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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1883-06-14 · No. 28. (14.6.1883) · p. Seite 110

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
12 (1883)
Issue
No. 28. (14.6.1883)
Date
1883-06-14
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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Nachkommen “, sondern schon die Geschichte der malloroanisahen Neuahrizten bietet. (Die ־ Leiden der- ■eiben sucht man von gewisser Seite als selbstverschuldet, als gerechte Strafe za beschönigen, indem ■man behauptet, dass sie nur die Rückfälligen von .1688 und deren Nachkommen betroffen haben. Diesen gegenüber, wären die Gesetze der Inquisition in An• Wendung erhalten worden. Ueber die Geschehnisse von 1678—1691 ist die Hauptqaelle das 1691 gedruckte, 1755 in zweiter Auflage erschienene Buch des Pater Garan. Sein ־vollständiger Titel lautet: La Fee triunfante en quatros autoe celebrados en Mallorca por el Santo ofido de la Inqnisicion en que han salido öbhenta y ocho (88) Reos y de treinta y siete (37). relajados 8 010 huvo tres (3) pertinaces. Expressada por el R. P. Francisco Garan de la compania de Jesus, Calificador del Santo oficio, Rector dal Colegio de■ Montesion y la dedica 4 los Düstres Magnificos Senores Jurados de la Ciudad y Reyno de Mallorca. .. Dieses Bach erzählt, dass 1675 plötzlich des Juden•■ thnms Verdächtige von der Inquisition verhaftet worden sind. Die 3 Anklagepunkte lauten: 1. Haben sie geheime Versammlungen abgehalten, 2. Haben sie das Fasten der Königin Esther gefastet, 3. Haben sie auf Flucht gedacht, um in einem freieren Lande leben zu können. Woher der Esther Taaniss die Bedeutung eines Symbolum des Judenthums erhalten hat, ist nicht das am wenigsten Curiose an der ganzen Anschuldigung. Wenn es wahr ist, was Michel in seiner Histoire des racee maudites nach einer, den Leuten de la Calle feindlichen Quelle (Antonio Fernandes de Cordoba 1788) erzählt, dass von 1511 bis 1675 keine Spur des Judenthums auf der Insel gefunden worden ist, dass die Inquisition in den Zeiten ihrer höchsten Macht und Ausbildung keine Verdächtigen entdeckt hat, dann ist es räthselhaft, woher plötzlich wieder 1675 jüdisches Wesen Wurzel gefasst haben soll. Wohl hatte -die Mallorcan. Inquisition 1581 und 1645 Autos gefeiert, aber Ketzer und Protestanten, nicht Juden waren die Opfer gewesen. 33 Jahre waren vergangen, ohne dass sie ein Zeichen ihrer Macht und Wachsarakeit gegeben hätte. Daher suchte und fand sie eine Gelegenheit dazu Neid, Hass und Habsucht jagten ihr Opfer in’s Netz. Personen, welche als Nachkommen der L J. 1435 Getauften galten, hatten in einem Gartenhause an der Mauer Zusammenkünfte gehabt. 1678 wurden Einige derselben verhaftet, der Tortur unterworfen und 212 Personen jeden Alters und Geschlechtes wurden am 16. April des genannten Jahres in einem öffentlichen Auto vorgeführt, das in dem {weiten Tempel der Dominikaner stattfand. Gefingniss und Güterconfiscation wurden als Strafen ausgesprochen. Nicht weniger als 1,496,276 Fesos waren derErfcrag, der die Mittel für den Prachtbau des Inquisitidn8palaste8 lieferte, welcher 1822 fortgerissen wurde. Obschon viele der Angeschuldigten vom Sanbenito befreit und entlassen worden waren, gebot die Iuq'hisition, dass fortan Alle, welche als Nachkommen der Hebräer von 1435 galten, in einer Gasse zusammen wo hnen (daher kam ihnen der Namen: individuos de la Calle!) und alle Festtage von einem Diener der Inquisition, einem Algaacil, zur grossen Messe in die Cathedrale geführt werden sollten. Das erniedrigte sie in den Augen des Volkes, das drückte ihnen den Stempel auf‘ der sie den Leidenschaften des Pöbels straflos preisgab. Unfähig, diese stete Seelenpein geduldig zu ertragen, bereiteten Viele die Flucht auf einem englischen Schiffe für den 7. März 1688 vor. Doch die Inquisition wachte; die auf Flacht Sinnenden wurden mit all’ ihren Familiengliedern eingekerkert. __ (Fortsetzung folgt). Shylock. Von Dr. Paulus Cassel.*) In den Tiefen, die in Gebirgen sich öffnen, wohnte ein armer Mann. Ein kluger Wanderer aus Welschland kommt bei seiner Hütte vorbei und wird sein Gast. Da lagen viel gelbe Steine umher. Was machst Du mit diesen? sprach der Fremdling zu seinem Wirth. Nichts, erwiderte er, was 8011 man aus Steinen machen. Gieb mir einen, spricht Jener. Gern, nimm Dir, was Dir lieb ist. Nach einiger Zeit kam er wieder und brachte dem Manne einen goldenen Ring für seinen Finger. Dem Armen gefiel er. Siehe, das war einst der gelbe Stein Und Jener erstaunte. So ist es mit der Sage. In den Tiefen des Menschenherzens ist sie geboren. Im Verkehr des Lebens wird sie zu Stein. Hierhin und dahin wird sie getragen. Zuletzt wäre sie irgendwo in Vergessenheit liegen geblieben, wenn nicht der Dichter kam, der sie fand und zum goldenen Ringe schuf, — mit dem sich nun Litteratur und Theater schmücken. Die Erzählung, welche dem Drama: Der Kaufmann von Venedig zu Grunde liegt, war im späteren Mittelalter bis in das Jahrhundert der Reformation viel verbreitet — sie wäre aber längst vergessen mit vielen anderen ähnlichen Gleichnissen — hätte nicht William Shakespeare daraus eine unsterbliche, viel besprochene Comödie geschaffen. Ich kann mich dessen noch deutlich erinnern — es war in meinen Knabenjahren, als im Glogauer Stadttheater der Kaufmann von Venedig unter grossem Zulauf gegeben ward. Meine Mutter, eine eifrige Freundin von Büchern und Litteratur — ich dünke mir darin ihr Erbe zu sein — war hineingegangen. Sie sah es zum ersten Male. Aber höchst unbefriedigt kehrte sie zurück. Ich höre noch, wie sie meinem Vater zarief: Das ist ein hässliches, böses Stück, ich hätte es lieber nicht gesehen. Nun, auf patriarchalische Leute konnte es einen solchen Eindruck machen. — Wir haben ein merkwürdig deutsches Wort, nämlich wieder; ob wir es mit e oder ohne e schreiben, dasselbe bedeutet es — aber Himmel and Hölle spiegeln sich darin. Nichts Süsseres giebt es, — als Wiederkehr zur Heimath, als Wiedergewinnen der Freunde — nun zumal als Wiederliebe der Geliebten — aber auch nichts schlimmeres als Widersacher und Widerbeller. Das Wort ist wie das Herz; von Liebe und Feindschaff kann es zugleich erfüllt sein. *Der Kaufmann von Venedig“ ist gewissermaassen* ein Drama des doppelten Wieder, voll Liebe und Hass — von Wieder- Vergeltung in Süss und Bitter. Das macht seinen Reiz aas und giebt ihm seinen Stachel. Aber die Sage enthält wohl noch mehr — und wir dürfen es sagen! Shakespeare hat sie verschönt,, vergoldet und verbreitet — erschöpft mag er sie nicht haben. Und doch ist er es wieder, der den werthvollsten Stein der Sage, den Namen des Kaufmanns, allein bewahrt hat. *) Aua der Sonntags-Beilage der ״V088. Ztg.1

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