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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1883-07-21 · No. 29. (21.7.1883) · p. Seite 116

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
12 (1883)
Issue
No. 29. (21.7.1883)
Date
1883-07-21
Page
Seite 116 (sequence 6)
Language
German
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Wir haben solohsn Verdacht seitens des Herrn Sh nicht ca fürchten, wenn wir hier einige« ״närrische Zeug ans dam Talmud“ anfthrwn, da es ja mit den ▼טס Sh oompiürfrm faet richtigen Ideen — deren Zahl freilich aehr gering — oonvergirt: ,Wer einen Sohn hinterifaat, der sich mit der Gotteeiehre befasst (d. h. tugendhaft denkt, empfindet und lebt), ist 80 au betrachten, als wäre er nicht gesterben“. Vergleichen wir hiermit, was Schiller seinen Carlo« sprechen lässt: Wie gross and süss, in seines Kindes Tugend Unsterblich, unvergänglich fortan dauern u. 8. w. — ,Die vorzüglichsten Nachkommen tugendhafter Menschen sind edle Werke. — Dem kinderlosen Lehrer ersetzen die herangebildeten Schäler die Nachkommen. — Wer eine Waise in seinem Hanse auferzieht, ist so zu betrachten, als hätte er sie gezeugt. — Wer eineu Sohn und eine Tochter, oder einen Enkel und eine Enkelin besitzt, bat der sexualen Ehepflicht genügt. — Wer seine Seelenlust daran findet, sich lebenslänglich mit der Thora an befassen, ohne vom sexaalen Trieb übermannt zu werden, wie Ben Asai, darf unverheirafchet bleiben. — Zuerst soll der Mann eineu Weinberg pflanzen, hierauf ein Haus bauen und dann erst ein Weib ehelichen; d. b. zuerst sorge der für Unterbaltemittel, hierauf für eine häusliehe Einrichtung und dann erst darf seine Verheirathnng stattfinden“. Dies ,Zeug aas dem Talmud“ ist am Ende doch 80 ,närrisch“ nicht, oder die von St. compilirten annähernd richtigen Gedanken verdienten ein ähnliches Epitheton Omans, wie er es dem ״Zeug aus dem Talmud“ giebt. Die Eigüsse des Herrn St. über Gottvertrauen (S. 48), die schon allein seinen volkspädagogischen Standpunkt sattsam kennzeichnen, hier gebührend za beurtheilen, widerstrebt uns. Der sonst zum Pegsimismus hilmeigen da Herr St. ersetzt das Gottvertrauen durch — guten Humor, Poesie und Philosophie. Wahrlich, diese goldenen Worte — um uns einer seiner Bedewendungen zu bedienen — sollte man durch Anschlag an öffentlichen Orten zu verbreiten suchen! Zügelung des Naturtriebes bezeichnet St. (S. 67) als unnatürlich, dagegen empfiehlt er als den Urquell - alles sozialen Heils — den ״präventiven Sexualverkehr“. Was das heisst? Auf diese Frage näher einzugehen, glaubt der die Prüderie sonst so sehr verspottende Herr St. denn doch sich versagen zu müssen, um — mit seiner Schrift keinen Anstoss zu geben. Er deutet uns indess genug an, um zu wissen, dass es sieb hier um Etwas handelt, das an- und widernatürlich, abscheulich und strafbar ist. Hier wie auch sonst ist in dem Elaborat eine naturalistische Grobkörnigkeit, ein geistiges und sittliches Miasma zu gewahren, dass man die Lectüre aus naheliegenden Gründen oft unterbrechen muss. ״Latrinen-Litteratur!“ antwortete uns ein befreundeter Naturforscher, den wir um seine Ansicht über das Schriftchen befragten. Herr St. bedauert, dass in Deutschland die Kenntniss des ״präventiven Sexaalverkehrs“ noch nicht in weitere Kreise gedrungen sei, sondern auch hier — wie ״den alten Hebräern?“ — die unbegrenzte Kindeiproduction als Hecht und Pflicht dee Ehestandes erscheine. Herr St. k»nn sich versichert halten, dass auch das englische Volk nicht durchweg alt- oder neumalthusianisch ge- _8innt ist; sondern zum allergrössten Theil noch der Ansicht huldigt, die Oliver Goldsmith seinen Vicar of Wakefield aassprechen lässt: I was ever of opinion that the honest man, who married and brought up a large f&mily, did more servioe than he who oontinaed single and only talked of Population («■ Iah war stets der Meinung, dass der rechtschaffene Mann, wenn er sich ▼erheirathet und eine zahlreiche Familie aaferzieht, mehr Nutzen stiftet, als wenn er unverheirathet bleibt und nur von Bevölkerung redet). Wie wir unsererseits vom jüdischen Standpunkte über die Lösang der sozialen Frage denken? Dies ausführlich darzulegen, gestattet der Baum dieses Blattes nicht, wir wollen uns indess einige Andeutungen erlauben. (Schloss folgt.) Notizen. 1. Der durch seine Reisen nach Timbukta bekannte Rabbi Mardochai, welcher seit mehreren Jahren auf Empfehlung der Pariser Geographischen Gesellschaft in Algier als Midraschlehrer angestellt ist, hat als Begleiter eines französischen Officiers, Herrn Charles Foucaalt, eine Reise durch die unbekanntesten Theile Marocco’s angetreten. (Un. isr.) 2. Das ״British Museum“ bat neulich ein Bibelmanuscript erworben, von welchem Dr. Günzberg eine eingehende Be- Schreibung giebt. Es datirt von 1483, ist in Lissabon durch den Schreiber Samuel, Sohn des R. Samuel Ihn Mura im Auftrage des R. Joseph, Sohn des R. Jehuda Aichakim geschrieben. Es enthält ,Anmerkungen und Citate aus orientalischen und europäischen Schriftstellern. Mehrere derselben werden erst hierdurch bekannt. Was das Ms. werthvoll macht, das ist die künstlerische Ausschmückung Man hat bisher keine so reich illnstrirte Bibel gekannt. Das erste Wort eines ieden der fünf Bücher Mosia ist in goldenen Lettern mit glänzenden Rändern von 8 Linien Höhe geschrieben. Jede Parscha ist durch reiche Ausmalungen angezeigt, jede Seite ist umrändert in Gold oder Farben. In dieser Weise illnstrirte Handschriften des Baches« Esther hat man, aber noch keine des Baches der Bücher. Und nun ist da« erste so kanstvoll und schön, dass es die Redensarten, wie: den Juden des Mittelalters ist das Kunstgefühl verloren gegangen, verstummen macht. (Aren, isr.) 3. Als Curiosum sei gemeldet, dass die Stadtbibliothek von Saint-Germain-en-Laye ein Iiebr. Bach in ihrem Cataloge als ״altes Testament — ohne Jahreszahl“ aufführt, das ein in Fürth 1 66׳ gedruckter En Jacob ist, welchen ein Offizier 1855 als Kriegsbeute aus der Krimm heimgebracht hat. 4. Handi-Bey, der Director des Kaiser! Ottomanisehen- Museums in Constantinopel, hat sich der Expedition der Herren [ Hamann & Puchstein angeschlossen, welche das Grabmal des Nimrüd Dagh durchforschen sollen. (Dahin ist die Notiz in einer früheren Nummer dies. Bl. zu berichtigen.) 5. In Frankreich hat sich eine Gesellschaft unter Leitung Abbö Moigno gebildet, um die Wagen des Pharao, welche im Rothen Meere versanken sind, wieder ans Tageslicht za bringen. Nach des gelehrten Abbes Ansicht sind die Wagen und Reiter und alle die Macht des Pharao, welche das Meer verschlungen, von einem Salzlager bedeckt, und es wird sich nar um die Kleinigkeit handeln, die richtige Stelle za finden, wo da! liegt, was er sacht. Vielleicht reichen dazu die 750,000 Fr. nicht aus, welche zusammengebracht sind für die Zwecke der Expedition. Diese wird sich nächstens in Marseille einschiffen Hoffentlich führt das unerschütterliche Vertrauen auf die Bibel den frommen Abb4 noch weiter and er bildet eine Gesellschaft zur Aufsuchung der ArcheNoah. (Warumnichtgleichauchder ״Leiter Jacobs“. Red.) 6. In wenigen Tagen erscheint im Verlage von Levy & Müller in Stuttgart: ״Briefwechsel einer englischen Dame über Judenthum und Semitismus“. — Die Hällte des Reinertrages haben die Verleger für die Opfer von Tisza-Eszlar bestimmt. — (Wir kommen auf das jedenfalls interessante Buch noch ausführlich zurück. Red.) 7. Zu der Kroner’schen Notiz, dass אמץ mit לב verbunden, nur ״Hartherzigkeit“ bedeute, verweise ich aut die Stelle Arnos 2;lti, welche auch in der Piölfonn auf Math und Tapferkeit hinzeigt. Die Radix אמץ amtasst gleich pfll! mit der sie oft verbunden wird, Beides: ״stark, muthvoll, aber auch hartherzig sein“. VergL Ps. 27,14, 31,25, auch 5. B. M. 15,7, 2. B. M. 3,12 u. Jos. 11,20. Moritz Cohn, Prediger. Vermitwortlieher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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