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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1883-02-24 · No. 8. (24.2.1883) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
12 (1883)
Issue
No. 8. (24.2.1883)
Date
1883-02-24
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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In dar VarwirkHohnng des xeform&torischen Gedankens ist Stein der Meister geblieben und wird es stets bleiben, weil er nicht in der kritischen Thätigkeit seine —ל und der jüdischen Reformer — Lebenssaigsbe fend, *— sondern auferbaute! Seine deutschen Gebete, seine herrlichen sjnagogalen Dichtungen werden Anerkennung finden‘ auch bei denen, *tlie nicht in jeder Weise seiner Richtung huldigen, wenn sie nur die Weihe des Gemüths, die Macht der Muttersprache auch beim hebräischen Gottesdienste willig anerkennen. Und das Alles war der Ausdruck tiefinnerlicher Ueberzeugnng, eines wahrhaft jüdischen Gemüthes. Darin lag auch die Macht seiner mustergültigen Predigten! Obgleich sie streng vorbereitet und ausgezeichnet waren in Form und Sprache, und obgleich sie unterstützt wurden von einer edlen, sympathischen Erscheinung, von einem klangvollen und ausdauernd kräftigen Organe, von eingehender Kenntniss des hagadischen Schriftthums, von all dem, was den volkstümlichen und beliebten Prediger macht, 80 war doch die zündende Macht seines gesprochenen Wortes besonders darauf gegründet, dass man fühlen musste: Hier steht ein Mann, der K' ubt, was er sagt, von der Wahrheit dessen, was er rt, überzeugt ist! In der Tiefe des Gemüths, in der Wahrhaftigkeit und Ueberzeugungstreue des gt Mannes lag die bezwingende Gewalt seiner Bered- 1" samkeit, die Stein zu einem der edelsten Redner ... machten, die je die jüdische Kanzel geziert haben und die den Frankfurtern, die ihn gehört haben, wohl noch in Erinnerung bleiben wird. Und weil er sein Wort nicht in die Grenzen bannen konnte, die Andere ihm vorzeichnen wollten, darum — doch nein! 0 ״Vergeben und vergessen!“ ,Der Glaube an den einigen und einzigen Gott schliesst jede Ausschliessung aus. In ihm liegt & die Bürgschaft der Einigung und Verb rüderung d'ae Menschengeschlechts zu einem heiligen Bruderbünde.“' Das war die Parole seines Lebens. Aus diesem Gedanken heraus wirkte er durch und für das Judenthum^ — für die Religion der Menschheit. Der meesianische Gedanke war ihm heiligste Ueberzeugnng, in der er nie wankend wurde. Das war die Richtschnur seines Lebens und Schaffens. In diesem Sinne sprach er, als Schreiber dieses ihn — ach, zum letztenmale, heute vor einem Jahre — besuchte, indem er auf einige Arbeiten in Sacher Masoch’s ,Auf der Höbe“ hindeutete: ,Aus dem Judenthum für die Gesammtheit!“ In* diesem Sinne _ konnte er in der Vorrede zu seinem erst jüngst erschienenen Gebetbuche sagen, dass er damit seine § liturgischen Arbeiten und eine 50jährige beglückende Thätigkeit mit beseeligendem Gefühle abschliesse; und in Vorahnung dessen, was, ach nur zu bald, ein traf, durfte er sagen: ״Das fromme Lied, o Tag des Herrn“ wird zur Einleitung de? heiligsten Tages in den Synagogen der alten und neuen Welt ertönen, ß wenn längst meine Person nur noch ein Name sein wird.“ ״ Soll ich noch von einer anderen beglückenden Thätigkeit des selig Entschlafenen sprechen? Es ist in diesen Blättern schon von der Wohlthätigkeit gesprochen worden, die der Verstorbene in ״,reichem Maasse übte, und zu der er Andere anzuregen verstand. Das gehörte mit za seinem Wesen. Wie in «einem ganzen Leben, so zeichnete er sich auch auf diesem Gebiete vor Anderen in 80 hohem Maasse aus, dass sein Wohlthun fest gar nicht zn vergleichen ist mit dem der meisten anderen, gleichwohl edlen Menschen. So lange Stein auf dem Rabbinatsstuhl in Frankfurt sass, war das Rabbiuat dieser Mutterstadt in Israel wirklioh ein Thron, zu dem alle Be-־ drängten und Hülfebedürftigeu aufschauten. Wie. vielen er geholfen hat, wie viele Tausende er sammelte, das ist es nicht, was wir hier hervor heben wollten, obgleich es ״eine grosse Gemeinde tu^d allerlei Volk wäre■; vielleicht sind auch manche darunter, die, als sein Glücksstern za erblassen schien — doch nein, aaoh das wäre nicht in seinem Sinne! Aber wie er half, wie es, als wenn er geholfen hatte, schien, als habe der Empfänger ihm Wohlthaten erzeugt; wie er stets nur das Objekt, die Sache, nie sich und seine Kraft bedachte; wie das Glück aus seinen gesegneten Augen leuchtete, wenn er eine gute That vollbracht hatte, das muss man gesehen haben, um es nachempfinden za können, und hier darf insbesondere eine gesegnete Thätigkeit nicht vergessen werden, die ihm alleik schon die Dankbarkeit vieler Leser dieses Blattes sichern muss: Die Thätigkeit bei der Gründung der Achawa, insbesondere die Redaction der Jahrbücher (4 Jahrgänge) die den Grundstein dieses Vereins bilden sollten. Die Achawa hat jetzt viele Freunde und ausgezeichnete Vertreter; aber darnm 8011 dooh derjenige nicht vergessen werden, der den Gedanken, der von Vielen bekämpft, von Anderen missachtet wurde, ins Leben setzen half, mit ganzer Kraft und Ausdauer, ihn hegte und pflegte, bis da» zarte und schwächliche Pflänzchen zum mächtigen Baume herangewachsen war, dessen Früchte jetzt Viele erfreuen, die früher vielleicht das Pflänzchen missachteten oder gar auszuroden gedachten; unter dessen Schatten sich jetzt Viele bergen. Was Stein dem Schreiber dieses und gewiss noch vielen Anderen war, die sich seine Freunde nennen durften — vermag ich hier nicht auszusprechen. Die Liebe stirbt nicht. Die Liebe lebt ewig! Ober-Ingelheim am 28. Dez. 1882. Joseph Klingenstein *) Wir lassen hier ein Verzeichniss der Schriften dieses fruchtbaren jüdischen Schriftstellers folgen: I. Schriften ln Prosa. Kohelet. Predigtsammlang. 184». — Br. Jacob Herz. Ein Mann nach dem Herzen Gottes. 1871. — Rede beim Fichtejubiläum. 1882. — Rede zur 50jährigen Jabelfeier der Leipziger Völkerschlacht. 1863. — Friedrich Rückerts Leben and Dichten. 1866. — ־ Orient und Occident. Rede zur Mendelssohnsfeier. Leipzig. 1866, — Der israelitische Volkslehrer. Zeitschrift 1861 bis 1860. — Der Freitagsabend. Familienblatt. 1860. — Achawa. Jahrbuch des isr. Lehrer-Untersttitzungs- Vereins. 1865—1868. — Chissuk-Habajith. Deutsche Gebete und Gesänge für Neujahr und Versöhnangstag. 18)0. — Pesach- Hagada. Freie deutsche Bearbeitung. — Tora ttmizwa. Religionsbuch. — Der Eid more judai'co. Monographie. 1847. — Meine Vernrtheünng zu Zweibrücken. 1860. — Reden einer Mutter an ihre Kinder. (Aus dem Englischen). — Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judenthnms. — Die Schrift des Lebens. Inbegriff des gesammten Judenthums. '1873. — Der Kampf des Lebens. Ein Cyclus von Festpredigten während des Kriegsjahres 1870. — Aas dem Westen. Eine Predigtsammlang m zwanglosen Heften. — Diverse einzelne Predigten. — Das jüdische Religionsgesetz. — Der JadenspiegeL II. Poetische Schriften. Die Hasmonäer. Historisches Drama in fünf Acten. 1859. — Der Knabenraub von Carpentras. Ein Drama in vier Acten. — Haus Ehrlich oder die Feste. Familiendrama in fünf Acten, 1863. — Des Dichters Weihe. Dramatisches Bild aus Shakespeares Jugendleben. 1864. — Das Parlament der Volksgetränke — zur Nachfeier des Frankfurter Schützenfestes. Eine dramatische Humoreske. 1862. — Sinai. Ein Lehrgedicht über die zehn Bundesworte. 1868. — Stufengesänge 1834, und Königskrone, metrische Uebersetzung des Kether Malchuth 1838. ID Gebetbnch für israelitische Gemeinden. 2 Bände. 1878 u. 1882. Verlag von J. Schneider in Mannheim. *) Die Gründe, die uns bewogen, dem obigen von Pietät und Freundschaft dictirten ,,Nekrolog“ i. uns. Bl. aufzunehmen, hat der geehrte H. Verf. in den einleitenden Sätzen richtig angegeben. (Red.)

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