Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 48. (29.11.1882)
- Date
- 1882-11-29
- Page
- Seite 191 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Litte rat ur bericht.! Recensionen. Die Religionsphilosophie des Sandig, dargestellt und erläutert von Dr. J. Guttmann, Gcjttingen 1882 Vandenhoek & Ruprecht’s Verlag. Preisi 6 Mk. Die mittelalterlich-jüdische Religiohsphilosophie ist den jüngeren Forschem schon lange keine terra incognita. Seit den grundlegenden Arbeiten Munk’s und Joel’s ist sie das verhätschelte Schoosskind der jüdisch-wissenschaftlichen Welt geworden, und vorzüglich die letzten zehn Jahre haben ans der Feder Kaufmann’8, Frankl’s, Guttmann’s, u A. Werke hervorgebracht, denen Niemand eine wissenschaftliche Berechtigung und Anerkennung versagenj wird. Die neuere, von Kaufmann angebahnte Strömung auf . diesem Gebiete kennzeichnet sich aber besonders scharf und markant dadurch, dass sie djas Schwergewicht des Forschungstriebes in die Eruirung und Auffindung der Kanäle legt, durch welche die griechische Philosophie in die jüdischen Gedankenkreise geleitet wurde, um solchergestalt ein richtiges Verständniss für den selbstständigen Werth und die philosophische Bedeutung der einzeigen Schriften jüdischer Denker zu gewinnen. Als ein I— wir wollen es vorweg nehmen — gelungenes Product dieser Strömung ist auch die vorliegende Arbeit des als sehr belesen bekannten Autors zu bezeichnen. Die ganze Arbeit ist durchweht von jen^m kritischen Geiste, der sich nicht mit den vorhandenen Resultaten und gegebenen Theoremen bescheidet,; vielmehr den Ursprung des Gedankens zu erforschen und den Quellennachweis zu fuhren sucht, sich also ste|ts die Fragen vorlegt: Woher? Warum so und nicht landers? Mag auch durch Rieses ewige Zerpflücken, durch die Entlastung des philosophischen Conjto’s der Juden ein erhebliches Deficit an originellen Gedanken entstehen; einerlei! Wir müssen derWjahrheit auf den Grund kommen, und diese hat bekanntlich in der Regel eine weit schlichtere, prunklosere Gestalt, als die auf bauschende, durch Flittergold bestehende Illusion; allein es bleibt uns noch imgier ein so bedeutender Ueberschuss an selbsteigenen, spezifisch jüdisch-philosophischen Gedanken zurück, dass wir der griechischen und arabischen Philosophie ihre Vorschüsse ruhig zuriickzahlen können, ohne Gefahr für unsern philosophischen Credit. Die vorhegende Arbeit nun hgt einen sehr dankenswerthen Beitrag zur Klarleguftg der bisher noch immer etwas dunkeln Quellen Saädia’s geliefert. Der Verfasser besitzt ein kritisch feines Gefühl, mit dem er genau untersucht, welche Gedankpn hellenischen, arabischen oder specifisch-jüdischen Ursprunges sind. Dass der Verfasser sich manchmal vergriffen, dass er in einigen schwierigen Punkten nichj, das Richtige Jstrofien hat, wer wird es ihm verdepiken? Bei der Bewältigung eines so weitverzweigten, j in fast alle Gebiete menschlichen Denkens hineinrajgenden Stoßes 18t, bei aller augenfälligen Grundlosigkeit ein Vermeiden von Irrthümem geradezu unmöglich! Und von diesem, aber auch nur von diesem Gesichtspunkte aus möchte ich die einzelnen Bemerkungen bud Richtigstellungen, die ich an einzelne Stellen <les sonst vortrefflich geschriebenen Baches knüpfen betrachtet wissen. ln einer sehr ansprechenden, fast schwungvoll gehaltenen Einleitung, deren blühendjer Stil sich um so günstiger abhebt, je trockener ujnd einförmiger einzelne Partien des Buches, durch die spröde Materie naturgemäss aus fallen mussten, nennt der Verfasser . die jüdische Religionsphilosophie sehr treffend ein spätgebornes.Kind der jüdischen Literatur. Er führt ferner aus, wie unrichtig es sei, den Juden alle und jede Begabung für die philosophische Spekulation abzusprechen, da der allerdingsvorhandene Mangel an frühzeitigem philosophischem Denken darin seinen Erklärangsgrund habe, dass den Juden eine Eingotfheit, ein abstractes, übersinnliches Wesen bereite dogmatisch gegeben war, und es daher die Angabe der damaligen Denker sein musste, diesen abstractem Begriff dem noch nicht voflentwickelten Bewusstsein des Volkes näherzubringen, so dass daneben für philosophische Bestrebungen kein Raum war. Anders die Hellenen, die aus dem Wirrwarr des Mythos heraus sich erst einen Gott constrmren. mussten; oder, um diesen Gedanken prägnant auszudrücken, würde ich diese Fassung wählen: Was die Griechen erst inductiv suchten, mussten die Juden der breiten Masse deductiv mundgerecht machen. Der Gedanke ist im Ganzen richtig, aber noch nicht erschöpft und genügend ausgebaut; es ‘muss hier Vielmehr noch Folgendes hierzu bemerkt werden: Diel Juden brauchten nicht zu philosophiren, weil das cosmogonische Herumrathen und Herumirren der Griechen von Thaies bis auf die Sophisten ihnen einerseits durch die ersten Capitel des Genesis erspart wurde, während ihnen andererseits der Inbegriff und Gipfelpunkt aller Philosophie, die Erhenntniss einer Eingottheit, von vorneherein dogmatisch gegeben war; sie konnten nicht philosophiren, weil bei einem philosophischen Bedürfnisa die vorangegangene Skepsis stets die Pathenstelie zu vertreten pflegt, diese Skepsis aber fand bei ihnen keinen Boden vor; sie durften nicht philosophiren, weil sich ihnen dann eine andere, als die in der Bibel niedergelegte Weltanschauung hätte ergeben können, die sie aber niemals,hätten acceptiren dürfen, ohne sich gegen das strengvorgezeichnete Gesetz geradezu aufzulehnen. Ihre Religion also versperrte ihnen den Weg zur Philosophie. Dass aber in der talmudischen Epoche keine Philosophen entstanden, sucht der Verfasser dadurch zu erklären, dass die im Talmud vorherrschende Tendenz — die Jurisprudenz — sich nicht sonderlich als Durchgangsstufe zum reinphilosophischen Denken eignet. ,.Die Geschichte der Philosophie hat kaum ein Beispiel aufzuweisen, dass ein namhafter Vertreter der Jurisprudenz von der Beschäftigung mit seiner Fachwissenschaft den Uebergang zu origineller philosophischer Forschung gefunden hätte.“ Freilich ist es merkwürdig, dass gerade der Begründer des Völker- und Naturrechts, der ausgezeichnete Jurist Hugo Gr otius, durch sein Fachstudium zum philosophischen Denken hingekitet wurde und also dieser These widerspricht; allein —* Ausnahmen bestätigen die Regel. Ob Saadia, wie Verfasser S. 21 Note behanptet, am häufigsten, mit der mutazilitischen Schule des al- Dschubbai übereinstimmt, müsste erst durch zwingende, zahlenmässige Angaben bewiesen werden; ich fand mindestens ebensoviele Anklagen an die Theorien des Abu-1 Hudsail al-Albäfj noch weit mehr an den aristotelisch geschulten, rationalistischen Mutaziliten, an Nazza m, bei Saadia vor (vergl: meine Willensfreiheit S. 11 Note). Uebrigens ist da den Vermuthungen thats&chlich ein zu freier Spielraum gelassen, als dass man nach dieser Richtung hin auch nur mit annähernder Bestimmtheit apodictische Behauptungen aufstellen könnte. Ein Gleiches gilt auch von der von Saadia (S. 50) angeführten dritten Sohöpfungstheorie, die eine einge-