Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 38. (20.9.1882)
- Date
- 1882-09-20
- Page
- Seite 151 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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mehr Uber den von, ihm bitter Gehassten, za schreiben, nachdem er wufaerholenilich bethepert, Ham» auch er die von jenem in seinen Forschungen eingeschlagebe Richtung missbillige, ״denn, glaube mir, mein Freund, meine Ohren können solche Lästerungen nicht ertragen, 'nicht etwa bloss gegen einen Mann, wie er es 18־t, sondern überhaupt gegen Jeden, j der Menschengestalt trägtjund im Ebenbilde Gottes geschaffen ist“.’) Er erinnert daran, dass, wenn jener Geschichtschreiber manche ehrwürdige Institution in ungebührlicher Weise angegriffen, es doch auch nicht übersehen werden dürfe, dass er auf der anderen Seite durch Widerlegung damals erschienener judenfeindlicher Pamphlete ,sich um sein Volk Verdienste erworben habe.*) Er macht Luzzatto aufmerksam aut das Widerspruchsvolle in seinem eigenen Wesen, wenn er doch selber die Grenzen, welche die Vorfahren gezogen, inj seiner Exegese überschreite und kühn Uber das imiher als unantastbar angesehene Bollwerk der Massor4 hiawegstürme. ״Weisst Du denn nicht, dass sehr vielji Rabbiner meilies Landes wegen mancher Deiner wissenschaftlichen Aussprüche über Dich dasselbe denkep, was Du Uber ihn? Wohin würde das fuhren, wenn; jeder sich zum Richter aufwirft über die Gedanken |des Andern und sich allein für beiugt hält, die Grenzen festzustellen, bis zu welchen die Forschung gehen darf! Was würde daraus entstehen, als nur Streit und Zjsnk ohne Ende!“ Und hier ist es interessant zu beobachten, wie Rappoport trotz seiner Toleranz noch streitiger als der weniger duldsame Luzzatto an der Tradition festbält und darum diesem sein Hinwegsetzen überl die Massora zum Vorwurfe macht. Diese gilt ihm als eiserne Mauer, an der nicht gerüttelt werden dürfe, und wenn er auch auf dem Gebiete der Exegese! wohl zu Hause sei, wie er es durch eine geistreiche Bemerkung zu Jerem. 51,64 beweist, so behalte er Derartiges doch nur für sich, halte es aber für höchst bedenklich, es in die Oeffentlichkcit zu bringen. Es war durchaus nicht Aengstlichkeit, was den muthigen Rappoport davon zurückhiett, vielmehr giebt er den Grund für sein Verhallen in einleuchtender Weise an. Die Männer, welche naich verschiedenen Handschriften den Text festgestellt, die Massoreten, sind doch nicht vom heiligen Geiste erleuchtete Propheten gewesen, sondern dem Irrt^um zugängliche Menschen, und wie bis in die spätesten Zeiten immer neue Erklärungen zu einzelnen Schfiftversen werden versucht werden, so kann ich doch wohl, selbst wenn ich den Früheren an Wissen und Scharfblick nahe stehe, immerhin eine Entdeckung machen, die jenen entgangen ist, und dabei im Rechte sein. Aber ich bin nicht befugt, meine individuelle jAnsich) als massgebend füi Alle anzusehen, denn wojhin sollte es führeu, wenn Jeder eine neue Bahn durch Veränderung von Buchstaben und Interpunktionszeichen sich ebenen wollte, deshalb eben bedarf es eines allgemein aneikannten, Unveränderlichen Textes, upd ich muss deaselben ganz 80 hinuehmen, wie er von den Masorethen festgeeleJIt worden ist.*) Aber um;Alles in der Welt — so warnt er — kein Streit und keine Parteiung zwischen denen, welche iq der Liebe zu ihrem Volke einig sind. Mögen sie nicht vergessen, dass ein Ziel allen gemeinsam ist, wenn sie auch in ihren Ansichten auseinandergehen, nur eins kann ich nicht billigen — und. dass ist für mich massgejbend — wenn sie Lug und Trug auf ihren Lippen haben und Verläumdüngen gegen grosse Männer ausspjrechen, wie z. B. David Friedländer es gethan'y) Am Prägnantesten aber hat er seinen Standpunkt in folgenden 1 p. 1*. *j p. 1a f. u. p. 23. *) p. 1 I Worten zusammengefasst, welche namentlich in unserer, an religiösen Spaltungen überreichen Zeit! nicht genug zur Beherzigung empfohlen werden können. ״Eins ist für mich ein Prüfstein, an dem ich erkenne, wie ich mich zu einem Hamensbruder stellen soll, ob freundlich, oder nicht — das ist die Liebe zu Israel, wenn davon noch ein Funke in ihm lodert, so komme er zu mir und trete in die Z&hl.meiner Freunde, da blicke ich nicht auf seine Gedanken und Forschungen, denn dasRecht ist Gottes und die Irrenden werden durch ihn gerich tetV) Rappoport hatte, als er diese Briefe schrieb, noch nicht die sorgenfreie Existenz, die ihm späterhin als Kreisrabbiner in Tarnopol und darauf als Oberräbbiner in Prag zu ״Theil ward, sondern musste noch,.bereits die Hochzeit seiner ältesten Tochter vorbereitend,*) zur Fristung seines Lebens sich mit allerlei geistestödtenden Beschäftigungen geschäftlicher Art befassen, aus deren Banden er sich natürlich gern losmachen möchte und desshalb den in dem eben begründeten collegium r&bbiaicum zu Padua angestellten Luzzatto anfragt, ob nicht auch er an derselben Anstalt eine seinen Neigungen entsprechende Anstellung finden konnte.’) Wie mächtig muss aber der Trieb zur Forschung in dem Manae gewesen sein, dass er trotz 801• eher beengenden Verhältnisse die umfangreichsten Briefe über die verschiedensten Gegenstände der jüdischen Literatur schreiben kann, ja dass dieser Forschungstrieb nicht einmal gehemmt werden kann durch die furchtbare Panik, welche damals die verheerende Seuche in seiner nächsten Umgebung verbreitete! Für die Wissenschaft und für die Förderung ihrer Zwecke hat ein Rappoport immer Zeit, und darin ist der sonst so ausserordentlich milde . Mann streng, dass er diese Forderuug an alle ihre Freunde stellt In Hinblick auf Reggio, der seine Bitte, aus einer Bibliothek eine Abschrift von R. Hai’s Sinngedicht fürvihn anfertigen za lassen, aus Mangel an Zeit ihm abgeschlagen, ruft er aus: ,Wein drücken denn nicht die weltlichen Lasten nieder!'* Wie bin nicht ich ein Lohnarbeiter ftLr viele Herren und meine Arbeiten sehr schwer, und doch fordere ich alle meine Freunde in der Ferne auf, stellet mich auf die Probe und. gebietet über mich, — ich werde stets, soweit meine Kraft reicht, ohne Verzug solche Wünsche erfüllen;•‘*) , Jedenfalls werden die veröffentlichten Briefe schon desshalb Interesse einflössen müssen, weil sie zwei der hervorragendsten Männer ihrer Zeit neben einander vor uns hinstellen und sie uns in ihrer Eigenart erkennen lassen. Luzzatto tritt hier allerdings mehr zurück, da uns noch nicht Gelegenheit geboten ist, in •etnen eigenen Worten seih Inneres sich abspiegeln za sehen; seine in selbstloser Hingebung an die Wi«eeuschaft nicht zurückstehende und durch andere gläazende Eigenschaften ausgezeichnete Persönlichkeit wird wieder mehr zu Ehren kommen, wenn die von seiner Hand geschriebenen Briefe demnächst zur Veröfffeotlichung gelangen. — Rappoport’s Bild aber strahlt ans schon hier in voller Klarheit entgegen, and die Herren Halberstamm und Harkavy dürfen sich schmeicheln, zur Biographie dieses grossen Mannes ein reiches Ma-i terial, das durch die nachfolgenden Briefe jedenfalls, noch vermehrt werden wird, an die Hand gegeben, au haben. Danzig. Dr. 8. Gronemann. ’) p. 15. *)> L •)p. «. «•) P. ». . —- ■— ■ .1r