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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1883-07-07 · No. 27. (7.7.1883) · p. Seite 107

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
12 (1883)
Issue
No. 27. (7.7.1883)
Date
1883-07-07
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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10 die wie festgeprägte Manzen unbesehen von Hand zu Hand wandern, sollte man meinen, Göthe habe sich zum alten Testament durchaus ablehnend odejr gar feindselig verhalten. Wenn man indess des Dichters Werke auf diese Frage prüft, wird man überzeugt, w(e sehr die heilige Schrift auf sein Geistes- und Gemüth^leben schon von seiner frühesten Jugend an in wohlthuendster Weise eingewirkt, ja dass die Bibel zu dem, was 0öthe gewesen ist, ein gut Theil beigetragen hat“. So weit der Verfasser. Wirgkönnen ihm in dem Gesagten nicht durchweg beistimmen, und daraus ergiebt sich,, dass wir ihm auch in seinen Ausführungen nicht überall beipfliohten können. Die Ausdrücke ,der Atheist Göthe, der Heide Göthe“, sind, soweit uns bekannt, keine ״so festgeprägten, unbesehen von Hand zu Hand wandernden Münzen“, wie der Herr Verfasser behauptet, es scheint hier eine Verwechselung mit Heine oder selbst Leasing vorzuliegen, gegen welche von den Gegnern diese Anschuldigungen wohl erhoben sind, dass aber bei Göthe dieses der Fall wäre, dürfte unseres Erachtens nach schwerer zu erweisen sein. So ablehnend, negirend, herausfordernd hat sich Göthe zu den positiven BeligionsWahrheiten auch gar nicht verhalten, als dass dies zum Stichwort und Hauptangriffspunkt gegen ihn hätte werden können. Dass die Buchstabengläubigen seiner Kirche nicht durchweg mit ihm zufrieden und einverstanden sind, soll damit natürlich nicht in Abrede gestellt werden. Das, was der Herr Verfasser aut der vorletzten Seite, also am Schlüsse seines Schriftchens sagt, und was wir nachstehend gleichfalls hier wiedergeben wollen, wäre unseres Bedünkens in der Einleitung eher am Platze gewesen und hätte zur Anschauung Göthe’s und dem Standpunkt, den die Kritik von jeher zu ihm eingenommen, in richtigerem Verhältnis gestanden, als das oben CHtirte. Der Verfasser schliesst sein Schriftchen: ״In dogmatischer Beziehung nahm Göthe allerdings einen Röchst fieien Standpunkt, insbesondere dem alten Testament gegenüber, ein, aber er war weit entfernt von jenem gemüthlosen, flachen Rationalismus, der in seinem Unverstände die Bibel zu den abgetbanen Büchern wirft. Göthe hat überhaupt die Bibel niel mit profanen Augen betrachtet, nie die gebührende Ehrfurcht vor ihr verloren, ihm war sie ein durchaus wirksames und nützliches Erziehungsbuch der Menschheit. Seine ״Sprüche in Prosa“ erhalten folgende Urtheile über die Bibel: ״Man streitet viel und wird viel streiten über Nutzen und Schaden der Bibelverbreitung. Mir ist klar: schaden wird sie wie bisher, dogmatisch und phantastisch gebraucht; nützen wie bisher, didaktisch und gefühlvoll genommen. Wenn wir sie auch nicht überall verstehen und vieles in ihr dunkel bleibt, so müssen wir uns doch an das halten, was wir begreifen und fürs Leben anwenden können“. ״Deshalb ist die Bibel — sagt er an einer anderen Stel e — ein ewig wirksames Buch, weil, so lange die Welt steht, Niemand auftreten und sagen wird: Ich be greife es im ganzen und verstehe es im einzelnen. Wir aber sagen bescheiden: im ganzen ist es ehrwürdig uüd im einzelnen anwendbar“. ״Ich bin überzeugt — heisst 68 an einer dritten Stelle — dass die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, d. h. je mehr man einsieht, dass jedes Wort, das wir allgemein anffassen und im Besonderen auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit- und Orts Verhältnissen einen eigenen, besonderen, unmittelbaren individuellen Bezug gehabt hat“. Und endlich an einer v Stelle desto 2um Theil als Werkzeug der Erziehung, freilich Ton naseweisen, sondern von wahrhaft weisen Men sehen genutzt werden“, ierten ״Je höher die Jahrhunderte an Bildung stsigen, mehr wird die Bibel zum Theil als Fundament, nicht Und einem solchen Schriftsteller hätte man allgemein die Anfangs erwähnten, seinem Denken schnürstracks zuwiderläufanden Beschuldigungen unterschieben sollen? — Wir wiederholen es: Hier ist, unseres Erachtens der Herr Verfasser bei Behandlung seines Themas von ganz falschen oder mindestens viel zu weit gehenden Voraussetzungen und Anschuldigungen ausgegangen und da musste es ihm freilich leipht werden, dieselben zu widerlegen. Und um die Richtigkeit des Gesagten zu belegen, wollen, wir hier einen classischen Zeugen citiren, den grossen Biographen unseres Dichterfürsten, G. H. Lewes. Dw&er, der mit peinlichster Sorgfalt darüber wachtTdese-'aeine falsche Auffassung über diesen Geistesheres^'PIhte greife und jede unrichtige Anschuldigung gegen den■ selben deutlich hervorhebt und in’s rechte Licht setzu sucht ihn hiergegen gar nicht zu vertheidigen, weil Göthe eben dessen nicht bedarf. Auch dem Ausruf Ziemlich’8: Wie sollte auch ein so universeller Geist wie der Göthe’s, gerade da» Buch der Bücher nicht eingehend gekannt haben? können wir nicht in dem Umfange beistimmen und es würde uns gar nicht schwer sein, dies durch nicht abzulehnende Beispiele zu belegen. Göthe’s wirklioh genaue Bekanntschaft mit der Bibel hing mit zum Theil zufälligen, theils individuellen Umständen zusammen und ist durchaus nicht so selbstveiständlioh, wie Herr Dr. Ziemlich meint Ich erinnere hier nur an seine intime Freundschaft mit der pietästischen Stiftsdame Susanne von Klettenberg, mit Lavater״ Jnng-Stilling, Herder etc., welch’ letzteren ja auch der Herr Verfasser in diesem Bezug erwähnt Lewes hebt sogar gelegentlich des Lavater’schen Besuchs bei Göthe hervor-, dass Göthe nicht blos seine Charactereigenthümlichkeiten, sondern aucheines gewissen gemeinsamen Hanges zu religiöser Empfindsamkeit wegen, ganz besonders sich zu ihm hingezogen fühlte. (Band L S. 341 ff.) Das ist aber doch ganz etwas anderes, als was Herr Dr. Z. in der Einleitung aufwirft und im Verlauf seines Schriftchens bekämpft. Ein dem Herrn Z. entgangener Ausspruch Göthes kann dies noch besser belegen: ״Ich hatte sie (die Bibel) lieb und werth“, sagt Göthe in seiner Leipziger Zeit, ״denn fastihr allein war ich meine sittliche Bildung schuldig*. Er fühlte deshalb — setzt Lewes hinzu (V. ib. S 119) — auch nur wenig Sympathie für die Deisten, welche Europa um jene Zeit auffegten, denn obgleich die Sichtung seines Geistes derjenigen ganz entgegengesetzt war, welche die Mystiker verfolgten, 80 war ihm doch bange davor, dass der poetische Gehalt der Bibel mit dem prophetischen verloren gehen hönnte. Mit einem Worte er fürchtete den Skepticismus. — Ob nicht auch sein Studium und seine grosse Verehrang Spinoza’s, sowie das Studium des Mendelssohn ’sehen Phädon, von dem sich in seinem Tagebuch noch eine Analyse gefunden, seine Studien über Giordano Bruno etc. wesentlich zu den Göthe’schen Bibelstudien beigetragen haben, muss hier unerörtert bleiben. Alles in Allem: Das Ziemlich’sche Schriftchen enthält des Anregenden mancherlei und ist, wenn auch (was auch wohl nicht beabsichtigt) nicht erschöpfend, so doch interessant gehalten und durchaus lesenswerth. Vielleicht nimmt aer Herr Verfasser einmal Veranlassung an der Hand aller Schriften Göthes dieses dankbare Thema erschöpfender zu behandeln als solches in einem Vortrage möglich ist. Max Weinberg.

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