Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1884-03-06 · No. 10. (6.3.1884) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
13 (1884)
Issue
No. 10. (6.3.1884)
Date
1884-03-06
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492408-6488249-8756117--0343-4855712
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

— 39 — über die Neronische Christenverfolgung. — Jüdischchristliche Dinge in römisch-heidnischer Beleuchtung. “ In diesem Capitel ist aber viel mehr geboten als dessen Ueberschrift erwarten lässt. Man findet darin: eine aus dem Wesen und der Lage der Dinge j geholte zutreffende Beleuchtung der Darstellung des Tacitus, Ann. 15, 38—44, worin auch darauf hingewiesen ist, dass Tacitus auf die neroniche Zeit überträgt, was erst von der Zeit Trajan’s seine Richtigkeit hät, nämlieh die Sonderung zwischen Judenthum und Christenthum;• eine in wahrhaft erhabener psychologischer Erkenntniss wurzelnde Schilderung der Stellung der Juden in Rom; den Nachweis über den Ursprung des Judenhasses, über Land und Leute, die ihn geschaffen, ehegt und gepflegt haben — und aus welchen Motiven —, en Nachweis, dass der Judenhass nicht auf sbcialem, sondern auf dem Gebiete der Litteratur als Giftpflanze emporgewuchert ist; endlich eine grossartige, durch wissenschaftliche Schärfe und glänzenden Humor sich gleichsehr auszeichnende Auseinandersetzung mit Renan und Hausrath über die Art, wie sie — und viele Andere gleich ihnen — die Quellen lesen und verstehen, wenn die Juden deren Object sind, dass die vorgefasste Meinung und die Phantasie!viel ergiebiger sind, als die Quellen, dass gänzlich neue Daten durch diese Dichtkunst ins Leben gezaubert werden, die nicht erheben י— wie die echte Poesie — sondern erniedrigen. Dieses Capitel allein erhebt das Buch in die Reihe der vortrefflichsten Erzeugnisse der Litteratur unserer Tage. Aus dem Schlusscapitel: ״Proben von (falschen Anschuldigungen gegen die Juden, welche vlor einer ernsten Kritik nicht bestehen können“ will]ich nur den Satz herausheben: ״für mich ist es ein kritischer Canon, dass, wenn den Juden jener Jahrhunderte eine solche Betheiligung an Grausamkeiten, sei es gegen Christen, sei es überhaupt gegen irgendwen, nqchgesagt wird, die zugleich eine freche Verhöhnung der mosaische Gebote und Dogmen involvirt, die Nachricht sehr genau darauf hin anzusehen ist, ob sie nicht vielleicht erdichtet und sogar schlecht erdichtet ist.“ Und dieser Canon ist wahrhaftig kein sutjjectiver, sondern der Canon der unanfachtbarsten Logilj. Wenn er doch in den Gerichtssaal hinein leuchtete, in welchem! der Neustettiner Synagogenbrand gerade jetzt verhandelt | wird! Mit dem Wunsche scheide ich für heute Von dem | trefflichen Buche, dass das Licht, welches in 81> reicher 1 Fülle und Klarheit in seinem Schoosse enthalten ist, in die weitesten Schichten dringen — zur Aufklärung und Belehrung. Dr. Sidon. Rawicz, Dr. M. Der Traktat Megilla nebst Tosafat (?) vollständig in’s Deutsche übertragen. t!° 117 S. Frankfurt a. M. Commissionsverlag von Kauffmann. 1883. Jüngst ist in diesen Blättern die Uebefsetzung des Tractates Taanit mit Freuden begrüsst |worden. Wir sind heute in der angenehmen Lage, einen wei- Wen Fortschritt auf dem Gebiete der Talnjudübertragung verzeichnen zu können. Uns liegt der! Tractat Megillah vor. Mischnah und Gemara sind — wieder Uebersetzer in seinen einleitenden Worten ankqndet — ün Sinne Raschi’s wiedergegeben und auch die|Tosafot (nicht Tosafat!) sind zumeist gewissenhaft (berücksichtigt worden. Eine Talmudübersetzung in’s Deutsche 1st noch immer ein pium desiderium. Was'bjisher in dieser Hinsicht geleistet worden ist, hält sich wirklich innerhalb der engen Grenzen schüchterner, erster Versuche. Um so erfreulicher ist es, dass H. R. Vor den Schwierigkeiten, die einer Talmudübersetzung entgegen- starren, nicht scheu zurüokgewichen ist, zumal da er selbst das finanzielle Risico seines Unternehmens zu tragen hat. Wir halten es für einen guten Griff des | Uebersetzers, dass er sich ganz unmittelbar aaf seine Aufgabe beschränkt hat, den Text im Sinne Raschi’s wiederzugeben, ohne sich durch weitläufige Textkritik eigene mehr oder minder geistreiche Conjecturen und Hypothesen, durch ״neue“ Erklärungen von seinem eigentlichen Thema ablenken zu lassen und vom Hundertsten in’s Tausendste abzuschweifen. Eine sehr dankenswerthe Bereicherung hat dieses Buch erfahren durch die stete Rücksichtnahme auf alle wichtigeren Tosafot, die man zwar nicht für eine exacte, wortgetreue Uebersetzung der Scholien und Glossen ansehen kann, die aber immerhin mehr bedeutet, als ein sinngemässer, ausführlicher Auszug. Bewusst oder unbewusst hat. es sich der Uebersetzer zum Principe gemacht, die1 rein theoretische Discussio in der Uebertragung nicht wieder zu geben. So *kommt es, dass auch der talsaudische Text bisweilen das Gepräge des Lückenhaften und Auszüglichen an sich trägt, was in eminentem Grade beim Texte der Tosafot zutrifft. Wenn wir uns fragen: Hat der Uebersetzer Fleiss und hingebende Liebesmühe auch nicht nutzlos verschwendet?, so wird es uns schwer, diese Frage präcis zu beantworten. Jedenfalls müssen wir zwischen der Tendenz der Arbeit und dem von ihr thatsächlich erreichten Zwecke einen gewissen Abstand constatiren. Wenn dem Uebersetzer die Absicht vorgeschwebt, durch seine Uebertragung den des Talmud’s Unkundigen unter den Glaubensgenossen und Andersglaubenden das volle Verständniss für dieses eigenartige, Jahrhunderte umspannende, litterarische Riesenwerk zu eröffnen, so ist ihm dies schon aus dem Grunde nur in wenig beschränktem Maasse gelungen, weil er ganz unvermittelt in medias res sich begeben. Eine populär gehaltene, orientirende Einleitung in den babylonischen Talmud soll überhaupt noch geschrieben werden. Wer für des Talmud’s Unkundige übersetzt, kann sie kaum umgehen. Zum Mindesten musste den Lesern zur richtigen Erfassung des Ganzen die talmudische Terminologie und halachische Methodologie in ihren Grundzügen klar gelegt werden. Die Leser, wenn anders sie sich ein annähernd richtiges Urtheil bilden sollen, müssen Kenntniss haben von den Differenzen zwischen בדיעבד und לכחחלה דאורייתא ודרבנן, משנה, ברייתא, גזירה,, den einzelnen talmudischen Interpretationsregelu, über den bald praktischen bald nur theoretischen Werth der halachischen Discussionen u. s. w. u. s. w. Der vorliegenden Arbeit, so trefflich sie auch im Ganzen sein mag, gereicht ferner der Mangel an hebräischen Typen zum Nachtheil, ein Mangel, der sich in empfindlichster Weise rächt, namentlich bei der Deutung gleichklingender Wörter, wie לא und לן, die der Talmud in halachischem oder aggadischem Interesse nicht selten urgirt. In der Wiedergabe der hebräischen WÖrter wird die Consequenz vermisst.' Bald werden sie dem portugiesischen, bald dem deutsch-polnischen Ritus entsprechend wiedergegeben. (Schluss folgt) Purim - Alman&ch. Herausgegeben von A. Gold- Schmidt. Hamburg 1884. 32 S. Es liegt nicht in der Tendenz des Litteraturblattes, von jedem ״Machwerk“ Notiz zu nehmen; wenn wir es im vorliegenden Falle mit bes. Erlaubniss des Herrn Redacteurs doch thun, so geschieht es, den anpreisenden Besprechungen unserer orthodoxen Blätter*) gegenüber unsere Ansicht über genanntes Büchlein, sowie überhaupt über Productionen ähnlichen Genre’s zu äussem. Wir gehören durchaus nicht zu den engherzigen *) Der Verfasser und Verleger des kleinen Schriftohens ist Inseraten - Agent der orthod. Blätter und darum wird dergleichen albernes Zeug von denselben für l'M. empfohlen — חיישינן לגומלק!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.