Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 51. (20.12.1882)
- Date
- 1882-12-20
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— ,208—h Stellung einnahmen. Luzzatto’s Stolz jwar es, in seinem Forschen nach Wahrheit sich! von keines Menschen Autorität, er sei wer er sei, beeinflussen zu lassen, und diesen Grundsatz trieb er derart auf die Spitze, dass er nicht davon zurückgescjireckt wäre, nicht bloss Zeitgenossen, wie Jost, sondern selbst die hervorragendsten durch alle früheren Jahrhunderte in den Himmel erhobenen Vertreter d|er jüdischen Vergangenheit in den Staub zu ziehen, Sobald er aus seinen Untersuchungen solche Ueberzeugujng gewonnen hätte. Einen hervorstechenden Zug in Rappoport hingegen bildet seine Pietät nicht blosj für die Vergangenheit, sondern auch für die Grössen der Vergangenheit; schon in dem zweiten seiner Briefe an Luzzatto spricht er es aus, dass er Niemanden wegen seiner abweichenden Ansichten verurthBile, hingegen dann sich ereifern könne, wenn Jemand sich herausnehme. grosse Männer herabzusetzen Und zu verkleinern. *) Dass musste bald uach Erneuerung der Freundschaft Luzzatto an sich selber erfahren. (Schluss folgt). Litteraturbericlit. i Recensionen. Die Religionsphilosophie des Saadia, dargestellt und erläutert von Dr. J. Guttmann. (Schluss.) Eine weit grössere Wahrscheinlichkeit hat schon die Annahme des Verf. für sich, dass die 5. Theorie, dass die Seele aus zwei Luftarten'bestehe, für die sich sonst in der griechischen Philosophie meines Wissens wohl kaum ein Analogon finden dürfte, auf die Stoiker znrückzuführen sei, weil sich in dieser Theorie thatsächlich einige, wenn auch nur verschwommene Anklänge an die Stoikeoj, vorfinden. In dieser Gestalt und Fassung allerdings ist sie ebensowenig bei den Stoikern, wie bei irgend! einem anderen griechischen Philosophen vorhanden, ijnan müsste denn das von Aristoteles erwähnte Mittelding zwischen Feuer und Luft dafür ansehen — vgl. iSchleiermacher’s Schrift über Diogenes von Apollonia — was aber kaum wahrscheinlich ist. S. 201, Note 2. hätte der Verf. darauf hinweisen sollen, dass „die bekannte platonische1 Dreitheilung der Seelenkräfte“ höchst wahrscheinlich pythagoräischen Ursprungs ist, vgl. Plut. de plac. phil. IV, 4, ferner Jambl. bei Stobäus cel. I, p. 878, u. A; er hätte dadurch ein Doppeltes gewonnen.! Erstens wäre er seinem lobenswürdigen Prinzipe, stete die Urquelle zu berücksichtigen, treu geblieben, sodann aber hätte er vermeiden können. Saadia ein es Jrrfhums zu zeihen. Nach Saadia nämlich sollen diese drei Seelenthät igkeiten in zwei besondere Seelenkräfte zerfallen, das hat freilich Plato nicht gesagt, wohlaberPhilolaos der Pythagoräer, vgl. Diog,' Laertes VUL 28 und 30, sowie Ritter, Geschichte der pythagoräischen Schule S. 222. Hätte also der Verf. auf die Pythagoräer hingewiesen, dann wäre Saadia vor einem vermeintlichen und der Herr Verf. Vor einem wirklichen Irrthum bewahrt geblieben 1 S. 205 Note 4 soll es in dem Citatr. Grätz, Gesch der Juden Bd. V. S. 228 flg. heissen S. 203. Es hätte dabei nicht unerwähnt bleiben dürfen, dass nach Steinschneider, Alfarabi S. 117, hier eine Verwechslung mit dem nichtjüdischen Philosophen ef-Rawendi vorliege. Der siebente and achte Abschnitt behandelt nmäohst die Wiederbelebung derTodten,s odann die letzte Erlö süng — Themata, die nur ein theologisch-dogmatisohee Interesse beanspruchen können, dagegen mit der Philosophie als solcher nur äusserst lose Zusammenhängen; die wenigen hier nur sporadisch auftretenden Analogien mit arabischen Anschauungen sind nur als Zufälligkeiten zu betrachten, da der vorherrschende Character und die ausgesprochene Tendenz dieser Fragen nach wie vor durchaus spezifisch jüdisch bleibt. S. 243 Note 2 nennt der Verfasser die Seelentheoxie Saadia’s schlechthin aristotelisch; das ist in dieser Ausdehnung nicht ganz correct. Denn S. 199 Note 2 lässt Verf. Saadia gegen den Grundgedanken und Brennpunkt des aristotelischen Sealensystems, dass die ~ Seele nur die Form oder "Entelechie des Leibes sei, . polemisiren. Saadiakann somit keinesfalls schlechthin - als Anhänger der aristotelischen Definition der Seele bezeichnet werden — nicht einmal im Gegensatz so Plato — da er jene Quintessenz der Seelentheorie, - auf die Aristoteles das meiste Gewicht *md einen ganz besonderen Nachdruck gelegt hat, die Enteleohie, entschieden verwirft. Saadia’s Seelentheorie kann also günstigsten Falls nur als ein, freilich mit feinem i Tactegewähltes,buntea Gedanken-Men yt mit aromatischer aristotelischer Würze versetzt, angesehen werden. * Allein alle diese relativ wenig bedeutenden Ausstellungen und Bemängelungen, denen zu entgehen in einem so umfangreichen Werke bei allem Flein und aller Gediegenheit nahezu unmöglich ist, treffen nur den Forscher Guttmann; dagegen müssen wir;; dem federgewandten Schriftsteller und liebenswürdigen. Stylisten Guttmann, der es so meisterhaft verstanden hat, durch seine, zwar einfache, aber doch edlej zuweilen bestechende Diction in dieses stille , todte Gedankenmeer einen belebenden Hauch und erfrischen-. den Windzug zu bringen, unser volles, ungetheiiltea Lob spenden. Zwar bedarf der strebsame Verfasser unserer Aufmunterung nicht, da er ohnehin auf seiner glücklich begonnenen Forscherbahn beständig fort- ■ schreitet, wie denn auch das vorliegende Werk einen ganz bedeutenden Fortschritt gegen* die früheren, gleichfalls günstig aufgenommenen Arbeiten des geschätzten Verfassers zweifelsohne bekundet, aber das angenehme Bewusstsein, dass seine Forschungen allenthalben Anklang und Anerkennung finden, dürfte seine Schaffenslust und Arbeitsfreude womöglich noch erhöhen Möge es dem. geschätzten Verfasser gegönnt sein, die jüdische Litteratur, die gerade an sochen litterarischen Erscheinungen nicht überreich ist, noch recht oft mit’ . derartigen Ergebnissen seiner Forschung zu bereichern/ Um nun noch zum Schlüsse, der herrschenden'. Mode entsprechend, eine Kritik der Verleger za schreiben, begnüge ich mich mit der Bemerkung, dass die äussere Ausstattung des Buches vollkommen-' dem trefflichen Inhalte desselben entspricht. Dr. Ludwig Stein. *) Rappoport’s Briefwechsel p. 7, siehe das Citat in h«o. 38 151 dieses Blattes. i Der Talmudjude. Reden von Dr. Ad. Jellinek. I. Rede: Womit beginnt und womit sohlieset der Talmud? (14 S, kl. 8) Wien 1882. Verlag der Buch- . handlung Dr. Löewy, IL Praterstr. 15. Das ist ein Beginn des zweiten Vierteljahrhunderte - amtlicher Wirksamkeit an der Spitze einer der grössten jüdischen Gemeinden, würdig and entsprechend dem reichen, vollen Inhalt der ersten Hälfte der JobeLperiode. Jetzt, wo Alles gegen den Talmud hetzt, je(jzt, wo die schwachen Köpfe und matten Herzen.