Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 12 (1883)
- Issue
- No. 28. (14.6.1883)
- Date
- 1883-06-14
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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einer Beite von fahren mit vielem Takt redigirten und ihm eine daaemde Existenz sicherten. Ausser den gekannten engL-jüd. Zeitungen erschienen im Jahre 1867 die ״Hebiew Nstioniu“ von Filipowski und im darauffolgenden Jahre die ״Jewish Beccord*, welche Journale jedoch nur sehr kurzlebig waren. — Seit einigen Jahren erscheint neben dem ״Jewish Chronide' auch die ״Jewish World“; hoffentlioh wird ihr eine recht lange Segensreiche Carriöre zu Theil. Dr. J. Ch. Recensionen. bas jüdische Bellgionsgesetz in der Schule. Vortrag, gehalten von Dr. Joel Müller.' Wien, 1883. Vorliegendes Sehnlichen beschäftigt sich mit der Doppelfrage: fcHat_ sich der israelitische Beligionsunterricht, 1fr dessen Kreis die Sittenlehre und die Geschichte Israels fallt, auch mit dem reliciösen Gesetze zn beschäftigen, and zweitens, wenn, dieses einen Theil des Beligionsnnterrichts bilden 8011, wie soll es vorgenommen werden?“-Der Herr Verlasser kommt mit vollem Becht zu dem Besultat, dass das Beligionsgeeetz einen integrirenden Theil des Beligionsanterriohts in der Schule bildet. Jedoch aber die Bebsndlungsweise gehen die Ansichten bedeutend auseinander. Der Zwiespalt von Glauben und Wissen ist unserer Beligionsgeschichte gänzlich unbekannt geblieben, denn unsere Beligion wurzelt nicht in einem Waste von Dogmen, die mechanisch dem Gedächtnis« eingeprägt werden müssen, um dann später gleich einem unnützen Baiast über Bord geworfen zu werden: bei uns hat stets das selbstständige, ureigne Denken Triumphe gefeiert. Jedoch me Schule darf kein Tummelplatz der verschiedensten religiösen Anschauungsweisen sein und werden Hier ist einzig und allein dem Princip der historischen Entwickelung zu folgen Die Wichtigkeit dieses Prinzips leuchtet ein, wenn wir bedenken, dass selbst die Vertreter unserer Neuorthodoxie, unsere jüdischen Bomantiker, sich dessen nicht entschlagen konnten. Aber' wie verfahren diese? Sie erklären die Gesetze mit Hülfe der Symbolik. Eigenthümlicherweise!bekennt sich auch dar Herr Dr. Joel Müller za dieser Anschauung; ich sage ״eigenthümlicherweise“, denn der folgende Passus scheint damit zn contrastiren. Er sagt nämlich S. 5: ״Von diesen Gesetzen beg1 eitet, schritten die Israeliten, zerstreut unter dieVölker, die Höhe derCultur hinan, nahmen Theil an den Fortschritten der Nationen, und während sie ihre Uebungen und Bräuche wahrten, zog die Sittenlehre, welche unter den Fittigen dieser Bräuche ausgebildet wurde, hin zu d$n Völkern“. Denn die Symbolik ftihrt entschieden nicht zn den Höhen der Caltar, sondern zur phantastischen Mystik, die in unseren Beligionsschulen keine Pflanzstätte finden darf Der Herr Verfasser weisst dabei auf die gleichen Bestrebungen der Alexandriner hin, ja, sie sind historisch von Bedentang, sie waren ein Product ihrer Zeit und sind für die Denkweise unserer Zeit nicht massgebend, eben 80 wenig wie die einer früheren Zeit entlehnten Ideenriohtung des Chacham Bernays und seines Schülers S. B. Hirsch. In einem ganz entschiedenen trrthnm befindet sich der Autor, wenn er glaubt, durch symbolische Erklärungen anf das Gemüth des Kindes einwirken zn können. Abstraktionen lassen das kindliche Gemüth kalt; Einfachheit, Klarheit erwärmt es Das credo quia absurdam gehört nicht in die Schule. Ja, wird man entgegnen, wenn lediglich das: Prinzip der geschichtlichen Entwickelung befolgt werdet soll, dann wird der .Religionsunterricht ״kühl bis ans Herz hinan“. Mit nichten. Das hängt eben von der Gemüthsbeschaffenheit dos erziehenden und bildenden Lehrers ab. Noch eins, Aach durch die Symbolik laubt der Verfasser die schiefe Lage, in die die Schule urch Nichtbefolgung der Beligionsgesetze seitens des elterlichen Hauses geräth, hinwegzuräumen. Das Kind fühlt es heraus, meint Herr Dr. M., dass das menschliche Leben in Wirklichkeit nicht 80 vollkommen und vollendet sei, dass man dem Höhepunkte nur annährungsweise zustrebe. Das ist psychologisch unbegründet, denn so fühlt das Kind nicht und was soll das heissen: ״dass man dem Höhepunkt nur annäherungsweise zustrebe“. Ein Beispiel aus der Praxis. Das Kind sieht im elterlichen Hause die Nichtbeobachtang der Speisegesetze, des Kindes Denken kommt nun in Conflict mit dem in der Schule Gehörten — die Autorität des Lehrers und der Schale schwebt in Gefahr, jedoch der Conflict wird in etwas überbrückt, wenn die Eitern bei der Nichtbeobachtang ihre schon ohnehin eigenartige Stellung zur Schule nicht noch durch besondere Tactlosigkeiten, Baisonnements u. 8. w. völlig aus den Augen verlieren.*) Aber wie z. B. die Befolgung der Speisegesetze ein annäherungsweises Streben zum Höhepunkte (?) bezeichnen soll, ist uns unklar, wie ja überhaupt die Unklarheit ein Moment der symbolischen Erklärangsweise ist. Immerhin möch ten wir dem V ortrageinen grossen Leserkreis wünschen, zam weiteren Nachdenken und zur Klärung der wichtigen Frage M. Spanier. Notizen. 1. In dem sehr interessanten Werk: ״Aas der Praxis“. Ein pädagogisches Testament von Oscar Jäger, Director des Königl. Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums zuCöln. Wiesbaden 1863. C. (I. Kunze’s Nachfolger. Theil I. ״Wahrnehmungen und Bathschläge S. 5 lesen wir folgende Bemerkung: ״Ist er (der Geschichtslehrer) etwas älter geworden, 80 lese er zuweilen ancb ein recht schlechtes Geschichtsbuch, damit er recht deutlich sehe, was nioht Geschichte ist. Zu empfehlen für diesen Zweck ist etwa Fr. v. Hellwatd’s Cult Urgeschichte, welches noch schlechter ist, als jener Zweck eigentlich erfordert“. Wir theilen dieses massgebende Urtheu hier mit, weil die ״Wochenschrift“ and das ״Litteraturblatt“ schon mehrfach die*־ ■ *Machwerk Hellwald’s ganz in diesem Sinne gebührend hel'üchtet haben. (Oscar Jäger hat in Gemeinschaft mit Prof. Cremenach Schlossers Weltgeschichte neu bearbeitet.) 2. Unter der Ueberschrift: ״Neue Beiträge zur Conversations- Statistik“ bringt die ״Protestantische Kirchenztg.“ folgende Bemerkung: Hosenthal (in seinen Convertitenbildern) verzeichnet auch verschiedene Uebertritte deutscher, französischer a s. w. Juden, (darunter auch mehrere Rabbiner) zum Eatholicismus, übersieht indess den 1358 verstorbenen Physiologen J. Müller. 3. In dem von der ״Hamburger Gartenu. Blumen-Ztg.“ veröffeatlichten Vortrag des Dr. Portig über ״die Pflanzenwelt in ihrem Verhältnis zum Schönheitsideal“ lesen wir: ״Seltsam ist es, dass die Juden die Bose nicht gepflegt, ja nicht einmal ekannt zu haben scheinen, denn im Urtext der Bibel wird ieselbe nicht erwähnt“. (Dagegen lässt sich doch 80 manches einwenden). 4. Herr Obermayer, Professor des Arabischen an der Oriental. Akademie in Wien, hat in Kaiman die Beste eines alten jüdischen Friedhofs entdeckt (Juden und Christen sind 1035 von Kairuan vertrieben worden) und einige noch lesbare Inschriften copirt, (Arch isr.) 5. Jüdische Schachspieler.- ״Jewish Chronicle“ schreibt aus London: ״Der Erfolg des letzten Schachturniers war ein'wahrer Triumph für die jüdischen Schachspieler Von den 14 Spielern waren 6 Juden; die Hälfte der acht Preise, der erste, zweit», vierte und fünfte, wurde von Juden gewonnen *) Der Religionslehrer hat ohne Rücksicht auf das Han* die ganze volle Wahrheit zu lehren; wenn der jttd. Schüler die Schule verlässt, muss er das Ceremonialgesetz ebensogut kennen, wie das Moralgesetz, was er von beiden später im Leben festhalten wird, das ist seine Sache. — Das ״Symboliairen“ gehört anf die Kanzel, nicht auf’s Katheder. (Red.) Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig•