Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 51. (20.12.1882)
- Date
- 1882-12-20
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Galiziens. Der einzige Sprössling dieser adeligen Familie, Dr', Leopold Bitter von SiSier-Masöch, wurde «m 27. Januar }§36 zu Lemberg geboren und er machte seine Gynipasialezamen in 'Leml>ecg und Prag mit Auszeichnung, wie später «eine Universitätsstudien in Prag und Graz, wo er den Doktorgrad erwarb und dann 10 Jahre hindurch Docent der Geschichte wurde und durch 2 strengwissenschaftliche Werke sich in der gelehrten Welt bekannt machte. Seine schriftstellerische Laufbahn, begann Sacher- Ifasoch mit seinem 22. Lebensjahre und feiert dieser geniale, erst 46 Jahre zählende, berühmte Autor schon am 1. Januar 1883 sein fünfundzwanzigstes Schriftsteller-jJubiläum!*) F. M. Rappoport und Luzzatto. (Fortsetzung.) Wie leidenschaftlich Luzzatto hassen konnte, wo er die Beligion von irgend einer Seite her gefährdet glaubte, das haben wir bereits aus den Briefen Bappoports, mit dem er als 29jähriger Mann im Jahre 1829 in Verbindung getreten war, ersehen, und das wird durch die uns nunmehr vorliegenden Antworten Luzzatto’s noch mehr bekräftigt. Hier berührt uns die milde, versöhnliche, in entgegengesetzte Anschauungen sich objectiv versenkende Art Bappoporfs gewiss sympatischer. Aber wir dürfen auoh die Kehrseite im Naturell Luzzatto’s nicht übersehen, welche ihm die Sympathie, die wir ihm etwa nach der einen Seite entzogen haben sollten, nach der anderen Seite schnell wieder gewinnen wird. War auch glühend sein Hass, so kg doch auch ebenfalls, wie sein galizischer Freund es ihm bezeugt, eine wahre Gluth, ein besonderes Feuer in seiner Liebe. Leicht entzündet gab er sich bald ganz und ungetheilt Jedem hin, in dem er etwas Besseres und Edleres wahigenominen zu haben glaubte, es blieb dabei freilich auch mitunter die Enttäuschung nicht aus und in ihrem Gefolge die Verstimmung über die zu schnell erfolgte schwärmerische Hingebung — man braucht nur die Briefe an und über S. Goldenberg, den späteren Herausgeber der Zeitschrift Kerem Chemed“, zu überblicken — und dann zog er sich ebenso rasch zurück, Wie er sich angeschlossen, und hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berge. Die hingebende, von warmer Liebe getragene Art Luzzatto’s wird schon durch das beispiellos innige Verhältnis, in welchen er zu seinen Schülern gestanden, oharakteri8irt. Sie waren ihm in Wirklichkeit, was sie nach der Auffassung des Talmud sein sollen, Söhne, deren gute Einfalle er sich freuet in seinen Arbeiten unter ihrem Namen wiederzugeben, wie er denn auch wirklich als 24jähriger Jüngling einen^seiner damaligen *) Obige kurze Mittheihmg wird sicherlich die zahlreichen Freunde and Verehrer dieses Autors unter ansem Glaubensgenossen interessiren, und dürfte dieselbe auch die Vertreter mancher grossen und kleinen Gemeinde, und besonders die "Vorstände des deutsch-fsraelitieohen Qemeindebundes veranlassen, dem Beispiel*der Pariser Allianz und des Londoner Board of Jews zu folgen, die sicherem Vernehmen nach z. Z. dem judenfreundlichen Jubilar durch Adressen und sonstige Beglückwünschungen zu seinem Festtag eine würdige ünd wohlverdiente Auszeichnung und Freude bereiten werden.. — Unsere ursprüngliche Absicht, einen Aufruf zu einer 8acher-Masoch- 8tiftung ca erlassen, haben wir aufgegelien, damit man von gegnerischer Seite nicht (wie bei'Schleiden u. M . nmsen) sage, Sacher-Masoch sei von den Juden gekauft; aben dom Jubilar nasern innigen Dank in. Adressen und Telegrammen auszuspreohen, kann uns Niemand wehren. (Red.). Schüler mit den Worten „mein erstgeborener Sohn“ in einem Briefe anredet. *) Wie rührend ist nicht besonders seine Liebe zu seinem Liebliügssc-hüler Abrzham Lattes, dem späteren Rabbiner in. Venedig, von. dessen Lob seine Briefe an Bappoport voll sind, dessen geistiges Streben and vortreffliche Charaktereigenschaften er gern, wie ein auf sein Kind stolzer Vater, der ganzen Welt mittheilen möchte. Er war es auch, der, enthusiasmirt durch die Erstlingsarbeiten Bappoports, die Annäherung an diesen gesucht und ihm in Worten der höchsten Bewunderung seine Freundschaft angetragen. Wenn bald darauf wegen der lebhaften Verteidigung, die der Letztere dem von ihm wegen seiner freisinnigen Anschauungen leidenschaftlich gehassten Jost an^edeihen lässt, bei ihm eine Erkaltung eintritt, welche die noch so junge Freundschaft in die Gefahr einer schnellen Auflösung bringt, so wird man auch das wieder bei Naturen, welche nur eine Parteinahme für oder wider und kein Mittelding kennen, wohl begreifen. Er kannte ja auch bis dahin Rappoport zu wenig, als dass die Annahme, in diesem beredten Verteidiger einen verkappten Gesinnungsgenossen Jost’s vor sich zu haben, gar zu fern fiir ihn gelegen hätte, —und in Religionssachen gab es eben für Luzzatto keine Milde und Versöhnung. Nichts destoweniger verraten selbst die Briefe, die er in jener Zeit an diesen richtet, dass es trotz äusserer Entfremdung ihn im Stillen zu demselben hinzieht, und, als durch dessen versöhnliches Entgegenkommen die Missverständnisse wieder beseitigt sind, da bricht die lang verhaltene Liebe umso stürmischer aus ihm hervor und er kann nicht Worte genug finden, derenthnsiastischen Verehrung Luft zu machen. Wie sehr ehren den feurigen Luzzatto die Worte der Anerkennung, durch welche er hier neidlos dem wiedergefundenen Freunde die Palme reicht, und die wir uns nicht versagen können hier_^iederzugeben. „Wo giebt es Leute Deinesgleichen, der mit solcher ausserordentlichen Belesenheit ein solch klares Denken vereinigt, bei dem das viele Lesen nicht die Klarheit des Denkvermögens, und die Gradheit des Verstandes nicht das Lesen in Büchern beeinträchtigt hat! Ich bewundere Dich, mein Freund, mein Vater, mein Bruder, ich bewundere Dich! Ich, von dem Du weisst, dass ich auch in meinen Augen nicht leicht bin, bin mir wohl bewusst, dass mein Wissen nichts ist im Vergleich zu dem Deinen, und mein Verstand wenigstens keinen Vorzug hat vor dem Deinen, und hätte ich so viel Wissen aus den Büchern in mir gesammelt als Du, wer weis, ob mir noch mein gerades Denken so geblieben wäre, für das ich meinen Gott immer danke, denn meiner Ansicht nach schadet demselben nichts mehr, als das viele Lesen.“**) Diese Worte finden sich am Anfänge eines Briefes vom 5. Cheschwan 5692 (12. November 1831), welcher die Antwort auf den letzten der sechs von Harkavy veröffentlichten Rappoport’sclien Briefe ist. Von nun an sind uns bisher aus der zwischen beiden Männern geführten Correspondenz nur die Briefe L uz za tt o s zugänglich und wir sind darauf beschränkt, den Inhalt der Briefe des anderen Gelehrten aus diesen zu entnehmen. Und da müssen wir zunächst bemerken, dass unsere vorher ausgesprochene Hoffnung, das erneuete Freundschaftsbündnis werde durch keinen Misston mehr gestört werden, sich nicht erfüllt hat. Dazu waren beide zu verschieden geartete Naturen, als dass es nicht ab und zu zu einem Zusammenstosse hätte kommen sollen. Es war eine Folge ihres verschiedenen Naturells, dass sie trotz ihrer gleichen Grundanschauung in manchen Punkten selbst zur Wissenschaft des Judenthums eine verschiedene *) i, i ••>:>. **) H, 212.