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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1883-02-24 · No. 8. (24.2.1883) · p. Seite 31

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
12 (1883)
Issue
No. 8. (24.2.1883)
Date
1883-02-24
Page
Seite 31 (sequence 3)
Language
German
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Recensionen. Reuss, Eduard, Die Geschichte der heiligen Schriften Alten Testaments entworfen. Braunschweig, C. A. Schwetschke und Sohn. 1881. S. XV. und 743. Die Einleitungswissenschaft des alten utnd neuen Testaments ist bis in die Mitte unseres Jahrhunderts der Ablagerungsplatz für eine Menge von 11isciplinen und Kenntnissen gewesen, die sich in die bisherige .Gliederung der Theologie nicht einordnen libssen. Sie befasste in sich biblische Litteraturgeschfichte, Geschichte der alt• und neutestamentlichen ■׳ Gottesgemeinde, biblische Theologie und biblische A terthums- "künde, bisweilen wurden auch noch die Resultate der ,1Exegese in prägnannter Darstellung in ihr niedergelegt Erst in den letzten Decennien hat j man den Anfang gemacht, eine Trennung der einzelnen Discip- ]inen eintreten zu lassen und eine jede für sich] besonders anzubauen und zwar mit Hecht. Solche iSonderbehandlang fordert die Fortentwickelung der [Theologie, indem sie dem Darsteller den Zwang auferlegtj, gewissen Fragen näher zu treten, sie gewissermassen wieder ab ovo in den Rahmen der Forschung auizunehmen und sie auch in causalgeschichtlichen Zusammenhang init der Culturgeschichte überhaupt zu bringeh. Eduard Reuss wandelt in dem angezeigten Werke j noch die alten Bahnen, aber doch in einer so geistvollen und!in Tiefen der Forschung hinabsteigenden Weise, dass der Leser von der ersten bis zur letzter( Seite in Spannung verbleibt. Wenn auch viele Fragen noch nicht spruchreif sind, wenn einzelne Behauptungen auch zu entschiedenem Widerspruch auffor<jlem, wenn schliesslich mancherlei vom Verfasser selbst noch :als Conjunctur hingestellt wird, so macht[ doch der grosse Ernst der Forschung und der kritisjch-scharfe, ׳ auweilen geradezu intuitive Blick einerseits, wie die Frische und Lebendigkeit der Darstellung und die Klarheit des Stils andererseits das Buch zü einer der bedeutendsten Leistungen der neueren theologischen Litteratur. Wir haben in dem Buche von[ Reuss ein Lebenswerk vor uns, was den Verfasser wählend seiner ganzen akademischen Laufbahn bis in Sein hohes Älter hinein begleitet hat. Reuss ist der [Begründer einer neuen hebräischen Geschichtsconstruötion. Die Idee, dass die Propheten älter als die Thora, und die ' Psalmen wieder jünger als beide seien, ist von ihm in ihrer wissenschaftlichen Begründung schon in den djeissiger Jahren vorgetragen worden. Ünd wenn einzelne seiner Schüler, wie z. B. Heinrich[ Graf und «ndere Forscher wie Kayser und Kuenen selbstständig diese Idee auch weiter durchgearbeitet unjd in ihrer ■ Haltbarkeit vorgeführt haben, so gebührt j dem Ver- -fittser doch das unbestreitbare Verdienst, den Impuls dazu gegeben zu haben. Wir halten es; nicht für angebracht, mit einzelnen Ansichten des; Verfassers nns hier auseinanderzusetzen — es würde |ias viel zu Weit führen und könnte leicht den einen öder andern Leser in der Selbstständigkeit des Urtheils irre machen, ־־ wir ziehen es vielmehr vor, eine kurze! Uebersicht ^ber Plan und Gliederung des Buches zu geben. Nach Ooer Einleitung, welche sich über Gegenstand, Interesse und Methode, Umfang, Quellen, Chronologie, Character ®1d Schwierigkeiten, litterarische Hilfsmittel verbreitet, behandelt der Verfasser im ersten Buche die Zeit der Helden, im zweiten die Zeit der Propheten! im dritten die Zeit der Priester und im vierten diq Zeit der Schrittgelehrten. Die Zeit der Helden ist Vorzugsweise die Zeit der Sage, erst mit Beginn des Königsthums betreten wir historischen Boden, Zu den anziehendsten und lehrreichsten Partien dieses Ab- Schnittes gehört die Darlegung ־des Cultarzustandes, die Schilderung der häuslichen, gesellschaftlichen, situ liehen und religiösen Verhältnisse, die Kritik Her mosaischen Geschichte, wobei zu bemerken ist, dass Moses als historische Persönlichkeit festgehalten wird, die litterarische Kritik des Pentateuchs üjid die Unter- Buchungen über die Richter, von denen besonderes Interesse die Gestalt des Simson erweckt. Das Zeit*, alter der Propheten, welches mit David beginnt und mit der Auflösung des Judareiches mit dem Stur■ Jerusalems durch die Chaldäer endigt, bildet nach unserem Dafürhalten den Glanzpunkt des ganaan Werkes. Die ganze Behandlung zeigt uns so recht die Eigenartigkeit dee Standpunktes des Verfassers. In dieser Zeit liegt die Abfassung der meisten uns erhaltenen Literaturdenkmäler, eine nicht unbedeutende Zahl von Werken des hebräischen Nationalgeistek dagegen ist uns verloren gegangen. Das Hohelied mit seinem erotischen Charakter gehört der Zeit -des Schisma’8 an. Die prophetische Rede des Joel, der Jehovist, der Segen Moses fällt in die Zeit der;Nimsiden; zur Zeit des Niederganges des Nordreiches weissagte Arnos, Josua und Saharja (cap. IX—XI). In diese Zeit ist auch das Lied Moses zu setzen. Zu den schönsten Blüthen der nordpalästinischen Litte*, ratur gehört das Buch Hiob, durch die traurigen und folgenschweren Ereignisse, welche der Einfall der Assyrer mit sich brachte, gezeitigt. Auch das Buch Ruth, die Bücher Samuelis, die Propheten des Jesaia (erster Theil, ausgenommen XHI-XIV, XXIV-XXVH, XXXIV-XXXV) und des Micha scheinen bald nach dieser verhängnisvollen Katastrophe geschrieben zu. sein. Sehr geistvoll ist die Theologie der Propheten dargestellt. Den Geist der Reactnn unter Manasse, athmet. Sehaija XII-XIV. DaaJ Buch der Richter, die Propheten des Zephanja und mehrere Psalmengehören ungefähr der Zeit an, wo das assyrische Reich dem Untergange sich zuneigte. Unter Jbsia mit seinen Reformen fallt die Abfassung ׳ des Deuteronomium», Als das neubabylonische Reich der Chaldäer entstand,, schrieb Jeremia und Habakuk, es fallen in diese Zeit auch die Zusätze zum Deuteronomium und das Buch'- Josua. Mit der Deportation der Juden des Südreiohes beginnt ein grosser Wendepunkt in der Geschichte des jüdischen Volkes. Es entwickelt sich das Priester-, thum. Es fallen in diese Zeit noch viele litterarische^ Blüthen, wie die Klagelieder, die Bücher der Könige, mehrere Psalmen u. 8. w. Der Zeit der Restauration: sodann gehören an Haggai, Saoharja, Obadja, das kleine Gesetzbuch Lev. 17—26 und Maleachi. Dem Erstarken, der jüdischen Nationalität in der persischen Zeit gehören an das Salomonische Spruchbuch, das Buch Jona! die Bücher der Chronica, Esra und Nehemia. Das Baoh Kohelet ist erst zur Zeit des ehrgeizigen Seleuciden Antiochus IH. verfasst. In die Zeit der Schriftgelehrten mit dem Freiheitskampf der Makkabäer begin-, nend und mit dem Fall des zweiten Tempels schliessend, fällt die Entwickelung der Schulgelehrsamkeit. In ihr sind das Buch Daniel, das Buch Esther und manche (Psalmen geschrieben Auch die in diesem Abschnitte Gehandelte reiche Fülle culturgeschichtlicher Erscheinungen, wird die Aufmerksamkeit des Lesers im höchsten Grade fesseln. Wir können uns von dem hoch bedeutsamen Werke nicht verabschieden, ohne dem greisen Verfasser unsem Dank dafür auszusprechen. Sicher wird es auf langehin der wissenschaftlichen Theologie reiche Gelegenheit bieten, sich anregen und befruchten zu lassen. Wünsche.

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