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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1884-02-07 · No. 6. (7.2.1884) · p. Seite 22

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
13 (1884)
Issue
No. 6. (7.2.1884)
Date
1884-02-07
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
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voll Nachsicht und Sohonung gegen Irrtham und Schwäche, so lange die Gesammtheit dnrch sie keinen Schaden litt. Die ־Wanne seiner Ueberzeugung, die Reinheit seines Wollene gaben ihm den Math, den Mächtigsten kflhn gegenüberzutreten; da dachte er nicht an sich, da fühlte er sich nur als den Anwalt des Rechtes; aber dieser kühne Muth ist nie in Hochmuth und Selbstüberschätzung aasgeartet; er war schlicht and gerade and des eigenen Werth es sich kaum bewusst; er war ein Politiker ohne Parfeigeist, und vielleicht die meisten seiner politischen Irrthämer kamen daher, dass er die Parteien für versöhnlicher gehalten hat, als sie es in Wirklichkeit gewesen sind. Nicht ohne ein tragisches Moment war sein Verhältni88 zu dem grossen Staatsmanne, der Deutschland geeinigt hat. Lasker, der Deutschland so innig geliebt, empfand gegen ihn eine Dankbarkeit, wie wir sie sonst wohl nur einem Menschen zollen, der nns einen grossen persönlichen Dienst erwiesen hat. In dem gewaltigen Manne verehrten die Liberalen, was ihnen fehlte; die Hand,-die tapfer aus fuhrt, die Thatkraft, die durch kein Hinderniss sich schrecken lässt. Die deutsche Einheit war ja von den Freisinnigen nicht aus nationalem Ehrgeiz ersehnt worden, sondern bei der Zerrissenheit und Ohnmacht unseres Vaterlandes, das auf allen Seiten von scheelblickenden Nachbarn umgeben ist, war die deutsche Caltur allen Zufällen preisgegeben; urplötzlich hatte sich dies gewandelt; und diese Wandlung hatte der Mann vollbracht, mit dem die Freisinnigen in erbitterter Fehde lagen; es waren nicht die Schlechtesten, die sich damals vor dem genialen Staatsmanne beugten und dem Volke den innera Frieden gaben. Heut ist dieser Band zerrissen; aber selbst heut haben diejenigen es nicht zu bereuen, die ihn geschlossen haben, und dauernde Werke werden noch späten Zeiten Zeugniss geben von der aufbauenden Arbeit, die durch ihn geleistet worden ist. -Lasker war Allen voran in der Verehrung des ausserordentlichen, des providentiellen Mannes; aber dadurch konnte die Kluft nicht überbrückt werden, die zwischen den politischen Ansichten dieser beiden Männer bestand und die bei jeder Gelegenheit sich zeigte; und dabei folgte die Partei Laster’s ihm oft nur widerstrebend in diesem Streite. Es war für den edlen PatrioteiNjjef schmerzlich, den zu bekämpfen, den er doch als den Erneuerer deutscher Grösse der höchsten Ehren werth hielt._ Eduard Lasker hat es Zeit seines Lebens nicht Vielen rechtgemacht. Aber das hat ihn nicht besonders gestört. Wie wurde er Ende der sechziger Jahre als ein'Abtrünniger und Machtanbeter gescholten, und neben Twesten war er zu allermeist die-Zielscheibe des Angriffe, weil man diesen Beiden am wenigsten selbstsüchtige Motive beimass; er hat es gelassen ertragen; heute wird das Märchen erzählt, er sei am gebrochenen Herzen gestorben, er sei zu Grunde gegangen an den Kränkungen, mit denen die Gegner ihn verfolgt haben. Es war gewiss für Viele eine herzliche Genugthuung, dass die Freunde, die ihm am nächsten geständen, dieses Märchen widerlegt haben; Lasker’s Herz war zu fest, zu sehr auf sich selbst gegründet um durch solch’ alltägliche Zufälle zu brechen. Er hat seine Gedanken über Charakterbildung in den Satz zusammengefasst: ,es ist die Aufgäbe der Erziehung auf alle denkbaren Lagen vorzubereiten, auf sie eingerichtet sein ist der Inhalt aller Bildung“, und er selbst sollte auf die häufigsten aller Erfahrungen nicht eingerichtet gewesen sein, dass ein edles Streben Neider und Feinde weckt, dass eingewurzelte Vorurtheile nioht rasch sich ausroden lassen? Auch sein Verhalten gegen das Judenthum hat sogar von freisinnigen Israeliten manchen Angriff erfahren. Als die Gesetzgebung dazu schritt, den Juden den Austritt aus dem Gemeinde7erband zu ermöglichen, ohne dass eine solche Erklärung zugleich auch den Austritt aus dem Judenthum zur Folge haben sollte, da waren Viele erschreckt, weil sie eine Zerrüttung der jüdischen Gemeinden befürchteten. Das Parlament wurde bestürmt, dem Gesetzentwurf die Genehmigung zu versagen; aber Lasker, der allem religiösen Zwang, allem Kirchenthume abhold war, wurde dem liberalen Gedanken nicht untreu und sein Votum entschied. Gott sei Dank hat die Erfahrung gelehrt, dass das Judenthum in unserem Vaterlande noch eine festere Grundlage hat, als das Judengesetz von 1847. War Lasker religiös? Diese Frage kann nur von der Bigotterie verneint werden. Zwar alles kirchliohe Wesen war ihm zuwider, aber von der Religion dachte er hoch und er hat es ausgesprochen : ״Niemals wird die Religion aufhören, den Charakter zu läutern und den Menschen zu gestalten “. War es kein Gottesdienst, dass der junge Mann, nachdem er seine Studien beendet hatte, allen Lockungen das Judenthum zu verlassen tapfer widerstand, dass er nicht beirrt wurde, als rings um ihn her so Viele diesen Lockungen unterlagen, ihren Glauben aufgaben und zu Amt und Würden gelangten? Gehörte zu dieser Treue, die Lasker unter Entbehrungen Jahrzehnte bekundet hat, nicht eine grössere Frömmigkeit als sie Viele mit dem Sprechen und Ueben religiöser Formeln bewähren? War es nicht Gottesdienst, wenn er auf dem Gipfel des politischen Einflusses, da die wichtigsten Aemter ihm offen standen, da Gold und Ehren vor ihm lagen, dass er nur mit Händen nach ihnen greifen durfte, dies Alles für gering achtete und Genuss und Genüge fand in dem Guten, das er wirkte? War es nicht Gottesdienst, dass er in einer Zeit weitgreifender Korruption mit seiner mächtigen Rede jdas Volksgewissen aufrief und wie dereinst Moseh dem Tanz um das goldene Kalb ein jähes Ende bereitete? Als vor Jahresfrist Frankreich einen grossen Bürger verlor, der gleichfalls aus engen Verhältnissen aufgestiegen war, da wurde der Glanz des Ruhmes von dem Vorwurf beschattet, dass der Mann, der als Bürger gross gewesen, als Mensch sich klein und unmässig und genusssüchtig gezeigt hatte. Es musste ein Schleier um das Privatleben _ gezogen werden, damit der Glanz des öffentlichen nicht dadurch verdunkelt werde. Lasker jedoch steht rein und fleckenlos da, er war ein Mann, dem Leuchter im Heiligthum vergleichbar, aus einem Gusse, ganz aus Gold. Und ist es Ueberhebung, wenn wir Juden Eduard Lasker, diesen deutschen Mann, für uns in Anspruch nehmen? Lasker redet selbst einmal davon, dass die Eindrücke, welche wir in den ersten Jahren unseres Daseins empfangen, entscheidend sind für unser ganzes Leben. Der deutsche Geist jedoch warf in den verlorenen Ort im Osten unseres Vaterlandes, wo Lasker geboren wurde, damals kaum schwache Strahlen. Es waren die frommen jüdischen Eltern, es war derVater, der von den Geschäften des Tages sich Abends am Talmud erholte, es war die jüdische Erziehung, die ihn so ausbildete: begeistert und doch nüchtern, gemüthvoll und wiederum scharf verständig, streng gegen sich und mild gegen die Welt, zäh und ausdauernd, mässig und arbeitsfroh, so dass, als nachher die Liebe zum Vaterlande in ihm erwachte, er ein rechtes Manneshefz in den Dienst desselben stellen konnte. Deutschland hat seinen Geist, aber das Judenthum hat sein Gemüth, hat seinen Charakter gebildet und er hat den Namen

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