Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 12 (1883)
- Issue
- No. 15. (14.4.1883)
- Date
- 1883-04-14
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
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in den jüdischen Gemeinden immer mehr Anhänger fände, unser Gottesdienst würde an Innigkeit und damit auch anWürdigkeit sicherlich gewinnen und dem Ziele desselben immer näher geführt werden! Hat Lewandowski in diesem seinem Worke den Schwerpunkt auf den Vorbeter gelegt, so finden wir in seinem darauffolgenden, 187ti erschienenen und grösser angelegtem: Todah W’simrah Th I, Gesänge für den Sabbath-Gottesdienst, dem vierst immigen gemischten Chore eine bevorzugte Stellung eingeräumt. ÖHne auf die musikalischen Schönheiten der meisten Nummern dieses wahrhaft genialen gottesdie: 1311ichen Gesangswerkes einzngeheu, will ich zur Charact 3ri8irung desselben nur Eines hervorheben, was meiner Meinung nach nicht oft und laut genug betont zu werden verdient. Die Chöre sind von einem tiefen religiösen Geiste durchweht, aus einem farmen jüdischem Herzen geflossen. — Die!meisten sind so recht angethan, Eigenthum der Synagoge zu werden und zu bleiben und zwar neben den bereits erwähnten Vorzügen derselben auch darum,{ weil sie populär im besten Sinne des Wortes sind Dfer Componisthat denjüdischenVolkston getroffen und dieser Umstand ver birgt seinen Schöpfungen eine lange Zukunft. Was für diesen Theil gilt, das findet auf! den erst im vorigen Jahre vollendet der Oeffentlichkeit übergebenen Toda W’simrah Th. II., Gelänge für die Scholosch Regolim und die Jomim Norolim nebst einem Anhänge, enthaltend Chöre und Soli für Chanuka. Purim, Tiscbah b’Ab, Trauungen, Beerdigungen, patriotische und Nationalfeste, Einsegnungen, Präludien und Ritornelle, seine volle Anwendung.*) Wenn der Componist in der Vorrede zu diesem Theile seines Prachtwerkes sagt: ״Die Methode, meine Compositionen Jahre hindurch im Pulte liegen zu lassen, sie immer und immer von Neuem zu prüfen, zu ändern, umzugestalten, oder ganz zu verwerfen, hat Zwar den Nachtheil, das Erscheinen meiner Partituren zu verzögern, andererseits aber verhütet sie, soviel an ihr liegt, dass Unfertiges an die Oeffentlichkeit kömmt“ — so kann dies nicht nur als eine Art Rechtfertigung für das spätere Erscheinen seiner Compositionen als man sie erwarten durfte angesehen werdenj sondern unsere Verehrung für L. muss durch diese freimüthige Aeusserung sioh in hohem Grade steigern.!Denn sie bezeichnet den echten Künstler, der nicht in selbstgefälliger Weise Alles, was er schafft, für unbedingt gut hält, sondern er feilt und bessert seiüe Kunsterzeugnisse oft und lange bevor er sie für Ajndere gemessbar erachtet. So mancher Musiker sollte sich an *L. ein Beispiel nehmen. — Zu welcher Reife und geradezu zu! welcher Vollendung der Meister es in diesem Todah W’simrah gebracht, das kann nur derjenige beurtheilen, der sich in das Stadium desselben mit Eifer :und Verständniss versenkt Bewundernd nimmt map da Tongebilde in sich auf, welche nicht dem so verschrieenen Zeitalter de« Materialismus, in dem ein W&gner mit ®einer poetischen und musikalischen Grobsinnlichkeit die Tonkunst beherrscht, sondern einer Zeit höchst religiöser Begeisterung entstammt, zu sein; scheinen. Der Gottesdienst in der ״Neuen Synagoge“ zu Berlin ist bezüglich seines musikalischen Theiles das Verdienst des genialen Leiters desselben, ihm ist es auch zu danken, dass dieser Gottesdienst!trotz der weitgehenden Neuerungen, welche die eigentliche Liturgie nie suchmässige Recension meines geehrten Collegen r*• Rosenhaupt in Nürnberg im ״Jüd. LitterltUrbl.“ No. 1 b“ 4 enthebt mich auch hier der Pflicht, auf den musikalischen ״״“ < nltnellen Werth dieses Theils besonders einzugehen. iih Laufe der Zeit erfahren, durch die mtcrikalizohö Gestaltung desselben einen gewiesen conservativeu Charakter bewahrt hat, 0b80hon eine Orgel zur Unter- Stützung des Gesanges mitwirkt/ — Ich sage: Die Orgel anter«tätze, nicht aber beherrsche den gottesdienstlichen Gesang.• Und hierin liegt das Unter-/ scheidende zwischen der Stellung dieses Instruments im christlichen Cnltus von derjenigen, welche dasselbe in der Synagoge einzunehmen hat. Dort ist die Orgel die dominirende Gewalt, hier das dienende oder begfeitende Musikwerk. Seinem Todah W’simrah hat L. die Orchesterbegleitung zwar angefngt, aber mit der Bezeichnung ad libitum, da die Soli und Chöre so eingerichtet sind, dass sie auf dieselbe ganz und gar nicht angewiesen, also a capella ausgeführt werden können, was ja in der Berliner ״alten Synagoge“ thatsächlioh geschieht Und nun sei nur noch auf ein gottesdienstliches Werk mit deutschem Text hingewiesen. Es ist dies ein stattlicher, bei Breitkopf und 'Härtel vor einigen Jahren erschienener und dem kunstsinnigen Könige Ludwig II von Bayern gewidmeter Band: Achtzehn liturgische Psalmen für Soli und Chor mit Begleitung der Oigel. Wie in seinen hebräischen Gesängen, 80 zeichnet sich auch hier der Componist durch den reinen and natürlichen musikalischen Satzbau aus. Da ist nichts Erzwungenes, Geschraubtes zu finden, rein and klar fiiessen die Chöre ^wie aus einem Gusse. Auch in diesen Tod stücken gewahrt man den *'gottbegeisterten Sänger, der es meisterhaft versteht, dem religiösen Gedanken den rechten 'musikalischen Ausdruck zu geben. In Bezug auf Melodienreichtham dürften unter den zeitgenössischen Componisten dieser speciellän Musikgattung *) nur wenige ebenbürtig ihm an die Seite gestellt werden können. ־ ־ * •* 4t Der Verfasser glaubt seinem hochverehrten Lehrer zum 60. Geburtstage keinen passendem Grass zurufen za können, als die Schlussworte des Psalms, den der geniale Componist so vielfältig in Musik gesetzt: ״Die im Hause des Herrn gepflanzt sind, in den Höfen unseres Gottes blühen sie! Noch im Greisenalter sprossen sie, sind markig und belaubt, zu verkünden den Rühm des Ewigen.“ (P8. 92.) י Lieber die Namen der jüdischen Feste. Die jüngst verflossenen Purimtage Hessen mich über die in Lehrbüchern und Leitfäden der biblisoheu Geschichte hergebrachte Bezeichnung des Purim als Loos-Festes, wie über den jüdischen Namen Purim selber, ein wenig nachdenken. Es muss auffallen, dass unser Fest keinen bezeichnenderen Namen als Purim hat, denn das Looswerfen vor Haman, welchem Umstande unser Fest bekanntlich seinen Namen verdankt, ist eben nur ein äüsserlicher Zag, ein Neben umstand, nicht die eigentliche Festidee, der vielmehr andere Beziehungen, wie ״Tag der Rettung“, besser entsprochen hätten. Ich wurde dabei auf die bemerkenswerthe Thatsaohe geführt, dass auch upsere Hauptfeste ihren Namen zunächst nur von einem! äusseren Umstande haben, was am evidentesten bei!_! *. Für mehrere Gemeinden (Nürnberg, München, Stettin a. A.) hat L ausserdem noch eine ganze Anzahl Paalmen coraponirt, die einen integrirenden Bestandtheil dea Gottesdienstes daselbct bilden. — Schon vor zwanzig Jahren ist von ihm ein kleine•, aber inhaltreiches Büchelohen ״Der Psalter“, zweistimmige Psalmen. Hymnen and Motetten enthaltend, erschienen, welche■ I in keiner jüdischen Schale fehlen sollte.!' - ־