Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 12 (1883)
- Issue
- No. 33. (18.8.1883)
- Date
- 1883-08-18
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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S hy lock. Von Dr. Paulus Cassel. -־ ■׳ (Fortsetzung.) 4 'Als besonders charakteristisch für das Gesetz des alten Testaments hat man immer die Vorschriften, gehalten, welche sich 2. Mos. 21, 3 (c£ 3. Mos. 24,19 und 5. Mos. 19,21) finden: ״Seele um Seele, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuss um Fuss, Brand um Brand, ־Wunde um Wunde, Beule um Beule“ und dieselben mit oberflächlicher Sentimentalität ,gemeint hat. Aber 8i6 sind vielmehr Anordnungen eines liebevollen Gesetzgebers, der das wilde und raohedüratige Menschenherz kennt — das niemals geneigt ist, sioh blos soweit zu rächen, als es selbst erlitten hat. Es giebt zehn Schläge wieder, wenn es einen erhalten hat. Gott belohnt tausendfältig Gutes, aber der raohedüratige Mensch rächt sioh tausenfältig. Die Bache ist eifriger wie die Dankbarkeit; ihr Durst ist unstillbar, und das Herz des gewöhnlichen Menschen hält das für süss Das alttestamentliche Gebot zähmt diese Lust. Es entzieht die Strafe nicht dem Recht, aber misst sie nach der Sünde ab. Freilich im Gegen-- satze zum Evangelium, wo es Matth. 5,38 heisst: .Ihr habt gehört, dass da gesagt ist, Auge um Auge, Zahn um Zahn, ioh aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel, denn so Jemand einen Streioh giebt auf den rechten Backen, dem biete die andere auch dar“, erschien das Gesetz für hart; es war doch eine Bache gegenüber der Demuth und Versöhnung. Dies alttestamentliche Gesetz wurde darum nur dem Juden in den Mund gelegt, denn das Verlangen nach einem Pfunde Fleisch als Pfatnd für das Geld drückt das aus. ״Pfund gegen Pfund“ war der Sinn der Forderung Shylocks. Für das Pfand Geld — soll ein Pfund Fleisch geliefert werden, also Gleiches gegen Gleiches, wie etwa Blut und Geld (Dl Blut, דמים Geld) sprachlich mit einander eins sind. Shakespeare fühlt, dass in der Geschichte, die er dramatisirt, ein Gegensatz des alten und; neuen Bundes, des Buchstaben und des Geistes, ausgedrüokt werden soll. Es lässt Porzia 'das schöne Wort sagen: Die Gnade thront in dem Herzen der Monarchen, Sie ist das Attribut der Gottheit selbst, Und irdische Macht kommt göttlicher am nächsten, Wenn Gnade bei dem Becht steht; drum Jade Suchst Du nm Becht schon an, erwäge dies; Dass nach dem Lauf des Rechtes unser keiner Zum Heile käm; wir beten All' um Gnade, Und dies Gebet muss uns der Gnade Thaten Auch eben lehren erinnert dabei an den Gegensatz von und Gesetz und Gnade. Aber doch erschöpft er es nicht ganz. Von allen Namen, die im ״Kaufmann von Venedig“ Vorkommen, hat er gewiss einen nicht erfunden. Das ist der Name des Juden selbst, nämlich Shylock. Ook ist eine Enduhg, die in .manchen alten, zumal irländischen Namen vorkommt und etwa der lateinischen Endung us entspricht. Schyl ist der hebräische Name pchaul, nämlich Saulus. Der Dichter stellt den alttestj&mentliehen Eiferer und Verfolger, der das Schwort des Buchstabens übte, dar, bis er als Paulus das Wort verkündet: der Buchstabe tödtet, der Geist : macht lebendig; die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung Die gegebene Auffassung bewährt sich dadurch, dass in allen Fabeln, in welche die Geschiohte eingeschoben ist — zwei Akte unverändert wiedei kehren — eben die Forderung des Pfundes Fleisch 1 nd die Lösung des furchtbaren Buchstabens duroh de! 1 Geist und die Liebe. Das Messer, das zum Schnei( ien bereit ist, wird gebunden durch die Schärfe des Geistes und die Weisheit der Liebe. In der lateinisclen Erzählung würde der Biohter das Gesetz, nach welchem der Kaufmann das Fleisch hätte aaseohnaiden können, haben vollziehen laaaen, wenn nicht eben die Gattin des Schuldners den Einfall gehabt hätte, dem RiiAfae vorzuhalten, dass zwar dem Buchstaben genügt werden möge, nach welchem Fleisch ausgeschnitten werden solle, aber vom Blutvergi essen sei aa nicht die Bede. Es habe der Schuldner einen Vertrag gemacht nicht von Blutvergiessen, sondern von Fleisohaohnetden. (Schluss folgt) Litteraturbericht Recensionen. ■■;:׳fsi Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthams. Mit einem biographischen Vorwort von Dr. Leopold Stein. ' Leipzig. E. L. Morgenstern 1883. xm 88. S. Wie ein Friedensrnf mitten im lärmenden Schlacht-, getümmel ärsohallt, wie der versöhnende, beruhigende * Regenbogen aus gewitterschwülen unheilverkündenden Wolken hervortaucht, so erscheinen diese Briefe zu einer Zeit, die bitter getäuscht wurde in der gerechten Erwartung, die -Streitw&fien des Glaubens für immer in der Büstkammer auf hängen zu dürfen. In neun Briefen vertheidigt die bibelkundige, wie überhaupt religiös dnrchgebildete und ideal veranlagte Verfasserin ihre Religion und ,deren Bekenner mit der ganzen Kraft einer überzeugungstreaen Seelegegen 1|i Angriffe, welche aus Uukenutniss des Judenthums gegen dieses erhoben werden. — Und wie verstehen es diese Briefe unerschütterliche Liebe und Treue gegen die angestammte Religion, rührende Hingebung und Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben mit wahrer Humanität und Versöhnlichkeit zu vereinigen? Mit welch’ erstaunlicher Seelengrösse werden hier die Aufgaben und Ziele der gesammten in Gott geeinigten Menschheit umspannt? Wie ein gutes, edles Kind neben einem unerschöpflichen Herzen Voll Liebe fltf die eigene Matter zugleich Hochachtung und Ehr* erbietung für die Mutter der Freundin empfindet, so versteht es die Verfasserin in kindlich heiligem Eifer die angestammte Religion mit der ganzen Gluth inniger Begeisterung und Verehrung zu vertheidigaa, ohne es darum an Anerkennung für die Lichtseiten״ : der Religion ihrer christlichen Freundin fehlen zn lassen. Es wäre ein Vergehen an dem 'Gesammtinhalte der neun Briefe, wollte man auf einen einzelnen besonders aufmerksam machen. Ob die so tief und so seelenvoll empfindende Verfasserin in weihevollen Worten von dem Berufe Israels spricht, die Lehre vom einzigen Gott zu erhalten, ׳während sie dem י 2 •ד ׳ :־¥■ Christenthum in liebevoller Erkenntniss die Aufgabe zuerkennt, die Welt des Heidenthums zu belehren 5 ■ד? und za bekehren, damit ״allmählich die Mensohheit zu Gott unserem gemeinsamen Vater hingeführt werde“, — oder ob sie sich auf die Defensive beschränkt und Israels Versöhnungslehie, seine Berufung, seine Messiaslehre, oder die allgemeine Liebe und Gerechtigkeit im Judenthum gegen Missverständnisse und Lieblosigkeit in Schatz nimmt, stets sind es Gedanken reinster und edelster Humanität, stets ist es der hoffnungsreiche messianisohe H&uoh der Menschen- Verbrüderung, wovon diese Briefe durchweht und durchglüht sind. Wer in Gefahr schwebt, den Glauben an die Menschheit duroh die betrübenden Erscheinungen einer w