Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 12 (1883)
- Issue
- No. 24. (16.6.1883)
- Date
- 1883-06-16
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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I ״ f&r Andere, trotz seiner bitteren Armuth schafft er sich dis reichhaltigste Sammlung der seltensten Hand- Schriften an, nicht blos für seinen Gebrauch, sondern rar Benutzung fär Alle, nicht er erweist anderen Gelehrten, sondern diese erweisen ihm den grössten Gefidlen, wenn sie von ihm sich Abschriften anfertigen lassen, um sie rum Nutzen der Wissenschaft zu verwerthen. Auch seine häuslichen Verhältnisse haben sich nicht gegen früher gebessert, sondern nur noch verschlimmert, die Krankheit seiner Frau nimmt, in erschreckender Weise zu, sie thut nichts und spricht nichts, er muss ihr zu essen und zu trinken geben, wie einem kleinen Kinde, and sie bedienen wie eine treue Magd, ohne ihren Willen ausführen zu können, Tag und Nacht in ihrer Nähe sein — bis. der Tod sie im Sommer 1841 von ihren Leiden erlöste — ,und doch hört er auch nicht_ einen Tag auf zu lernen und zu lehren, zu forschen und zu schreiben “ל alle diese Widerwärtigkeiten verschwinden bei ihm gegenüber dem Hochgenüsse, den er empfindet, wenn er eine gute wissenschaftliche Entdeckung gemacht, oder wenn er Anderen durch seine handschriftlichen Schätze zu solchen Entdeckungen verholfen hat! Dass in ihm auch ein edles warmfuhlendes Herz schlägt, dass seinem Geiste und seiner idealen Sinnesart ebenbürtig ist, darauf haben wir bereits in unseren früheren Artikeln hingewiesen und glauben wir unseren Aufratz nicht besser beschliessen zu können als mit denselben Worten, die den Schluss der veröffentlichten brieflichen Correspondenz bilden und sein reiches Gemüth in der ergreifendsten Weise uns offenbaren. Vor Jahren hatte er einmal an Eappoport'mehrere Handschriften geschickt, damit er davon eine Abschrift nehme und alsdann die Originale ihm zurücksende. Aber Eappoport, der in solchen Dingen nicht so exaot gewesen zu sein scheint, zeigt sich trotz wiederholten Mahnungen hierin saumselig und nun richtet Luzzatto an ihn am 24. Juni 1841 die »wahrhaft rührenden Worte: **) ״ Mit Weinen and Schluchzen richte ich an dich mein inbrünstiges Flehen, dass Du mir die Handschrift zurückschickeat, während ich Dir davon eine Abschrift antertigen lassen werde, denn ich habe dort einen Bericht über den ׳ Beginn der Krankheit meiner seligen Frau hineingeschrieben, von dem ich keine Kopie habe; ich sammle aber Alles, was nur von ihrer Handschrift aufzutreiben ist und was auf sie Bezug hat, und mein Inneres brennt vor Sehnsucht etwas zu lesen, was ich in jenen Tagen geschrieben habe, und zu jeder Zeit, da ich darin lesen werde, werden meine Thränen meine Freude sein. Der aber, welcher Mitleid geflösst hat in das Herz des Achilles, als sein Feind Priamus sich vor ihm hinwarf, um die Leiche seines Sohnes zu erflehen, der möge auch Erbarmen in Dein Herz senden, dass Du diese Liebe erweisest Deinem seufzenden trauernden Freunde, der nun weilt ohne Glück, ohne Freude, ohne Segen!“ — Ecce homo! •) p. 722. 53ü- *ר P• 46ז• 1 Die Juden in Indien. . Die Jaden in Cochin. (Fortsetzung). Der Ursprung der jüd. Colonie auf der Küste von Malabar ist also sehr dunkel. Mit Gewissheit kann allein behauptet werden, dass die ersten Colonisten von Cranganor Auswanderer aus Palästina, der Türkei, Persien, Jemen, Spanien, Deutschland, Polen und andern Ländern waren. Ferner steht fest, dass viele alte Familien später von Cranganor nach Cochin übersiedelten, Bie scheinen aber alle ausgestorben zu sein, ausser den aus Deutschland stammenden Aschkenasi und den aus Kurdistan gekommenen Sackai. Alle anderen jetzigen jüd. Bewohner Cochins sind verhältnissmässig jüngst Zugezogene und zwar meistentbeils aus dem türkischen Arabien, Jemen und Polen. Gesellschaftlich liebenswüdig machen sie in der Synagoge keinen Unterschied zwischen Beich und Arm Nur das Alter giebt Stellung und Ehren Die ältesten Männer sind — wenn sie Eingeborene sind — (Zagezogene dürfen diese Stellung nicht einnehmen) unter dem Titel: Sikne häir, die Leiter der Gemeinde. Ausser diesen ״weissen Juden“ unterscheidet man gegenwärtig in Cochin noch drei Classen: 1.* die Meschuchararim, 2. die Jelide-Bajith und 3 die Jehudim Schechorim (״die schwarzen Juden“). Die wei8sen Juden verbinden sich mit den anderen Juden nicht, fliehen selbst ihrer Gesellschaft. Obschon sie nur eine Synagoge haben, sind sie sehr fromm; fast alle Männer beten dreimal täglich in der Synagoge und auch die Frauen halten streng an den alten Gebrauchen. Aus Gemeindemitteln wird eine Sohule unterhalten, in welcher hebräisch gelehrt wird -randeres Wissen meidet man, weil es unfromm macht. Während sie dieMinhagim der deutschen und polnischen Juden befolgen, haben sie die sephardische Liturgie, zu welcher sie viele Pijutim hinzugefugt haben. Die zahlreichen Kohanim stammen aus dem türkischen Arabien und Jemen. Sonst sind in den anderen indischen Gemeinden Kohanim selten. Die beiden Rabbiner sind der eine ein Pole, der andere der Sohn eines Bagdader Juden. Jede Familie hat einen erbliehen Familiennamen. Trauungen und Beschneidungen werden fast durchweg in der Synagoge vollzogen. — Die wei8sen Juden sind gastfreundlich gegen Fremde, wohlthätig gegen Arme und die oft kommenden paläst.! Sendboten. Am Eosch haschono und Jomkippur beten j die Sekenim (Aeltesten) vor. Die Synagoge ist ein schönes Gebäude und gehört zu den Merkwürdigkeiten in Cochin, die kein Fremder unbesucht lässt. Die Meschuchararim (Freigelassenen) sind Abkömmlinge—von Sklaven, welche durch Zahlung von 40 Frcs. für den Mann und 60 für die Frau emancipirt worden sind. Sie erhalten einen Schtar Schecherur (Freibrief) mit Unterschrift ihres Herrn und dem Siegel der Synagoge. Sie dürfen Zizith und Tephfllin tragen, öffentlich zusammen mit den weissen Juden beten und zum Minjan gerechnet werden. Zur Thora werden sie einmal im Jahre, am Simchath Thora, aufgerufen. In der Synagoge sitzen sie zumeist auf der Erde, ihre Trauungen und Beschneidungen dürfen nicht dort gefeiert werden. Ihre Leichen werden ohne die Tragbahre zur Gruft gebracht, welche die Synagoge für die weissen Juden hergiebt. Die Trauergebräuche beobachten sie vollständig. Ihre wiederholten Versuche, eine eigene Synagoge zu erlangen, sind erfolglos geblieben. Ihre Führung, die früher Manches zu wünschen übrig gelassen hat, ist jetzt tadellos. Die Jelide Bajith (die im Hause geborenen) gehören zur selben 1