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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1883-01-06 · No. 1. (6.1.1883) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
12 (1883)
Issue
No. 1. (6.1.1883)
Date
1883-01-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Dass auf dem Thränengang durch Zeitenräüme Die bTutig roth uns die Geschichte neigt, ' Der Jade wahrte stets die edlen Keime Der Menschenwürde, fest und ungebeugt. Half Dank, Du edler Bitter, ohne Tadel Hab’ Dank ihr Dein so sehr humanes Thun, Es trug Dir ein den allerschönsten Adel, 1 Den je man sah auf Menschenhaupt» ruh’n. Dem Glanz, der Macht, sich wedeln<f nachzudrängen, Kann Tausende man täglich ja erblicken, Doch wo des Glückes Wege sich verengen Da blüht für sie der Lorbeer nicht zu pflücken. D’rnm wo sich zeigt ein edles, freies Streben, Das kühn verlässt der Masse breite Spur, Dem Menschenwerth allein die Ehr1 zu geben — Dort strahlt ein Stern am Himmel der Cultur. In ihm wird stets die Welt mit Stolz erkennen Den Pionir zur Bildungshöh’ hinan, Und ihn wird jeder gute Mensch dann nennen Mit mir zugleich: den edlen braven Mann. Morjtz Scherbel, Prediger in Gumbinnen. Die Zukunft des Judentums. In einem Artikel der „Revue des deux mondes“ vom 15. Juni 1882 (Voyage en Syrie von Gabriel Charmes) finden wir sehr beachtenswerthe Bemerkungen „über die Zukunft des Judenthums“, welche wir, weil von einem christlichen Autor herrührend, in wortgetreuer Uebersetzung hier mittheilen: „ . . . Wenn, wie man annehmen' darf, den Israeliten noch eine glänzende Zukunft bevorsteht, so werden ‘sie deren Dauer nur dadtirch sicher stellen, dass sie auf die wundervollen, aber unfruchtbaren Gedanken verzichten, welche die kleine Priester- und Prophetenkaste bei der Bäckkehr von Babylon zum Siege verholten hat und welche wohl in der Noth eine Tröstung waren, aber keine Ermuthigung zu neuen Erfolgen. „Unter dieser Bedingung wird das Jadenthum— ohne Widersprach — von allen religiösen Doktrinen am ehesten geeignet sein, sich den modernen Bedürfnissen und den Ideen anzupassen, die seit einem Jahrhundert die Welt beherrschen. Das Christenthum, welches Lebensentsagnng predigt, welches gewissermassen die Erde leugnet und unser diesseitiges Dasein nur für eine Vorbereitung zum Tode hält, wird sich dem Durst nach Thätigkeit, dem Verlangen nach Wohlergehen, dem materiellen Feuereifer, welchen die grossen Entdeckungen der Wissenschaft xdie unermesslichen Fortschritte der Industrie allerorten verbreitet haben, nur mit Mühe anbeijuemen. Was den Fatalismus der Muhamedaner anbelangt, so ist ja dieser der Gegensatz aller Civilisation. Nichts würde leichter, sein als die jüdischen Dogmen auf Formeln surückzuführen, welche einfach genug sein müssten, um nicht irgendwie die herrschende Vernunft zu verwunden, und elastisch genug, um eine Interpretation zu vertragen, welche nicht der practischen Entwickelung der Humanität widerstreitet. Die göttliche Einheit, so wie sie die ersten Juden verstanden, war gewissermassen nur.die Vereinigung aller göttlichen Elemente, welche sie über der Erde au entdecken starten. Wenn es 'heute bewiesen zu ■ein scheint, dass die Welt Gesetzen folgt, die nicht von aussen kommen, dass das Universum das Product innerer Kräfte ist, welche unaufhörlich aus einander entstehen, so wird man sich allgemein in den Gedanken vereinigen, dass diese Gesetze und ihre Kräfte eine höhere Einheit haben, deren Formel die letzte Entdeckung des menschlichen Denkens sein wird Ohjfe Zweifel, die Einsetzung cjpr Naturgesetze und -Kr alle ist noch keineswegs die göttliche Einheit; indessen ist kein Widerspruch zwischen den beiden Ideen,~ije können neben einander bestehen, ohne sich zu wp-- nichten, im Bedürfhissfalle können sie siclrselbst ^fereinigen. f Das zweite der jüdischen Dogmen, ffie Messianität, zurückgetührt auf seine ursprüngliche Form, welche vom Christenthum so stark umgestaltet worden ist, — ist, wenn man will, eigentlich nichts -anderes, als der Glaube an den socialen Fortschritt,1 mit der einzigen Bedingung, dass dieser Fortschritt 'durch die Juden und unter ihrer Führung zu Stande^koinmen soll. Der jüdische Stolz wird ohne Mühe, diese Bedingung annehmen und sich bemühen, sie zu erfüllen. In dem Momente, wo die Juden inmitten dur-grössten Nationen Europa’s nahe(?) dran zu sein scheinen, um zu politischen Einfluss zu gelangen, möchte 1 es da wohl von ihrer Seite eine Vermessenheit sein, zx£ hoffen, dass der Tag'nahe ist, wo sie das Ideal der Gerechtigkeit und Glückseligkeit, dessen Traum sia_ durch alle Täuschungen begleitete und in allen Prüfungen aufrecht erhielt, in der Welt zum Siege führen werden? Wenig kommt’s* darauf an, ob diese JRevolution das Werk eines Messias ist oder ob eine Bace sie herbeifuhrt Jjurch eine Beihe combinirter'Anstrengungen. Die Hauptsache ist, dass sie eintritt resp. die Früchte trägt, die man von ihr erwartet. Während der Islam sich im Fatalismus verlor und das Christenthum sich mit übernatürlichen Hoffnungen berauschte, liess sich das Judenthum niemals von dem rein irdischen Ideal abbringen, das seine Haupterfindung war; nichts ist weniger jüdisch als das Wort Jesu: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Die schrecklichsten Katastrophen haben das Judenthüm nicht dazu bringen können, von der Ueberzeugung zu lassen, dass diese Welt selbst einst eine Aera allgemeiner Glückseligkeit haben wird. Denn die modernen Anschauungen über die Vervollkommnungsfähigkeit und den Fortschritt lassen sich so leicht mit seinen alten Ueberzeugungen vereinigen. Indem sich nämlich die Juden der grossen socialen Mächte versichern (?), schaffen sie immer mehr der Ueberzeugung Raum, dass sie nicht nur zur Befriedigung ihrer persönlichen Interessen arbeiten, sondern auch für die Verwirklichung der schönsten Träume ihrer Väter, . für das allgemeine Wohl aller Menschen. Wenn jene Philosophen sich nicht geirrt haben, welche uns gelehrt haben, dass Gewaltthat, Verbrechen und Ungerechtigkeit aus dieser Welt schwinden müssen, um nur das Glück und die Freiheit bestehen zu lassen, so werden die Juden mit ihrer neuen grossen Unternehmung Glück haben; wenn aber die Pessimisten Recht haben,’ wenn der Fortschritt eine Täuschung ist, wenn das Uebel und das Unheil ewig sind, so werden sie bei der Verfolgung ihrer edlen und hochsinnigen Mission unterliegen, wie sie schon oft unterlegen sind, und diese letzte Niederlage wird für sie vielleicht nicht weniger glorreich sein, als alle jene, welcho sie schon erlitten haben, ohne sich niederkämpfen zu lassen, ohne ihr Selbstvertrauen zu verlieren und ihren Glauben an die Zukunft.“ J- C

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