Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 12 (1883)
- Issue
- No. 19. (12.5.1883)
- Date
- 1883-05-12
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Werksengen, die von seinen Händen geführt werden, nach einem Bilde, das in seinem Geiste lebt, and wenn die Statae fertig gesteht ist, 80 können wir dock nichts anderes sagen: Der Bildhauer hat sie angefertigt; wir sprechen nicht von seinen Händen und seinen-Werksengen. Gott als Bildner hat den Stoff geschaffen nnd ihm Consis^ens gegeben, die Harte ist ,die Kraft die er ihm eingeflösst; er bildet sie in Entwickelung fort nnd fort; es geht immer da ein Wesen aas dem andern hervor; von den Bevorzugten und Kräftigem treten immer mehr vollendete and edlere Gestaltungen auf; sie alle leitet Gott, befruchtet, belebt und erhält sie, nnd sie bringen dann endlich das Gebilde in Menschengestalt hervor, das. in dem ewigen Geiste von Gott als Idee gesetzt and gelebt. Gott vollendet und vollbringt es, der in Allem lebt and Alles leitet; die Geschöpfe sind die Hände and Werkzeuge, die von ihm geführt werden. Was anderes 1konnte die heilige Schrift da sagen, als ״Gott, der ewige Geist, der in Allem derselbe bleibt, hat den Menschen gebildet vom Staube aus der Erde?“ Dass die' Geschöpft väriirt and aas den edlem immer edlere Gestalten hervorgingen, bis der Mensch in seiner vollendeten Gestalt dastand, das ist alles das Werk nnd die Schöpfungsthat Gottes. Der vollendeten Gostait des Menschen hat Gott nur den Geist eingebaucht, der aus den Geschöpfen nicht hervorging, aus ihnen auch nicht entwickelt sein konnte; denn der Geist ist göttlich nnd ewig, gehört der Zeit und dem Baume nicht. an nnd ist selbstbewusst, mit freiem Willen ausgestattet. Ganz 80 wie die Schrift es erzählt: Gott bildete den Menschen in seinem Ebenbilds, in Freiheit des Willens, und hauchte ihm den Lebensgeist ein. Die Schrift constatirt nur die Vollendung der Schöpfung, als von Gott ansgehend; sie bekundet, dass Gott alles so geschaffen, ohne anzugeben, in welcher Weise es geschehen, bildlich gesprochen: Er hat 80 es gebildet, wie es jetzt weiter vor sich geht, ohne zu variiren. * Dr. H. Hirschfeld. Das Judenthum als Mutterreligion derUumanität *) Von Dr. Benjamin H ochstäd ter, Bezirksrabbiner ans Bad Ems. (Schloss.) Wir haben zum Schlüsse nur noch über den Einfluss, den die aus dem Jadenthum hervorgeg&ngenen Töobterreligionen, das Christenthum und der Mohamedanismus, auf die moralische Bildung der äussexjüdischen Nationen gehabt haben, zu erwähnen. Gewiss hat sich das Christenthum durch die allgemeine Menschenliebe, die es predigte, die Anerkennung so vieler Culturvölker errangen; allein es hat diese Lehre dem mosaischen Gesetze, ־ also der Mutterreligion des Judenthums, entlehnt, wie das Jeans selbt gegenüber den bessern Pharisäern — wahrscheinlich aus dem Lehrhaase Hilleis — ausdrücklich bemerkte. Als nämlich diese ihn fragten, welches das Hauptgebot des (mosaischen) Gesetzes sei? antwortete er: ״Höre Israel, Gott der Herr ist ewig und einzig!“ nnd das andere, diesem gleich zu achtende lautet: *) Vortrag gehalten im MendelssOhn’scben Verein zu Frank■ fort a. M. am 8. M&rz 1883. ״Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst!“ (Matth. 22,39, Lao. 10,5:7 und Paal. a. d. Galather 5,14). Dass aber hierunter nich blos Verwandte oder Glaubensgenossen gemeint seien, beweist ein weiteres Gebot in denselben Heiligangspflichten, welches lautet: ״Wie der Einheimische unter Euch, soll auch der Fremde sein, und du sollst ihn lieben wie dich selbst!“ (III M. 19,33 und 35. Vergl. V. 10,19; IIL 25,35; V. 24,17-22; und 27,19; H. 22,20; und 23,9: V. 14,29; und 16,11,14; und 26, 11; IV. 15, 16.) Und auch gegen die Feinde schreibt das Jadenthum ausfahrbare (practische) Pflichten vor, indem es dieselben za hassen verbietet, dagegen Wohlthätigkeit anch gegen Feinde gebietet. (HI 19,17; vergl. Dan. H 23,4—5; und V. 22, 1 und 4; Spr. 25,21; und 24,17 und 20.); wenn es auch nicht gerade zu einer innigen Liebe gegen den Feind fordert, was der .menschlichen Natur ohnehin unmöglich wäre! — Es ist daher die Aeusserung Jesu in der sogenannten Bergpredigt (Math. 5,43): ,Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst Deinen Nächsten lieben, aber Deinen Feind hassen!“ hinsichtlich dieses Gegensatzes ganz unbegründet, und nur dem Überschwangliehen Pathos des Predigers zuzuschreiben, oder es ist im Laufe der Zeit aas Wörtchen nicht ansgefallen und sollte heissen: ״und Deinen Feind nicht hassen!“ entsprechend dem ebencitirten mosaischen Gesetze: ״Du sollst Deinen Bradernichtim Herzen hassen! “ — Rechnen wir noch hinzu, die Keuschheits- oder Ehegesetze, welche aus dem alten Testament gleichfalls im Christenthume eine Aufnahme fanden (HI M. Cap. 18 und 19, und vergl. Math. 24, 3, und Corint. 5, 1, und 6,18); ferner die Achtung vor dem weiblichen Geschlechte, wie solche im (Salomon’schen) ״Frauenlob“ im letzten Capitel der Sprüche offenbart nnd bei Juden und Christen einheimisch wurde: 80 kann man mit Hecht behaupten, dass die Mutterreligion des Jndenthums nnd die Tochterreligion des Christenthums die Humanität unter allen Cultur- Völkern befördert haben. Sagte ja Jesus selbst: ״Das Heil der Menschheit kommt von den Juden!“ (Job 4,22.) Anders verhält es sich jedoch hinsiohtlich der kirchlichen Dogmatik im Christenthum, — als die Dreieinigkeitslehre, die Annahme eines persönlichen Teufels nnd die Anbetung der sogenannten Heiligen, worüber wir vorhin schon andeutungsweise gesprochen haben —, wozu sich das reine biblische Jaaenthum mit seinem wahren und klaren Einheitsglauben unmöglich bekennen kann. — Die mosaische Religion lehrt dagegen, dass vir Alle dem Geiste nach Kinder Gottes sind (V. 14,1); worauf zugleich das pfliohtemässe Streben nach Gottähnlichkeit und hierurch auch unsere Hoffnung auf die Unsterblichkeit der menschlichen Seele basirt ist. Wir gelangen endlich zum Mohamedanismus. Derselbe lehrt eine reine Gotteserkenntniss, indem er den Glauben an den einzigen Gott aus der Mutterreligion des Judenthums adoptirte. (Coran, sura 112.) Dagegen steht er hinsichtlich der humanen Pflichten weit hinter dem Juden- und Christentham zurück, indem er geradezu befiehlt: ״Wenn ihr mit den Ungläubigen zusammentrefft, 80 schlagt ihnen die Köpfe ab!“ (Coran, sura 47). Ebenso unrein und sinnlich ist dessen Unsterblichkeitslehre, wonach die Abgeschiedenen in den Lustgärten der Huris ihre Seligkeit fänden u. dergl. m. Uebrigens waren alle Religionsstifter und Verbesserer Kinder ihrer Zeit und manche ihrer Vor- Schriften lassen sich nur aus den Sitten ihrer Zeit und für ihre Zeitgenossen geschrieben erklären.