Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 12 (1883)
- Issue
- No. 6. (10.2.1883)
- Date
- 1883-02-10
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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auch die Wahrheit, die in ihrer 'QagjaechmmkthBit "(an eich schön und von siegreicher Gewalt ist, in einfache Kleidung zu hüllen und für sie, selbst in den -alltäglichsten Formen so lange Zeugniss abzulegen, bis sie schliesslich zum Gemeingut Aller wird. Und eine schlagendere Documentirung jener Be-; haoptung ist schwerlich zu finden, als das Gebahren der Juden während der Drangperiode des polnisohen Lnfstandes. Es bewies zur Genüge, dass die Juden 'selbst dort, wo das Land ihnen nur ein dürftiges Asyl ^Verliehen und nur mit karger, Stiefmütter 1 icher Hand tzlichen Schutz tmd bäfgerüche Freiheit ihnen ^angemessen, selbst dort, in der Stunde der Noth, bei geistert iür dasselbe in die Schranken traten, und mit ■ heldenmüthiger Hingabe für die Unabhängigkeit' desselben fochten. Dass der Rabbiner*Meiseis, als Re- [■’ präaentant der polnischen Judenschaft, gleichsam die Idee dieser durchaus selbstlosen Vaterlandsliebe ver- * körperte und'auch eines der hervorragendsten Opfer derselben wurde, dürfte noch im Gedächtniss t vieler "Zeitgenossen leben. , Nach 24jähriger erspriesslicher und,, fugen wir; hinzu, vollständig unentgeltlicher Wirksamkeit in . Krakau folgte er der Berufung nach der Hauptstadt Polens, wo,- in erweiterter Wirkungssphäre, seinen bedeutenden Talenten mehr Räum zur Bethätigung geboten ward. Innerhalb der Grenzen der autonomen Verwaltung, der bloss fachlichen Amtiruag kamen zwar sein angebomer Scharfblick, seine helle Auf- , “Gissung der Zeiterscheinungen, seine praktische, klare Beortheilung von Menschen und Dingen zur Geltung; ’ in’s richtige Licht sollten aber diese, den Diplomaten Kennzeichnende Eigenschaften, erst durch die politische Krise gesetzt werden, die denselben einen historischen, ä&matisch bewegten Hintergrund lieh. «Schluss folgt) «0-v ■ __; Professor Franck über den sittlichen und geistigen Zustand der Juden. (Schluss.) Auf dem Gebiete der seelischen Empfindungen, in Bezug auf die Freude und die Ehre der Familie, würde es leichtsinnig sein, mehr zu versichern, als was mau selbst verspürt. Aber mau kann sich vorstellen, dass der häusliche Heerd, der nicht mehr in orientalischer Weise mit einer undurchdringlichen Barriere abgeschlossen wird, bei den Juden denselben Gefahren, wie bei den Christen aasgesetzt ist. Man hört von untreuen Frauen, von leichtsinnigen Männern, von verlassenen Kindern sprechen. Aber nicht mehr, als anderwärts, vielleicht ein Wenig weniger, “Weil das Hegen der Familie bei den Israeliten eine jfi-8 Blut infiltzirte Tradition ist. Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich in meiner Umgebung sehr 'verehnrngs würdige Häuslichkeiten, wo dife Zärtlichkeit den l^espeirc nicht ausschliesst, .wo das moderne Leben in seinen edelsten and reinsten Aeussetrungeasicb vereint dl» Beeten patriarchaler Sitte, kenne. Selbst, wenn Ine und da durch Mischehen oder Glaübensänderung in den Sohooes einer Familie christliche Elemente ktneingekosunen sind, besteht die Verbindung im Ganzen und Grossen doch noch fort und das Band, welohes den Bund zusammenhielt, ist dadurch nicht zerrissen — (aber doch sehr gelockert. Red.) Wie aber stebt’s mit. dem Glauben? Ich werde darüber nur Eins sagen, weil dies offenkundig feststeht, weil es eine Thatsache ist, von der Jeder sich selbst überzeugen kann. Die alte Religion der Propheten, die allezeit dieselbe bleibt durch ihr streng monotheistisches Dogma, allezeit treu ihrer 40 Jahrhunderte alten Moral, hat sich umgewandelt, man kann sagen, hat sich vergeistigt (spiritualisee) iu ihrem Cultus. Die schlichten Synagogen, wo die Frömmigkeit nicht gerade auf Sammlung aus war, und welche von der Kauzei, wenn sie eine hatten, nur eine trockene uud haarscharfe Casuistik ertönen liessen, sind seit Kurzem fast überall durch künstlerisch ausgeführte Tempel ersetzt worden, wo majestätische Gesänge, begleitet vom Tone der Orgel nur durch die Stimme des Predigers unterbrochen werden. Diese Predigt, welche nicht weiter als '/* Jahrhundert zurückdatirt (?) kann manchmal in Bezug auf Beredtsamkeit zu wünschen lassen, aber nicht in Bezug auf die Lehre, die immer tief religiös und spiritualistisch ist, immer den Prinoipien der reinsten Moral und' einer weiten Toleranz entspricht. Kein (natürlich: „französischer“ Red.) Rabbiner wird eine Gelegenheit sich entgehen lassen, seinen Zuhörern zuzurufen, was sie Frankreich verdanken, das sie geführt aus dem Sklavenhause. — Hier ist noch eine andere Veränderung, welche nicht weniger des Bemerkens werth ist. Früher war die religiöse Erziehung der israelitischen Frau sehr vernachlässigt. Ihre Theilnahme am öffentlichen'Gottesdienste war mehr geduldet als erfordert. Darf man es sagen, ohne befürchten zu müssen, als ein Rückschrittler verschrien zu werden? Weder der Glaube, noch die Sitten litten darunter. Sie glaubten, wie sie athmeteu; ihr Glauben war ihnen mit dem Leben zugleich zugekommen uud verschmolz mit ihm. Dasselbe zeigte sich bei den rein häuslichen und praktischen Tugenden, welche man von ihr erwartete. Die „starke Frau“ der heil. Schrift, stark im Thun und nicht im Wissen, war ihr unveränderliches Vorbild. Aber seitdem man sie aasgesetzt sieht allen Strömungen der Aussenwelt, allen Stürmen des Zweifels, der Leidenschaft, oder eines anderen Glaubens, hat man es für nothwendig gehalten, sie mit einer religiösen Belehrung zu wappnen, welche nicht weniger leicht zu erlangen, als zn bewahren ist, und sie einznfnhren an der Seile der Männer und gleichzeitig mit den Männern in den Tempel. In dieser Absicht hat man die rührende Ceremonie der Confirmation eingeführt, die grossentheils in ihren äusseren Formen die erste Communion nachahmt, und welche höchstens 30 bis 40 Jahre alt, schon tiefe Wurzeln in dem alten Boden der Synagoge geschlagen hat. Die Umwandlungen, von denen ich gesprochen habe, haben in Frankreic h sich vollzogen, ohne Anlass zn irgend einer Spaltung zn geben. Die französischen Israeliten theilen sieb nicht in 2 Sekten, wie die Deutschen und Engländer, obschon die Einen zum Neuen, die Andern znm Alten hinneigen nnd jede der beiden Richtungen ihr besonderes Journal hat. Sie bilden eine einzige und dieselbe Gemeinschaft, deren Eifer, gewöhnlich ein wenig eingelullt, Slötzlicb zn den hohen Festen Rosch haschana und om Kippur erwacht. Das Erste dieser Feste fiel voriges Jahr aut den 14. September nnd Sie könnt«) die 3 grossen Tempel in Paris nnd eine Anzahl von Privat-Betsalen von Glaubenstrenen bis in die dunkelsten Winkel überfüllt sehen. Was diese« Herbeiströmen verursacht, ist vielleicht weniger der Glaube in dem Sinne, wie das Christenthvp» ihn versteht, als