Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 1. (3.1.1884)
- Date
- 1884-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Äcmlbe --das Pamphlete gewesen ist, wie wir sofort hinsamgen müssen, nicht Lather, dessen unsterbliche Verdienste am 'dis Menschheit die Weltgeschichte kennt and dessen Jubelfeier vom protestantischen Deatsohland im Ein- ▼erstkndnise mit den freidenkenden Qeistem aller Baiigionsgesellic haften soeben begangen worden ist. Ah Luther das jadenfeindliche Bach schrieb, war seine Gesundheit notorisch durch schwere körperliche Leiden tief zerrüttet, war er ein durch übermässige Arbeit abgehetzter and vorzeitig gealterter, lebensmüder Mann; fort während hyponchondrisch verstimmt and gereizt, unzufrieden mit dem Gange der Ereignisse and mit sich selbst, voll düsterer Vorahnungen des Deutschland-drohenden, blutigen Beligionskrieges, hatte er durch seine üble Laune, durch herrischen Eigensinn und aufbrausenden Jähzorn seine anhängliebsten Freunde von sich gescheucht and über klein- Iiohem, theologischem Wortgezä'.k, sowie in starrem Festhalten am Buchstaben die erhabene Mission, zu der die Vorsehung ihn berufen, theilweis wieder vergessen; er befand sioh schon einige Jahre hinduroh annähernd in demselben Zustande, den er selbst etwa sechs Wochen vor seinem Ende in einem Briefe mit folgenden Worten schildert: ״Ich alter, abgelebter foul er, müder, kalter und nun auch einäugiger Mann hoffte doch nun ein wenig Buhe zu haben;;so werde ich aber dermassen überhäuft mit Schreiben, Beden, Thun und Handeln, als ob ich nie etwas gehandelt, geschrieben, geredt oder gethan hätte. Ich bin der Welt satt und die Welt meiner, wir sind also leicht zu scheiden, wie ein Gast, der die Herbeige .quittirt“. Wenn wir und mit uns wohl jeder Vorartheilsliese das Bach des gealterten, kranken, körperlich und geistig gebrochenen Luther als kein vollgültiges Zeugniss seiner wahren Gesinnungen and Lebensanschäuungen anzuerkennen vermögen, so drängt sich von selbst die weitere Frage anfj welche Stellung denn der im Vollbesitz seiner Gesundheit und auf der Höhe seines geistigen Wirkens befindliche Held der Beformation za dem Jndenthum und seinen Bekennera eingenommen hat. TJeber die ,Antwort kann Tn an keinen Augenblick im Zweifef sein. Der Wiederhersteller der reinen Christuslehre, deren Grnndgebot die allgemeine Menschenliebe ist, der treue Freund BeuchHn’s, jenes gelehrtesten und edelsinnigen Zeitgenossen, welcher unter Aufopferung seines ganzen Vermögens und mit persönlicher Lebensgefahr* beim Baiser und Papst der Juden gegen die verfolgungssüchtigen Dominikaner in Köln, sich ritterlich annahm and durch seine mächtige Fürsprache die altüberlieferten hebräischen Schriftwerke vor der Vernichtung rettete, der Begründer der deutschen Natjpnallitteratur, welchen uns das bekannte schöne Gemälde Spangenberg’s vergegenwärtigt, wie er, von einigen Christliehen Freunden and zwei jüdischen Babbinem amgeben, die Bibel übersetzt, —dieser von den •Besten seiner Zeit schwärmerisch verehrte und von der Nachwelt hoch gefeierte Luther war ein eifriger Gönner und Be schütz er der Juden. Nachdem er schon zuvor wiederholt in seinen Schriften den unvertilgbaren Judenhass, dem, wie er sagt, nur ״sehr abgeschmackte Theologen“ das Wort reden könnten,' und die grausame ״nicht allein unchristliche sondern mehr als ״ viehische “ Behandlung der Juden bitter getadelt hatte, veröffentlichte er, 1523, also auf dam ungefähren Höhepunkte seines reformatorischen Kampfes gegen das Papstthum, ein buch, welches schon durch seinen Titel .Dass Jesus ein geborener Jude gewesen“ die fanatischen Judenfeinde in Harnisch brachte. Es .heisst darin unter ^Anderem wörtlich: ״Unsere Narren, die Papisten, Bischöfe, Sophisten!, und Mönche haben bisher also mit den Jnaen vegjkhren, dass, wer ein guter Ohriet gewesen, hätte wohl mögen ein Jade werden ... eie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen, haben nichts mehr than können als sie schelten. Sie sind Blatfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn; darum, wenn man sich des Blutes und des Fleisohee rühmen 8611, so gehören die Jaden Christo mehr an, denn wir. . . . Darum wäre ,mein Bath, dass man säuberlich mit ihnen amgehe; aber nun wir mit Gewalt sie treiben and gehen mit Lägenteiding und geben ihnen schuld, sie müssten Christenblut haben and weise nicht, was des Narrenkrams mehr ist, auch dass man ihnen verbietet unter uns zu arbeiten, zu handthieren and andere menschliche Gemeinschaft haben, damit man sie za wuchern treibt, wie sollen sie zn uns kommen? Will man ihnen helfen, so muss man nicht des Papstes, sondern der christlichen Liebe Gesetz an ihnen üben und sie freundlich annehmen, mit lassen werben and arbeiten, damit sie Ursache and Baum gewinnen, bei ans and um ans zu sein“. Das war die echte Herzenssprache des grossen deutschen Beformators, das war ein Wort, wie es die Jaden, so sagt ihr jüngster und bedeutendster Geschichte- Schreiber*), seit einem Jahrtausend nicht gehört hatten. Und die Jaden haben, wie es scheint, dies Wort des christlichen Glaubenshelden auch heute noch in dankbarer Erinnerung behalten, haben dieses Wortes wegen Alles, was er später Uebles von ihnen gesprochen, - längst vergeben and vergessen. Dieses Wortes eingedenk, haben sie am Lutherjubiläum nicht bloss durch ein angemessenes Verhalten ihre stillschweigende Achtung vor den religiösen Gefühlen der protestantisenen Mehrheit zu erkennen gegeben, sondern sie betheiligten sich auch hier und da aus freiem Antriebe an den öffentlioheu, allgemeinen Huldigungen, für Luther, . dessen einstiger muthiger Kampf für Glaubensand Gewissensfreiheit in weiterer Folge auch für 816 endlich das Morgenroth der religiösen Duldung andGleichberechtigungmit ihren Mitmenschen heraafgefahrt hat.“ _ Ueber die Nationalitäten Europa’s. Der bekannte ungarische Professor Armin Vambe r y hat in Pest einen Vortrag über das in der Ueberschrift genannte Thema gehalten and bei dieser Gelegenheit die Basis des Anti-Semitismus einer Wissenschaftliehen Kritik unterzogen. Obwohl der Vortrag nicht viel Neues enthält, bietet er doch eine solche Fülle interessanter Momente, dass wir im Nachstehenden eine kurze Inhaltsgabe desselben wiedergeben wollen: ״Die Völker Earopa’s haben“ — so begann der Vortragende — ״keinen Grand, auf die Beinheit ihrer Nationalität, ihrer Bace stolz za sein. Von Spanien angefangen bis an die östlichen Grenzen unseres Welttheils bilden die Völker ein buntes Gemisch von Bacen. Und dies zu ihrem entschiedenen Vortheil. Der Originaltürke ist untersetzt, dick, mit grossem Schädel, quergeschlitzten Augen, hervorragenden Backenknochen. Mit der Schönheit der übrigen reinen Bacen i-t es nicht um ein Haar *besser bestellt. Nur die Kreuzung der Bacen hebt die Sohönheit. Der heutige Spanier, auf seine Abstammung 80 stolz, verdankt der Mischung von drei Nationalitäten sein Dasein; der Engländer stammt bekanntlich von der Kreuzung der Angelsachsen und der Normanen, die übrige Gevatterschaft ungerechnet, ab; die Franzosen/ *) Prof. Dr. Grfctz, Geschichte der Juden, Bd. 9, S. 211.