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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1883-07-28 · No. 30. (28.7.1883) · p. Seite 118

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
12 (1883)
Issue
No. 30. (28.7.1883)
Date
1883-07-28
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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*iftf dfteehfcreuen und betriebsamen Untertbanen hold und gewogen. Doch wie es noch heute ist, war es dsm*!■ Das Gesets war gut. Die Ausführung wurde vom eingelebten Yarartheile verhindert. Heute kennt das Gesetz Spaniens keinen Unterschied des Standes vor dem Gesetze — und doch ist das Vorurtheil der Balearen noch in Kraft, es fügt sich dem Gesetze nicht, ist rebellisch gegen die Autoriät des Staates!mH der Kirche. Noch lange Zeit wird es erfordern und die Behörden werden öffentlich und privatim nicht allemnach dem Buohstaben, sondern auch nach dem Geiste und Sinne des Gesetzes handeln und 'einwirken müssen, bevor, das Gesetz wird Fleisch und Blut geworden sein, bevor die Verschmelzung der Bewohner Mallorca’s wird vollzogen sein. An eine Bückkehr *um Judenthnme denken diese Märtyrer nicht mehr, ja Herr Taronji bezweifelt, ob sie Alle von Juden abstammen. — (Schluss folgt.) Shylock. Von Dr. Paulus Cassel. . (Portsetzung.) * Simrock glaubte die Sage auf das Zwölftafelgesetz der Börner zurückfuhren zu können, nach welchem von dem Leibe des Schuldners, wenn er mehreren Gläubigem haftete, von diesen nach dem Verhältniss ihrer Schuld abgehauen werden konnte; hieb einer mehr oder weniger, that es keinen Schaden; aber das war ja hier Gesetz, während es bei Shylock besonderer Contract und an sich keine Strafe der Schuld war. 2. "Wir dürfen hier keine Geschichte der Schuldstrafe schreiben — 80 bedeutungsvoll sie ist. Direct dienen die Beispiele nicht zur Erklärung des Fleischhandeis. Doch liegt die weitgreifende sociale Frage vom Zins und Borg — wie sie das Mittelalter bewerte, im Hintergrund. Auf Italien weisen alle Berichte hin. Die Pecorone lässt die Geschichte in Venedig und Mestri Vorgehen. Antonio ist Kaufmann von Venedig. Die Sage der Gesta Bemanorum verlägt sie nach Born, wohin auch die Entscheidung von Sixtus dem V. fallt, Italien war im Mittelalter die besondere Stätte des Geldhandels. Der Bankier kommt nicht aus Frankreich, sondern aus Italien. Die Leihhäuser haben italienischen Ursprung. Zumal im 14.—16. Jahrhundert klagte man .über grossen Geldmangel in Ober- und Mittelitalien. Man konnte sich nirgends Geld verschaffen, wie bei den Juden. Man rief die Juden nach Florenz, damit sie nach bestimmten! Zinafhss Geld liehen.*) In Verona stellte man Juden an, ״in der Hoffnung auf öffentliches Wohl". Nach Bavenna schickte man Juden, um den Armen auizuhelfen". Anderseitig war Italien in jener Zeit das Land der Bechtskunde, die Heimath des römischen Bechtes. Auf seinen Universitäten studirte Europa Jurisprudenz. Man verspottete die italienischen Bechtsgelehrten unter dem Namen des Kameels, welches man auch von Italien her kannte. "t Dass daher die Sage vom Kaufmann von Venedig in Italien gemacht war, kann nicht Wunde/ nehmen. Aber eben nur den Schauplatz hatte es da gefunden. Die Lehre, aus der sie entstand, hat eine Weitere und grössere Bedeutung. Jede Zeit hat ihre öffentliche Meinung und sucht ihr einen Ausdruck zu geben. Was in unsexn Tagen •)!*tone Florontmedi Sdpione Ammirato II. 1063. die Presse in grossen Zügen thut, dazu waren im Mittelalter Legenden, Sagen und Gleichnisse dienstbar. Das orientalische ־Volk rettete unter dem Despotismus von Sultanen und Kalifen seine Sehnsucht und Kritik in die bunten Gebilde der Mährchen — und in Europa sprach sich der Geist des Volkes in Legenden und Sagen — bald lehrend, bald erbauend — abdf ebenso opponirend und kritisirend aus. Nachdrucksvoller wie die moderne Abstraction der Presse mag ein Gleichniss und Histörchen durch die Welt. ^Bte Troubadours und Minnesänger waren die Führer mancher weitgreifenden Opposition gegen Kirche und Staat. Das Volkslied Hess schon Jahrhunderte lang Ideen fliegen, die später lebendige Wirksamkeit gewonnen. Allgemeine kirchliche und sittliche Lehren wurden in ernsten und komischen Gedichten dem Volke vorerzählt. Sie fanden Verbreitung in Ost und West, nahmen andere Kleider und Namen an. Die Wechsel von Ort und Zeit beweisen nur die geistige Fluctuation unter den Völkern. Dasselbe stellt sich auch mit der Sage vom ״Kaufmann von Venedig“ dar. In allen Formen, in denen sie erscheint, ist sie nur der bildliche Ausdruck des apostolischen Wortes: ״Der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig“. 3. Es war im 16. Jahrhundert, in welchem die Erzählung überall verbreitet ward. Der ״Pecorone“ war im Jahre 1558 erschienen. Unter Soliinan I. soll das betreffende Ereigniss in Konstantinopel vorgegangen sein. Ein älteres englisches Theaterstück: ״The Jew“, wurde schon vor 1579 aufgeführt. Die Geschichte, die zur Zeit Sixtus V. aus Born berichtet wird, hat 1585 sich zugetragen. Ein Buch, Orator betitelt, das die Nachricht enthielt, erschien 1596 in London. Das Drama Shakespeare’8 selbst wurde 1598 publicirt. Das 16. Jahrhundert, in welchem die Beformation Europa durchzog, war voller Gedanken über die Conflicte von Buchstaben und Geist in Beligion und Sitte.,' Auch der Handel hatte seit der Entdeckung von Amerika neue grosse Wege eingeschlagen. Beichbeladene Schiffe schwammen auf allen Meeren. Das Geld brauchte neue Werthzeichen. Die Bedeutung des Wechsels trat erst jetzt in weltumfassende Bedeutung. Ohne den Schuldschein des Credftes war kein Verkehr mehr möglich. Und die Natur dieses Scheines hatte immer internationale Art. Er unterschied nicht zwischen Nation und Stellung des Inhabers. Er schloss Bedingungen des Bechts ein für Alle. Wie in der Faustsage der Satan sich einen Schuldschein ausstellen lässt, der mit Blut gezeichnet ist, sie betraf die Seele des Schuldners, so lassen sich in den Shylocksagen die Borger einen Schein ausstellen, worin der Borger sich verpflichtet, im Falle des Nichtbezahlens ein Pfund Fleisch aus seinem Leibe herzugeben. Von der buchstäblichen Erfüllung eines solchen Schreibens war kein Bückgang. (״Lex autem erat, quod sicut homo voluntarie se obligaret ita etjudicium reciperet“) Es war darum um so gefährlicher, wenn zwischen den Contrahenten kein wohlwollender Verkehr stattfand — sondern das Ge-; Schaft mit einem natürlichen Feinde abgeschlossen' werden muss. * Darin liegt nun ein Grundgedanke der Erzählung. Der Freund tritt für den Freund ein — aber ein Feind ist, bei dem man borgen muss. Es ist schlimm genug, dass Antonio in dem reichen Venedig Niemand anders finden kann, bei dem er borgen kann, als bei Shylock — aber es soll *dadurch die Lehre, die in der Katastrophe liegt, hervortreten. (Fortsetzung folgt).

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