Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 10. (6.3.1884)
- Date
- 1884-03-06
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492408-6488249-8756117--0342-4855711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
, noch weit mehr trüben könnten, wollten wir der wiederholten Aufforderung eines, über die groteske Brutalität gewisser ״arischer Gelehrten“ indignirten christlichen Freundes — der uns und Andern in jeder Beziehung ungleich höher steht als die Herren JuStus, Nestle und dessen urczechisch-teutonisohes Stilmuster Treitechke zusammen — folgen and in Vervollständigung unseres ״PostScript“, No. 2. d Bl., dem lügenden ״Juden- Spiegel“ einen nicht täuschenden ״Christenspiegel“ entgegenhalten. Wie umfangreiches Material stände uns da zu Gebote! Doch wir hassen solche ״ Menschenmäkelei“. Nur der Noth gehorchend, nur uns vertheidigend bieten wir hin und wieder einige Spiegelbilder ״arischer“ —Verirrungen dar. Diese werden wir aber nie und nimmer, 80 nahe auch bei dem geist-, herz- und religionslosen Verhalten "der Gegner die Versuchung liegt, verallgemeinern. Wir halten das für eine unverantwortliche Gottes- und Menschenlästerung und werden unserm Vorsatze unentwegt treu bleiben. Mögen die Gegner sich noch so weidlich in verletzenden Collecdvurtheilen ergehen; mögen gewisse ״Gelehrte“ sich längst verwelkter hässlicher Stilblüthen bemächtigen, um ihr leeres Gedankenarsenal damit auszastaffiren; mögen gewisse ״Bannerträger der Wissenschaft* in den finstern Hallen des elenden Klassen-, Ra^en- und Religionshasses noch so wüste Orgien feiern: wir werden nie und nimmer in ähnlicher Weise den geheiligten Boden der Wissenschaft entweihen. —Dr. Kroner, Rabb. in Brandenburg a. d. H. Collectanea. xyi: .מערופיא ן Von Dr. Kroner, R&bb. in Brandenburg a. d. H. Der in No. 48 ff. v. Jahrg besprochene Ausdruck מדרופיא ist nach unserer Ansicht griechischen Ur- Sprungs, den uns schon die Formation des Wortes vermuthen lässt, und zwar ist dasselbe durch Metathese aus ifinop(a entstanden, das Handel, Handelschaft bedeutet und imChoschen Mischpat concret (= Ipjzopo׳.) für Kundschaft gebraucht ist. Fs sei hiemeben an das für i\utopix sonst vorkommende ähnliche Wortgebilde אנפוריא erinnert, sowie an das targumische וערק ואמפורק zu 1 m. 25,3. 1 Weniger zutreffend würde uns eine etwaige Ableitüng von ip.Ke.1pix Erfahrung, Bekanntschaft erscheinen; vergl. IfiTCipwc £־/e:v r.vcc ■= Jemand durch Verkehr kennen. Eine andere Erklärung darf nicht unerwähnt bleiben, da sie viel für sich hat. In der Vorrede zu den von Dr. Joel Müller (Wien, 1881) mit vielem Geschick herausgegebenen und vom Central-Comitd der Alliance I8r. Univ. auch uns s. Z. freundlichst zugesandten תשובות חכמי צרפת ולותיר der in einem Gutachten des R. Gerschom ben Jehuda (Meor Hagola), der bekannten talmudischen Autorität Deutsch- ־ lands und Frankreichs, zuerst angewandte Ausdruck מעדופיא, der dort ein Privileg zum Erwerbsbetrieb bezeichnet, auf das altfranzösische mire-fier zurückgeführt. Der erste Theil dieser .Composition, mire, wird mit merir verdienen (durch Geschäftsbetrieb) in Zusammenhang gebracht und fier mit anvertrauen übersetzt. מערופיא heisse sonach: Jemandem den Geschäftsbetrieb — in einem bestimmten Gebiete — anvertrauen. Bei dieser Erklärung beruft ]sich Herr Müller auf Littire. Wir bemerken hierzu noch unsererseits, dass allerdings nierir im Neufranzösischen nicht vorkommt, wohl aber im Altfranzösischen. Auch Karl Bartsch fuhrt im Glossaire seiner Chrestomathie de l’ancien frampais (VILle — XVe si^cles), 4. Aufl. Leipzig, Vogel, 1880 merir auf. Dieses stammt zweifellos vom lat. merere, welches letztere bei vielen Schriftstellern, selbst bei Cicero, verdienen im materiellen Sinne bedeutet. Das neufranzösisohe meriter heisst zwar nur verdienen im moralischen Sinne, hängt aber entschieden mit dem altfranzösischen merir bezw. dem lat. merere, meritare zusammen. Und das Verb fier (vom lat. fidere) ist ja noch jetzt gebräuchlich. Mag indess מערופיא besser aus der arabischen, oder griechischen oder französischen Sprache a b g e - leitet werden —- die Bedeutung des in den §§ 87 und 88 der qu. Responsen oft vorkommenden Wortes ist überall schon aus dem Zusammenhang sonnenklar. Litteraturbericht, Recensionen. Joel, Rabb. Dr. M., Blicke in die Religionsgeschichte. 2. Abth. Breslau, Leipzig, S. Schottländer. (Schluss.*) Dass die talmudischen Notizen über die Entstehungszeit des Christenthums aus christlichen Kreisen ihre Abkunft haben, ist dem Voranstehenden zufolge nicht erwiesen, der Ausspruch aber (S. 72), dass ״die Sorglosigkeit der Juden in Rücksicht auf geschichtliche Vorgänge, die später so schwer angerechnet werden sollten, von jedem Freunde der Wahrheit aufs Schmerzlichste empfunden werden muss“ behält seine ungeschmälerte, volle Richtigkeit. Das tritt um so nachdrucksvoller hervor, wenn man sich den Unterschied vergegenwärtigt, der zwischen dem christlichen Schriftthum des ersten und zweiten Jahrhunderts besteht — bezüglich der den Juden gegenüber eingenommenen Stellung. Was dem ersten Jahrhundert angehört, zeigt sich dem Judenthum gewogen, was dem zweiten angehört, ist judenfeindlich gestimmt. Die Apokalypse, wo der Name Jude als Ehrenname figurirt, präsentirt das erste, die Apostelgeschichte, die aus der Zeit der voUständigen Absonderung und Scheidung herausredet, das zweite Jahrhundert. Die Judenfeindlichkeit hat ihren Einzug in' die christliche Litteratur gehalten als der Bruch zwischen Judenthum und Christenthum vollzogen war. Diese entscheidende Wendung ist aber erst im zweiten Jahrhundert eingetreten. Der Zeitpunkt für die völlige Loslösung des Christenthums vom Judenthum ist, abgesehen von anderen Umständen, fixirt durch die Thatsaehe, dass in den talmudischen Quellen die Bezeichnung ״Minim“, mit welcher jene Christgläubigen belegt wurden, die als Gegner des jüdischen Gesetzes und der Nationalität angesehen wurden, vor der Zeit R. Gamliel’s II u. R. Josua’s b. Chananja nicht zum Vorschein kommt. Der Name מק מ“ aus מאמק״“, womit der ״Christgläubige“ bezeichnet wurde, verkürzt hervorgegangen zur Unterscheidung und Characterisirung derer, die den Boden des Judenthums verlassen hatten, zeigt den Scheideweg an zwischen Christenthum und Judenthum und markirt die Zeit für das Eindringen des jddenfeindlichen Eiements in das christliche Schriftthum. An die Darlegung dieses für das Verständniss der christlichen Quellen- Schriften einerseits wie für die Klarstellung des zwischen dem Judenthum und Christenthum anfänglich bestandenen Verhältnisses andererseits so wesentlichen Sachverhaltes reiht sich ein Capital — das umfangreichste im Buche — mit der Ueberschrift: ״Tacitus *) S. 26b. Z. 17 v. u. lese man ״ödipodiache Verbindungen“; Z. 16 L ״konnten“. — S. 27 a Z. 5 v. u. 1. ״musste“. 1