Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1883-04-21 · No. 16-17. (21.4.1883) · p. Seite 62

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
12 (1883)
Issue
No. 16-17. (21.4.1883)
Date
1883-04-21
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/6492408-6488246-8756028--0110-4855520
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Der Verfasser der Schrift, erzählt zwar nicht diesen Hergang; es war ihm aaoh nicht darum an than, eine natargeschichtliche Abhandlung za liefern, and wissenschaftlich dieEntstehangsgeschichtedes Menschen daraus teilen; er wollte nur das Sine lehren, dass, Alles von Gott ansgehe, dass er Alles geschaffen nnd ge• bildet. Er sagt darum nur: ״Gott bildete den Menschen von Staub". Das al>er kann uns keineswegs hindern, didsen Satz nach den neuesten Erfahrungen der Wissenschaft attizufassen. und nach der Descendenztheorie Darwins uns zu erklären. Aus der anorganischen Materie bildete sich die organische homologe Gestalt, und eine Thierspecies ging bei geringen Veränderungen immer aus der anderen hervor, bis die menschliche Form erreicht wurde. Was hier auf dem Entwicklungen wsge geschehen ist, das sagt die Schrift, ist von Gott veranlasst nnd erwirkt worden. Durch alle Gefüge _jler Natur ist der Mensch hergestellt and gebildet worden. Bemerkenswerth ist es wohl, dass die jüdischen alten Commentatortn diesen biblischen Satz gar nicht anders aufgefasst haben. Jalkut Reabeni 9 a sagt: ״Der Mensch wurde durch alle Thiergestalten, von der höchsten bis zur niedrigsten gebildet;" cfk Aboth d. R. N. 31. Br. Rabba 19. Freilich nahm der Verfasser der Schrift an, dass der Mensch, wenn auch alle seine Anlagen, Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Thierwelt vertreten sind, doch ein anderes höher geartetes Wesen sei und wenn er auch seiner körperlichen Natar nach aus der niederen Thierspecies hervorgegangen ist, sein Geist doch aas dem Thierleben sich nicht entwickelt haben kann, und er fugt darum hinzu: ״Und Gott hauchte ihm den Lebensodem durch die Nase ein"/ die einzige Oefinung, durch die, wie er wähnte, man nach dem Hopfe und dem Gehirn gelangen kann. Aber auch das widerspricht nicht einer naturgemäßen Auffassung. Von einem Kunstge bilde sagen wir wohl auch: ״Der Känsler hat dem todten Steine Leben eingehaucht", nnd seine Idee an ihm verwirklicht. Von der Behauung des rohen Steines bis zur Vollendung des Kunstwerkes bat ihn seine darzustellende Idee erfüllt und geleitet, und man wird nicht davon sprechen, wie der Stein während der Bearbeitung zu verschiedenen Zeiten ausgesehen, und welche Gestaltung er 'angenommen hat, sondern dass er von Anfang an seinen Geist ihm aaigedrückt, nnd sein Ideal prägnirt habe. In welcher Weise der menschliche Geist sich, gebildet nnd entwickelt hat, ob er durch Jahrtausende in den verschiedensten Daseinskämpfen, Wahrnehmungen nnd Belehrungen aus der Thierwelt oder in den socialen Beziehungen in sich hervorgearbeitet, nnd zur geistigen Höhe aafgeschwungen hat, und noch höher steigen nnd sich entfalten wird, bleibt hier gleichgiltig und unentschieden. Nennen wir des Menschen Geist auch nur seine grosse Bildungs/ähigkeit, die er mit keinem anderen Thiere theilt, die kein anderes Wesen mit ihm gemein hat, die ihn. von allen anderen Creatoren unterscheidet nnd anazeichnet, so - muss es immer heissen, Gott hat sie den Zellen, die destinirt, zum Mensohen sich constituiren sollten, eingegeben and eingehaucht, dass sie za einem menschlichen Daäein sich hervorbildeten und gestalteten. So wurde der Mensch ״eine lebendh Seele", in den Üratomen vorgebildet, die xanä öuvafuv ihn enthielten. _(Schluss folgt). Das Judenthum als Mutterreljgion der Humanität*) Von Dt. Benjamin Hoch^Vädtter.'.Bezirksrabb. in Bad Ems. Es iBt eine ganz eigenthümliehe Erscheinung in der Entwickelungsgesobümte der religiösen und moralisohen Ideen der Meireobheit, dass die Begründer wahrer Philosophie — 'gegenüber den falschen Sophisten — und die Stifter neuer Religionen — gegenüber dem groben Heidenthum — gerade in der Epoche zwischen dem jüdischen Propheten Jirmia nnd dem jüdischen Schriftgelehrten E 8 r a lebten; and zwar waren deren Wir kungsp lätze gerade in jenen Gegenden der alten Welt, wohin theüs schon früher die assyrischen Eroberer die 10 Stämme des Sonderreiches Jsrael und theils der babylonische Eroberer die vormaligen Bewohner des Sonderreiches J n d a versetzt oder vertrieben hatten, wie dies aus den Erzählangen der heiligen Schrift nachzaweisen ist. Schon der Prophet Jesaja, welcher bekanntlich die erwähnte WegtUhrung der 10 Stamme Israels durch die Assyrer erlebte, prophezeiht (C. 1L Vr 11) die Wiedererlösung und Einführung des ganzen Volkes in das väterliche Stammland aas folgenden Ländern des Exils: aas Assyrien, Egypten, Pathros (Nubien), Kusch (Aethiopien od. Indakasch), Eilam (Persien), Schinear (Babylonien), Chamath (Syrien) und aus anderweiten Inseln des Meeres etc.; während das biblische Geschichtsbuch der Könige (IL 17,6.) speciell die Gegenden angiebt, wohin der König von Assyrien nach Eroberung der israelitischen Hauptstadt and Provinz Samaria deren Einwohner zunächst versetzt hatte, als: Chalach (eine Provinz Assyriens), Chabor (zwischen Medien und Persien), wozu das biblisohe Buch der Chronik (I. 5,26) noch Hara (Gebirgsgegend in Grossmedien) nennt; dann nach dem Flussgebiet Gosan (nördlich vom kaspischen Meere) and nach mehreren Städten Mediens. Endlich berichtet das biblische Prophetenbuch Jirmija (43,6) ausdrücklich, dass nach Eroberung des Sonderreiches Judäa durch die Babylonier und, nachdem bald darauf der für die zurückgelassenen Juden bestellte Gedalia meuchlings ermordet worden war, der Prophet Jirmijah und dessen Jünger Barach von den Empörern gezwungen wurden, mit nach Egypten auszuwandern, woselbst Jirmija wahrscheinlich bis za seinem Lebensende blieb! Es ist wohl nicht zu leugnen, dass die Propheten and sonstigen gottesbegeisterten Männer unter den zerstreuten Jaden mit den Weisen und Gelehrten der sie umgebenden Nationen in Berührung kamen; und namentlich war dies der Fall bei Jirmijah, Barnch nnd deren gläubigen Nachfolgern. Erzählt uns ja der Talmud (B. Tr. Synhedrin 91,a.), dass noch ca. 200 Jahre nach der Wiedereinwanderung vieler Juden in’« S” vor Alexander dem Grossen, einen Wortwechsel geführt haben, wobei sich besonders Gabiha ben Pessisza hervorgethan hat. Nun ist Jirmijah und sein Anhang etwa 570 Jahre vor der jetzt üblichen Zeitrechnung nach Egypt®“ *) Vortrag gehalten im Mendelaeokn'schen Verain za Frankfort a. M. am 8. März 1883.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.