserles war nur fraglich, ob damit nicht einer der jüdisohen entgegenstehenden Gottesauffassung zu viel Concession gemacht sei. Das verneint er! Also die Erl&ubniss, ״Christen zu verspotten“ hat — wir wollen es gelind ausdrücken — in der Unwissenheit des Justus ihre einzige Quelle! ״Der Segenswunsch des Juden gegenüber einem Christen ist also nur Hohn und Spott“. Also? Weil Justus nicht richtig lesen kann!! Gesetz 66. Dass Calendae und Satumalia christliche Feste sind, wird selbst der Judenspiegel nicht zu behaupten wagen; dass die Juden 3 Tage vor christlichen Festen*) den geschäftlichen Verkehr je eingestellt hätten, darf er ebenfalls nicht versichern, da er keine Gläubigen findet. Nun aber giebt er wenigstens einen falschen Grund für das Verbot in heidnischer Zejt an**), schmuggelt sein ״Christ“ neben Akum ein — und lügt, dass gegen ״hohe Wucherzinsen“ geborgt werden dürfe! Dass dieses der Mischna entstammende Gesetz gegen Christen durchaus nicht anzuwenden sei, sagt klipp und klar der Raschbam im Namen Raschi’s***) ״Jetzt ist Alles erlaubt, denn sie sind keine Götzendiener und danken keiner Gottheit für das Erlangte“. Andere, die erbittert sind, meinen, dass jeder Gewinn gleichsam ein unverhofft Gefundenes sei! Aber die ״hohen Wucherzinsen“ erwähnt der. Gesetzeslehrer ״Justus“ allein! Gesetze 67. 68. 69. 70. Immer weiter dieselbe Fälschung ausdehnend, werden die Mischnischen Gebote, welche den Götzendienst abzuwehren bestimmt und geeignet sind, auf die Christen, ohne auch nur einen Scheinbeweis dafür zu haben, übertragen. So das Verbot, ihnen für den Festtag ein Geschenk zu machen, oder eben dafür ein solches von ihnen anzunehmen, den'Regierungsantritt eines Königs als solchen Festtag zu betrachten, am Festtage in’s Haus eines Akum zu gehen oder ihn zu grüssen, oder gar eineu Friedensgruss zu beantworten, dass ferner der Jude sich von jeder Kirohe fern halten, nicht vor ihr das Haupt beugen und nicht aus Wasserleitungsröhren trinken soll, an deren Ausflussöffnungen Bilder von christlichen Heiligen als christliche Symbole sich befinden. Das Letzte ist in seiner Ungereimtheit wieder grotesk! ״Speien Gesichter Wasser vor die Götzen, so 8011 der Jude seinen Mund nicht zum Trinken daran legen, weil es aussieht, als ob er sie küsste“ 80 heisst es — dem Talmud entnommenf) — an dieser Stelle. Jedem Vernünftigen ist’s doch klar, wie hier heidnischer Brauch lebenswahr gezeichnet ist. Weil die Heiligenbilder gar zu lächerlich waren, musste ״christliche Symbole“ hinzugelogen werden, um I das Ding doch wenigstens möglich erscheinen zu lassen! Alles bezieht sich auf heidnische Zeit und stammt aus ihr. Das sagt der Schulchan-Aruchff) ausdrücklich — hat Justus das nicht gesehen? — die Stelle lautet: ״Einige sagen, (ja 88 all diese Dinge nurl verordnet sind für jene Zeit, aber in dieserl Zeit ist man nicht vertraut mit demBegriffeJ von Elilim (Götzen), deshalb ist es erlaubt, mit ihnen[ Geschäfte zu machen an ihrem Feste etc. Der Isserles[ spricht von Neujahrsgeschenken, die man Nichtjuden| macht, wie von der Verpflichtung, an ihrer Freude[ theilzunehmen! Gesetz 71. Der Isserles erörtert die Frage, obl der Jude vor dem Kreuze sich verneigen oder den! Hut abnehmen soll, und, nachdem er die Ansichten! *) Was die Mischna, Awoda sarit ‘2 a, vor den heidnischenl Festen gebietet. **) Dass der Akum ״sich damit ein Vergnügen machenI könnte“ während sie nicht wollten, dass durch sie die Grützen I glänzender verehrt, würden! Weshalb haben denn christlicheI Stimmen sich so empört darüber ausgesprochen, dass englische! Fabrikanten Götzen tür die Indier fabriziren? ***) Tur z. St. § 148. f) Awoda Sara 12 a., wo von einer bei städtischen Wasser* | leitungen üblichen Zierde die Bede ist. t) Jore Deah 148,12. I I e! s d h *) IL B. M. 23,13. **) Jesajas 46,1. Megillah 25 b. •**) Synhedrin 63 b.