Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 2. (10.1.1884)
- Date
- 1884-01-10
- Page
- Seite 7 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492408-6488249-8756107--0303-4855680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
(Gebot: Da sollst nicht morden!? — höher als die überreiche Fülle der biblischen, talmdfeaten and [ naobtalmudischen Hmnanitätelehreh, die *ick aufalle 1 Menschen ohne Glaubens-, Stammes- und Stanc eeunter- : schied beziehen? Und steht uns der Aut! >r eines 1 kabbalistischen Werkes etwa höher als den Kitholiken j Bärchenvkter, Päpste, kanonisirte und ähnliche I 'ersonen, [.als den Protestanten Luther und andere luherisohe Bärchenmänner? Und ist uns denn der gesunde Menschenverstand gar nichts? Hören wir über dessen Würdigung, dem Talmud — und selbstverständlich in noch höherem Grade der Kabbala •— gegenüber, den Ausspruch des R. Samuel ben Chofhi Gaoü, eines Mannes aus dem fl. Jahrhundert, jenes hoch- [berühmten Schuloberhauptes, dessen Rechtglaubigkeit [auch ein hyperorthodoxer Jude nicht antastfen wird:!״Man muss nie eine Meinung heglen, die dem gesunden Menschenverstände Iwiderspricht, wenn auch diese Meinung die Autorität der Rabbinen in der Gamara für 8ich hat.“ In dem Schriftthum jeder Religionsgenossenschaft — und in welcher andern, profanen Litteratur wäre das nicht d6r Pall? — finden sich anfechtbare Stellen. Wenn beispielsweise im jüdischen Schriftthum verthierte Menschen, Verfolger und Hetzer beim rechten Namen genannt werden, 80 ist das von einem gewissen Standpunkte aus —- den wir nicht theil m — aniechtbar; sind es dann aber die obengeda 3hten Bezeiohnungen a 8 christlichem Munde und c!östlicher Feder, wie ״Bestien etc.“ nicht mindestens ebenso «ehr? Zur Menschenmäkelei findet Jeder Anlass, wenn er eben Anlass sucht. Doch hinweg!mit aller Menschen mäkelei, nach dem schönen Worte jLessing’s: ״Nur muss der Eine nicht den Andern mäkeln, Nur muss der Knorr den Knubben hübsch ^ertragen.“ Das Ziel, das Alle gemeinsam, Hand 1 in Hand, an8treben können und sollen, ist die Steigerung menschlicher Gesittung bis zur lichten Hjöhe aufrichtiger Brüderlichkeit, ist, um es mit einem Worte zu sagen: Humanität. Sie allein, Kern und Stern aller Religion (Kelal gadol ba-Tpora) lässt das alte und veraltete Vorurtheil schwinden^ das Licht siegen über die Finsterniss, die Wahrheit über den Wahn, das Urtheil über das Vorurtheil; siejallein, das unumstösbliche Gesetz des reinen Menschenthums, lässt bannen jedes Gebilde der Lieblosigkeit!; sie allein lässt den Menschen lediglich nach seinem ן Charakter, seinen Fähigkeiten und seiner Lebensführung würdigen, lässt Billigkeit und Gerechtigkeit iben, nicht jene leidige Toleranz, die so gnädig ist, abweichende Formen und Anschauungen zu duldsn; sie allein hebt uns bei Benrtheilung und Schätzung des Neb^nmenschen über diese Formen und Anschauungen hinwfeg, verleiht der Freiheit, dem Frieden, der Freude erst rechte Weihe und rechten Adel. Zum Schluss rufen wir Herrn Prof. Dh Delitzsch den Spruch des Abtalion zu: ״Ihr Weisen, seid vorsichtig mit euren Worten!“ (Pirke Abotlj I. 11.) Litteraturbericht. Recensionen. W618S, J. H. דור דור ודור־שיו, Zur Geschichte der jüdischen Tradition. HL Theil. Wien 1188.']. gr. 8*. 327 S. 6 Mk. t Mit Freuden begrüssen wir das Erscheinen dieses dritten Theiles, der nicht minder als ’ "" seine Vor- 1ginger*) vob vielseitigem, gediegenem Wissen, von? mit Klarheit verbundener Tiefe des Scharfsinns undunermüdlichem Forsohungafleisse des greissen Ver* fessers herrlich Zeug 188 ם giebt ,Aach diasör, den Zeitraum von Abschluss der Mischna bis sar Vollendang des babylonischen Talmuds umfassende Band wird wegen seines Goldgehalts einer ■jeden Bibliothek zur ׳ Zierde gereichen, . er wird einem jeden Jünger talmudischer Wissenschaft, sowie einem Jeden, aer auf ihrem Gebiete die rechten Pfade sucht — wenn anders er nur ein fa§t klassisches Hebräisch za lesen versteht —, hinreichenden und genügenden Aufschluss bieten. Einzelne Gedanken, die wir hier vorführen wollen, mögen das eben Gesagte erhärten. Der Talmud ist, wie schon der Name zeigt, wesentlich ״Lehre, Belehrung“. Er lehrt das Verständniss der Mischna, er entscheidet bei Controversen der Misch□ alehrer, er erschliesst durch Betonung und Nachdruck eines Wortes, einer Redeweise, ja eines Buchstaben der Mischna neue Lehren, welche dieselbe ihrem einfachen Wortsinn nach nicht zu enthalten scheint; er lehrt aber auch ganz neue, von der Mischna ganz unabhängige, von ihr keineswegs resuttirende Halachoth, er behandelt mancherlei, ohne es zur Ent- Scheidung zu bringen, er bespricht Boräithos, die in keinem directen Zusammenhänge mit der Mischna stehen, er sucht Ausgleichung der Widersprüohef welche zwischen der Mischna und den Boräithos sich zeigen, u. s. w. Ja, die Boräithos, sie sind haaptsächlich der nervns rerum im Talmud. Wenn die unmittelbar nach ״Rabbi“ lebenden Amor&im die Absicht desselben, in der Mischna nicht nur die ganze mündliche Lehre, sondern auch die einzige and alleinige Anleitung für in späterer Zeit zu treffende Bestimmungen zu geben, nicht vereitelt hätten, wenn sie nicht alle von Rabbi und seiner Schale unbeachtet und unberücksichtigt gelassenen Halachoth von Neuem gesammelt und mit der Mischna verglichen hätten, so wäre ein grosser, und zwar der populistische Theil des Talmuds unmöglich geworden. Und eine solche Unmöglichkeit würde uns 1gewiss nichjt zum Nac.htheil gereichen. Denn gerade dieser Theil hat uns die Freiheit der Lehre auf Grund der Mischna geraubt, gerade er hat namentlich mit dahin gewirkt, dass im Laufe der Zeiten die Gesetzesbestimmungen anwuchsen und anwuchsen bis in’s Unendliche. Der Talmud ist ein den Juden heiliges (?), religiöses Lehrbuch. Aber ist er-es auch in dem Sinne, dass Alles, was er enthält, für alle Zeiten Geltung haben und unabänderlich bindend bleiben solle? Ist er es auch in d e m Sinne, dass nichts von ihm genommen, und nichts zu ihm hinzugefügt werden darf? Nun, zumal seit Lipmann Heller gilt Vielen der Satz, der ja schon in der Gemara selbst häufig sich findet, der Satz, dass es freilich gestattet sei, die Mischna, wenn nöthig, in einfacherer und einleuchtenderer Weise zu erklären, als die Gemara es that, und dass man dem gesunden Menschenverstände, wenn dieser sich gegen die talmudisohe Auflassung sträubt, die Fessel derselben anzulegen nicht gezwungen und verpflichtet sei; dass aber diese Abweichung sich nur auf *"die Theorie, keineswegs auf die Praxis erstrecken dürfe. Aber auch dieser Fortschritt, den Heller in neuerer Zeit angebahnt, ist nioht der rechte^ Stand- *) Die beiden ersten Theile gelangten durch einen merkwürdigen Zufall nicht zur Besprechung in unserem ״Litteraturblatt“. — Wir halten die betreffenden Recensionsexemplare unserem CoIIegen Herrn Dr. Kroner, damals in Stadtlengsfeld wohnhaft, gesandt. Dort sind dieselben beim Brandeaioeo« Ortes mit anderen werthvollen ׳ Büchern sammt der Recension ein Raub der Flammen geworden. (Red.)