Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 32. (9.8.1882)
- Date
- 1882-08-09
- Page
- Seite 127 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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hieraus leicht und ungezwungen; oft wiid es möglich sein, die Priorilftt oder Posteriorität der Erklärungen festznsteüen. (8iehe Baba Mezia 108; שנגי עיר n״T). Nächst der Text k r i t i k war es das Tes1 verstandniss, welches durch Rase hi die weitgehendste Förderung erfuhr. Während Raschi's Vorgäng er in diesem Gebiete, R. Nissira, im ״Mafteach“ nur die Mischnajot, Beraitot und Memra'8 zu einander in Bez ehung bringt, fussen Rase hi'8 Nachweisungen und Erktärungeu auf dem gesammten talmudischen Schriftthum, das er wie kein Anderer vor und nach ihm beherrschte. Er giebt sehr häufig keine Quelle an, und doch lindet sich die Erklärung irgendwo begründet. Ein Beispiel aus hunderten möge dies illustriren. Wenn Raschi Erubin 18 zu ושמו אח שמי hinzusetzt המיוחד לי, so benutzt er wörtlieh Sifri Nossau 43. Damit 8011 jedoth keineswegs gesagt sein, dass er unzählige Stellen in! Talmud nicht aus eigener Geistestiefe und mit bewut dernswerthem Scharfsinn erklärt hätte. Nur hielt er sich von willkürlichen Combinationen ebenso lern als von pilpulistischen Geistessptüngen. Wo durchaus! kein Sinn und keine Erklärung zu finden isf, gesteht ejr mit Bebenswürdiger Bescheidenheit sein Unvermögen ein. Im Munde Raschi's ist ein Wort wie עיקר מילתא לא [ידעגא ebenso bewundernswert!!, als eine treffende und scharfsinnige Bemerkung. Ein hoher, ja manj möchte, sagen der höchste Vorzug seiner Commentar*; ist die.Kürze, Prägnanz und Deutlichkeit der Sprache. Was inan von Lessing behauptet hat, i6t noch!viel mehr von Raschi zu sagen: nicht ein einziges W1()rt bei ihm ist überflüssig, und zahllose Stellen wärei^ beizubriugen, wo eben ein einziges Wort intensives Libht in die dunkelsten Partieen wirft. Praktische Entscheidungen sind dem Talmudeoin. Raschi’s nur wenige;zu entnehmen, wo sie Vorkommen betreffen sie Streitfragen seiuer Zeit oder allgemeine Normen, nach welchen talmudisehen Auforiläten wir uns im Allgemeinen zu richten haben. Wollte man lür das grossartigp Werk.seines Talmudcommentars ein Schema der leitenden Grundsalze, nach denen er verfuhr aufslelleä, so dürfte es ungefähr folgendes sein: i a) Erklärung und Exegese der |iibel nach der zeitgenössischen (talmudischen) Traditioji. b) Wesentliche und massgebende j Bedeutung des talmudischen Sprachgebrauchs. c) Constatirung der Normen füll• talm. Disput und für die Beweisführung im Talmud, d) Constatirungen der massgebenden Autoritäten und Werth derselben im Streite unter einander. e) Chronologie der Talmudlehrer;und endlich f) Ethnologie, Geographie, Sitten Und Geschichtskünde, gemäss der niedrigen Stufe der;weltlichen Wissenschaft seines Kreises und seiner Zeit!. Dieses Schema auszuführen, ist eine höchst lehrreiche und dankenswerlhe Aufgabe und hat es Weiss an iustruktiven Bemerkungen hierzu nicht fehlen lassen. Mit eiserner Consequenz bleibt Raschi sich in seiner Arbeit als Erklärer getreu. Nicht was man in ,den Talmud hineindeulen kann, sondejrn nur was die Talmudlehrer bei ihren Aussprüchen jim Sinn gehabt haben mögen, soll festgestellt werdend Darum ist es auch nicht möglich, Raschi's Ansichten über Agada und Midraschim zu eruiren, da er nur den WortsinD zu geben bemüht ist und nur bei Sprichwörtern und allgemein gebräuchlichen Redefiguren \ auch auf eine sachliche Bedeutung eingeht. So lebhaft auch sein philologisches Bemühen ist, so wenig Originelles hat er auf diesem Gebiete geschaffen. Er fusst hierbei ganz und gar auf Vorgänger, besonders auf R. Natan b. Jechiel’8 Aruch. Gern vergleicht jer talmudische J Worte mit den Targümim, was er aus dem Griechil Persisches und Arabischen citirt,' giebt er selbst j als durch Hörensagen empfangen an. Wie in der Erklärung der Agada, so'stellt er sich auch in gr&aunaf ' tischer Beziehung nicht auf den eigenen Wissenschaft* lilchen, sondern auf den Standpunkt derer, die im Talmud sprechen und lehren, sowie der wenigen Vorgfinger auf diesem Gebiete. Widersprüche in Raschi’s grammatischen Ansichten iin ■Talmud nnd im Bibelcommentar sind aus diesem Gesichtspunkte allein zu erklären, sich widersprechende Sacherklärungen aber müssen mit der Verschiedenheit der Versionen des Talmudcommentars, von denen wir bereits oben gesprochen haben, entschuldigt werden. Merkwürdig ist > die Ergänzung kurzer Andeutungen im Talmud aber Sitten, Gebräuche und Ereignisse, aus anderen Raschi zugänglichen Quellen. (Fortsetzung folgt.) Literaturbericht. Reeeaslsan. Zur Emancipation unserer Glaubensgenossen. Von Joseph Ritter von W ertheimer, Präses der Israelitischen Allianz zu Wien —: Wien 1882. Alfred Holder, Rothenthurmstr. 15. 29 S. gr. 8. (Der Ertrag ‘ist den unglücklichen Opfern der russischen Judenverfolgung gewidmet.) Träume, Phantasiebilder! — Was wird der greise, vielerfahrene dnd reicherprobte Mann sagen, wenn ich, der viel Jüngere, ihm dies zurufe? Ist es ja allein das glückliche Vorrecht der Jugend zu träumen und sich in Phantasien zu wiegea Der 82jährige Greis hat in den 70 Jahren seines Wirkens so viel als wesenlos erkannt, dass er nüchtern wird und fassbare, greifbare' Wirklichkeit verlangt. Emancip&thm — innere, äussere, Bürgerrechte, Weltbürgerthum, Berufswahl, sociale Steilung, das Alles ist aus 'dieser Schrift mir an’s Ohr geklungen, es ist mir auch in’8 Herz gedrungen, es tief verwundend. Wahrlich, heisst das nicht — oberflächlich heileu den Bruch meines Volkes? Wir sollen immerwährend an uns modeln und bessern, wozu? Wir wollen gleichgestellt werden» wen? Denen, die sittlich uud geistig so hoph stehen, dass sie in den von ihren Priestern redigirten Blättern mit der durch den Staatsanwalt auferlegten Reserve das Volk anfhetzen: ״Die Juden brauchen Christenblut — Steiniget sie!“ Nicht in Russland oder Ungarn — in Trier, in Coblenz, in der bildungsstolzen Rheinprovinz des hochgebildeten Preussens, wird dieses Drachengift der Luge ansgestreut unter dem Deckmantel der Heiligkeit und, — doch recht, das ist ja ein vorzüglicher Massstab, zu ermessen, wie grossartig weit wir's gebracht haben. Sehnsüchtig richtet sich der Blick dieser Mensehen hinauf nach Oberwesel. Dort steht die Kapelle des sogenannten heiligen Werner, ein Zeagniss, wie leicht man die Juden zu Bürgern einer bessern Welt machen kann, wenn man dem wohl vorbereiteten Volke nur ein scheinbar ermordetes Kind zeigt. ‘ Was gewesen — es kommt wieder! Blutdurst rings um uns her. Mit all' unserem Anschmiegen und Anschliessen haben wir auch nicht ein Herz gewonneu. Verloren haben wir — verloren die!Kraft des Duldens, verloren die Treue des Aus har re ns Das Trefa-Essen ist damit zu theaer erkauft. Jene ״scholastischen Spitzfindigkeiten“ haben auch den Dolch gespitzt, mit dem ,der Jude sich selbst der Heiligkeit Gottes wegen durchbohrte, sich und die Seinen. Unser moderner Religionsanterricht hat die Probe seiner - Leistungsfähigkeit noch zu bestehen. Ich fürchte!, ich fürchte —■/die Gelegenheit naht — — ■T* M