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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1883-07-21 · No. 29. (21.7.1883) · p. Seite 115

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
12 (1883)
Issue
No. 29. (21.7.1883)
Date
1883-07-21
Page
Seite 115 (sequence 5)
Language
German
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VJ־־ — 115 —י %<*נ• sich darum in einen Falken, der eine Taube verfolgt. Diese rettet sieh zum König, der Falke fordert sie von diesem; es sei seine Nahrung und er müsse sie haben. Der König sieht das ein — will aber die Taube nicht fahren lassen und bietet sein eigen Fleiaoh dafür an — aber alles, was er sich abschneidet, wiegt die Taube nioht auf — endlich wirft er sich gelbst ihm vor — und nun ist Indra, der seine wahre Qjestalt angenommen hat, befriedigt. Die Fabel ist eint Art Versuchungsgeschichte des Mitleids. Nach der! buddhistischen Lehre stellt sich ein Conflict zwischeü dem Kaubrecht des Falken und dem Mitleidsrecht der Taube dar. *Ausgleichen 8011 den Streit das Opfer des Menschen. Dieser hat gleichsam nur das Rechtl sich zu tödten, damit weder Taube noch Falken gefödtet würden. Wir gehen auf die seltsamen Uebertreibnngen der buddhistischen Ethik nicht ein — aber jedenfalls ist darin von Mitleid und Opfer die Rede. Es handelt sich um bereitwilliges, nicht erzwungenes Geben,!nicht Um einen Contract, sondern um Liebe. Der Falke hat für sich keinen Anspruch als den der Gewalt. Auch wird ja das Fleischnehmen nicht gehindert;, und der sonderbare Gott, der das Mitleid preist, bezeigt sich selbst als sehr wenig mitleidig, indem er gleichsam zum Exempel dem König sein Fleisch ausschneiden lässt, obschon es gar nicht nöthig ist.! (Fortsetzung Ifjlgt.) Litteraturbericht. Recensionen. Unbeschränkte Volksvermehrung oder Sind viele Kinder ein Segen? Von J. Stern. Scheible’s Verlagj Stuttgart 1883. Fast jede Seite dieses Büchelchens gemahnt an das Shakespeare’sche Dictum: In jedem Dutzend Worte zwölf zu viel. Der Verfasser oder richtiger Compilator giebt sich als höchst bewandert in der Theologie, Philosophie, Naturkunde, Pädagogik, Nationalökonomie, kurz in Allem und noch Eihigem aus, während dem tieferen Blick hier in onjnibus aliquid, in toto nihil erscheint. Der pansophische Compilator ist bemüht, uns auf den 75 Seiten seines Elaborats eine funkelnagelneu sein sollende — Panacee gegen die gefährlichsten socialen Nothstände der Gegenwart als beiialft werth daizustellen. Diese Panacee heisst: Volks verminderung, Z weikinde rsy stem. Besprechen wir Etliches aus der Schrift, um zu zeigen, dass pie zu denjenigen Erzeugnissen zählt, die den Büchermarkt der Gegenwart in recht bedenklicher Weise unjsicher machen. Vorab bemerken wir, dass in dem Schriftchen kein einziger Gedanke bezüglich der vorliegenden Frage selbst zu finden ist, dem man ni$ht in längst erschienenen Broschüren (von 0. Zacharias, dem Mediziner G. Stille u. A.) begegnet, von d^n bedeutenden Gegenschriften indess nicht eine namhaft gemacht oder excerpirt ist. Herr St. betont, dass Hanna, Samuels Mutter, wegen ihrer Kinderlosigkeit — von der ״Nebenbuhlerin“, fügen wir hinzu — verachtet und verspottet worden sei. Unerwähnt lässt er hingegen deh hier doch gewiss in Betracht kommenden tröstlichen Zusprach des Elkana: ״Bin ich Dir nicht lieber als; zehn Söhne?“ St. will ja aber beweisen, dass Kinder das Einzige waren, was das Leben des althebräischen Weibes ausfüllte. Eben deshalb berührt er1 auch nur so nebenbei das Trostwort des Jesaja^ an die Kinderlosen, die sich eines tugendhaften Wandels befleissigen: ״Ich will ihnen einen Namen geben, besser denn Söhne und Töchter;1 einen ewigen Namen geb’ ich ihnen, der nicht vertilgt, wird“. (Jesaja 56, 3—5). Diesen, letzten, markirten Sets־ führt St. gar nicht an. Jammerschade, dass die Bibel uns noch Anderes als Kinder nennt, was das Leben des althebräiscüen Weibes ausfüllte. Wir weisen hinsichtlich ihres ewigmustergiltigen häuslichen Walten* . nur auf das, den Schluss der Proverbien bildende ■ Lied zum Preis der Biederfrau hin, von der öffent>״־ liehen Thätigkeit althebräischer Franen im Richteramt, in der Prophetie, Dicht- und Sangeskunst, von der Bethätigung ihres Patriotismus und anderer hohen ־ Tugenden absehend. Die althebräische Hochschätzung des Kinderbe- * ׳ sitzes erklärt St. durch die Unkenntniss des Glaubens an die persönliche Fortdauer nach ־dem Tode, sowie durch den Mangel an Gemeingefühl — Momente,- denen gegenüber der alte Hebräer allein in seinen Nachkommen eine Art persönlicher Fortdauer erblickte und diesen zu Gute kommen sollte, was seine Kraft und Thätigkeit dem Leben abgerungen. Und nun wird das klassische Alterthum — Griechen und Römer — verhimmelt, denen zwar nicht die Idee der Menschheit, aber die des Vaterlandes aufgeg&ngen wäre, und die deshalb den Kindersegen weit weniger geschätzt hätten. Wir wollen Herrn St. bezüglich der Unsterblichkeit der Seele nur auf den von ihm sogenannten ״biblischen Schopenhauer“ Kohelet: 12,7 (Der Geist kehrt zu Gott; zurück, der ihn gegeben) und hinsichtlich des Gemeingefühls nur auf den von ihm angeführten Jesaja: 56,7 (Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker) verweisen. Wozu übrigens St. den Unsterblichkeitsglauben in Betracht zieht, ist kaum recht einzusehen, da er ja S. 16 den Sieg der ״diesseitigen, allein vernünftigen“ Weltanschauung über Alles feiert. In dem Kapitel ״Wohlstand und Proletariat“ schildert St. das Leben der Besitzenden als durchweg so freudevoll, das der Arbeiter hingegen als durchweg so leidvoll, dass anerkannt werden muss: er ist dem. socialdemokratischsten Bierredner, dem allerbassermannischsten Agitator, entschieden ״über“. Hochkomisch wirkt namentlich der Vergleich des Weberlohns mit dem Ministergehalt, sowie der Vorschlag, den St. einen Arbeiter — in einem Gespräch mit der Frau über das Arbeiterelend — machen lässt: ״Die Arbeiter sollten sich en masse der Kindererzeugung enthalten, in Folge dessen die Söhne und Töchter der Besitzenden selbst würden Hand anlegen müssen, um sich Lebensannehmlichkeiten zu verschaffen“. Nein, durch Aufstachelung des Neides und anderer hässlicher Leidenschaften wird zur Lösung der socialen Frage spottwenig beigetragen. Das wird Herrn St. Jeder bestätigen, der für jene Lösung Kopf und Herz hat Wenn Herrn St. das bei unseren transvogesischen Nachbarn längst eingeführte Zweikindersystem und Aehnliches so allgewaltig imponirt, so frage er sioh doch einmal, ob dort trotz Allem und Allem Prostitution, Syphilis und verwandte Bescherungen der ’ ״Kultur“ sich vermindert haben. Fürwahr, die namentlieh im letzten deutsch-französischen Kriege auf diesem Gebiete in Frankreich gemachten Erfahrungen haben Allen eine bedeutsame Lehre gegeben, die sehen und denken wollen. — St. verwahrt sich S. 40 gegen den Verdacht tendenziöser Judenthums-, namentlich solcher Talmud• verhimmlung. Jedes Wort unsererseits über diese Verwahrung würde ihre Komik nur beeinträchtigen. t /

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