Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 12 (1883)
- Issue
- No. 28. (14.6.1883)
- Date
- 1883-06-14
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
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־ Ob es wirklich Freunde giebt, darüber war man schon im Alterthum nicht ganz sioher, aber!»s gab solche. Auch ein grosser Dichter, unser Schiller, hat sie in der ״Bürgschaft“ verherrlicht, \?ythagoräer waren durch ihre Bündnisstreue und Freundsohaft berühmt. Dass Soliiller seine ״Freunde“ nicht als solche Philosophen schildert, hat darin seinen Grund, dass Hyginus (Fabel 257), aus dem er schöpfte, dieses nicht that. Der Freund, den Schiller nicht nennt, heisst dort Selinuntius. Bei Polyaea heissen die Freunde Euephantus und Eukritus (Strat. V. 22). Die Geschichte von Dämon und Phintias (Phythias), die am meisten bekannt ist, erzählt als von Pythaforäem der Lebensbeschreiber des Pythagoras am esten, nämlich Jamblichus (Cap. 33) Dämon bürgt in solcher Erzählung mit seinem Leben für das Wort des Phintias, das er dem Tyrannen Dionysus gab, wiederzukehren und sich vor sein Gericht zu stellen. Dämon kann es wagen und Phintias hält sein Wort. Eine ähnliche Geschichte erzählt man auch aus dem Orient. Amru ben Leis war ein gewaltiger jmuhamedanischer Fürst im neunten Jahrhundert im Gebiet des Kalifen von Bagdad Von seinem Agenten Ebul Hasan verlangt er 300,000 Dirhem, sonst mijiss er sterben. Ebul Hasan will sie besorgen, nur minss er frei sein. Sein Freund Ebu Said will für ihn biürgen. Drei Tage sind Zeit. Schon glaubt man, Ebul Hasan habe den Freund im Stich gelassen, aber in letzter Stunde komimt er, sein ־Wort zu halten, Amru ist wie Dionys gerührt und schenkt Beiden das Leben. (Hammer, Gemäldesaal 4. 27.) Die Erzählungen, welohe Petrus Alphopsi in seinem interessanten Buch ״ Disciplina clericalis “ über die Beispiele von Freundschaft berichtet, werden vielfach wiederholt. Ein Vater fragt seinen iSohn: Wieviel Freunde hast Du? Er spricht: 100 habe ich mir erworben. Aber der Vater 6praoh: Nenne Niemand Deinen Freund, bis Du ihn erprobt hast. Geh’ hin, stelle Deine Freunde erst auf die Probe. Nimm ein Kalb, tödte es. schneide es in Stücke und thue es in einen Sack. Bestreiohe den Sack mit Blut und gehe dann zu Deinen Freunden Sage ihnen, Du hättest gegen Deinen Willen einen Menschen erschlagep, der in Dein Haus gekommen ist. Man wird Dich verfolgen. Dein Freund solle Dir erlauben, den TJodten in seinem Hause zu vergraben, dahin werde kein Verdacht kommen. Alle 100 Freunde wollten nicht, keiner wollte sich der Gefahr aussetzen. Alle schalten sie ihn Mörder, er müsse büssen, was er geth^u. — Der Sohn kam, dies dem Vater zu melden und jdieser sprach: Nun, ich habe einen halben Freund, den ich so nennen darf, gehe einmal zu dem mit Deiner probe. Er ging, und siehe da, in aller Stille war er bald bereit, dem Jüngling zu dienen und ward dabei als echter Freund erkannt. Man erzählt von zwei Freunden, von denen Einer dem Andern sein Weib abtrat, weil der Andere! sonsjt aus Liebe zu ihr gestorben wäre; — der Andere aber, mitten im Glück, setzte für den Freund, als er unschuldig gerichtet werden sollte, sein Leben ein, indem er die Schuld auf sich nahm, die jener begangen haben sollte und nicht begangen hatte. Der wahre Schuldige sah diesen Wettstreit mit an, ward gprührt und bekannte. So kam die Wahrheit an’s Licht. (Fortsetzung iblgt.) Zur Geschichte der englisch-jüdischen Presse. Ungefähr 1!m dieselbe Zeit, als in Deutschland die ersten jüd. Blätter in der Landessprache hu erscheinen anfingen, wurden auch in der englischen Metropole Versuche gemacht, eine Zeitung zu gründen, welohe die Interessen der augHanhen Juden fördern sollte. Einige energische, iüd. junge Leute stellten sich an die Spitze dieser Bewegung, und am ersten Januar 1823 erschien das erste englisch-jüd Blatt unter dem Titel: ״Hebrew Intelligenter“. Es lässt' sich leioht denken, dass eine solche Novität vieles Aufsehen in der Gemeinde erregte, und obschon die erste Nummer ein kleines, unansehnliches Format hatte und 50 Pfennige kostete, 80 war sie gleich nach ihrem Erscheinen rasch vergriffen. Von dem Inhalte des fraglichen Blattes lässt sich nicht viel sagen; es enthielt fast ausschliesslich kurze Notizen über Ereignisse, die innerhalb der Gemeinde vorgekommen waren und die nur ein vorübergehendes Interesse haben konnten. Dies war vielleicht auch der Grund, dass es nur ein sehr kurzes Dasein fristete und mit der dritten Nummer ihr Curriculum endete. Denn, da letztere eine Bemerkung über ein einflussreiches Gemeindemitglied enthielt, welche diesem missfiel, so benutzte es dessen Einfluss, uin den . weiteren Druck des Blattes zu verhindern. Dieser misslungene Versuch, ein jüdisches Organ zu gründen, blieb jedoch nicht ohne nach wirkende gute Folgen. Denn, war einmal der Anfang zu einer solchen Thätigkeit gemacht, so konnten 'neue Versuche nach derselben Richtung hin nicht ausbleiben, die im Laufe der Zeit durch Ausdauer und Energie endlich vom schönsten Erfolg gekrönt wurden. Ein zweites jüd. Blatt unter dem Namen ״ Hebrew Review“ machte sein erstes Erscheinen im Jahre 1835. Der Herausgeber desselben war Rev. Mr. Raphaell, ein nach englischen Begriffen höchst gebildeter jüd. Theologe, dessen Hauptaufgabe war, durch gelehrte Aufsätze und Abhandlungen über wissenschaftliche jüdische Themata seine englischen Glaubensgenossen mit der jüd. Wissenschaft und Litteratur vertraut zu machen. Selbstverständlich konnte der Leserkreis der Review nur ein beschränkter sein, zumal sie von den Vorkommnissen innerhalb der Gemeinde keine Notiz nahm, und in Folge dessen endete sie, wahrscheinlich aus Mangel an pecuniärer Unterstützung, ihre Existenz, nachdem sie fünf Jahre hindurch ein prekäres Dasein gefristet hatte. Nach einer kurzen Pause erschien im Jahre 1841 die ״Voice of Jacob“, ein Blatt, dass sich die Aufgäbe stellte, die Angelegenheiten der jüd. Gemeinde zu besprechen und zugleich auch der jüd. Wissenschaft Rechnung zu tragen. Die Zeit war gerade sehr günstig für ein solches «Unternehmen, da damals die erste Reformbewegung innerhalb der Gemeinde festen Fuss zu fassen anfing, und die pro und contra- Ansichten in dieser Angelegenheit waren in den Spalten des fraglichen Blattes nicht allein abgedruokt, sondern auch mit Unparteilichkeit besprochen. Ausserdem erfreute sich dieses Blatt tüchtiger Mitarbeiter, unter denen besonders der selige Dr. Benish und Prof. Theodore8 (beide Deutsche) hervorzuheben sind, deren litterarische-Arbeiten einen bleibenden Werth haben. Trotzdem musste aber die ״Voioe of Jacob“ nach einigen Jahren einem Rivalen, dem ״ Jewish Chronicle“ Platz machen, das seitdem ununterbrochen wöchentlich erscheint und eine betrachtliehe Anzahl von jüd wie nichtjüd. Subscribenten aufzuweisen hat. Welche Stellung dasselbe unter den englischen Journalen einnimmt, kann man daraus ersehen, dass selbst die Londoner ״Times“ Artikel und Notizen zuweilen daraus entlehnt und abdruokt. Seine jetzige Popularität verdankt es jedenfalls den unsäglichen Bemühungen des besagten Dr. B. und des seligen Michael Henry, welche beide es während