Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 32. (9.8.1882)
- Date
- 1882-08-09
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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re’a, decken sie durch den Hinweis auf den Bankerott Medina's die geheime Quelle seiner Antipathie anf. In fester und einfacher Sprache werden :dem Philosophen die CnbiHigkeit and das Widerspruchsvolle seiner Angriffe gegen die Jaden gezeigt, ״die nicht gehofft hatten, unter allen Völkern der Welt das einzige zu sein, für welches Ihre Philosophie keine Lieb» empfindet“ Dieses Mal war Voltaire besiegt Er hatte nicht den Muth, es einzagestehen. Er antwortete, er fügte eine T7. Abtheilung seinem Artikel im Dictionnaire hinan und veröffentlichte eine Broschüre: ״Ein Christ gegen 6 Juden“ (1776). Aber nur Wiederholungen der ßpässe, wie. der leidenschaftlichen Angriffe konnte Bewiesen aber ist dadurch, dass Voltaire ja seiuem Ankftmpfen gegen die Juden nicht in gutem Glauben gehandelt bat. Das Versprechen an Pinto, sein Unrecht gutzumachen, war vergessen, e:r blieb hartn&ckiger, denn vorher. Ja, indem er den alten Schmähangen neue hinsufügt, wagte er zu schreiben: ״Ich habe nie euere Nation gehasst, ich hasse Niemand, seihst nicht Fr^ron l'c Und doch athmen all' die genannten Sobrifien den blindesten Hass. Abgedroschene Witze, *ohge Anekdoten, lügenhafte Darstelllungen, das giebt Voltaire als Philosophie aus! Die Juden erwiderten diesen Hass nicht. Sie bewunderten den Styl, in weh ehern sie begeifert wurden, — sie vergalten die unverdiente Verachtung mit Verehrung. Sie vergessen es nicht, dass der Hass Voltaire’s gegen sie sich 'selbst dadurch bestrafte, dass er wider Willen ihnen nützlieh war.. ״Gott and die Freiheit“, 80 hat Voltaire den jnagen Franklin gesegnet, — Gott und die Freiheit, das haben die Juden erstrebt — und dass sie's erreicht, dazu bat Voltaire' in erster Reihe mitgewirkt. Soweit der französische Schriftsteller. Uns dagegen ist es wieder ein Mahnzeichen, dass wir auf falschen Wegen gehen. Nicht auf Seiten der Verächter der Religionen hat der Jude für seine Religion zu käm-, pfen. Die augenblicklichen Befreiungen, die ihm dort zu Theil werden, sind reichlich aufgewogen durch den ingrimmigen Hass, den der Atheist gegen die Fahnenträger Gottes in sich hegty^ Alie Parteien, alle Menschen, denen Gott das Höchste, denen die hl. Schrift ehrwürdig ist, sollten sich vereinen zur Abwehr des Unglaubens, der nie wahre Gesittung, 80ndern allein die äussere Form derselben pflegen kann! Es muss ein Ende gemacht werden mit der Geschichtefälschang, nach welcher -Her Kampf gegen die Reitgion die höhere Civilisation und Gultur erst errnöglicht. Dem Ueberwuchern gedankenlosen Kirchenthums haben die Encjclopädisten gesteuert, aber sie haben die Saat gestreut, die im Racenhass, in ,der Verleugnung jeder Autorität unserer Zeit eine so böse Ernte hat heranreifen lassen! Eine nene Biographie Raschi’s. Bet proeben von I>r. J. C*ro-Erfart. - (Fortsetzung.) Es tbut der Grösse Raschi's durchaus keinen Ein■ trag und mindert den Rahm seines Talmudcomment&rs nicht im geringsten, dass cOBStatirt wird, 'er habe dabei seine Lehrer und Vorgänger auf das Ausgiebifste benutzt. Weiss hat von einem Manuscr. im (Besitae Jellinek’a) Einsicht genommen, welches den Commciliar R. Gerschoms über ganz Baba batrs enthält uad iat hierdurch zur Ueberzeuguqg gelangt, dass Ra- •ein di» Arbeiten seiner Vorgänger mit dem ihm eigenett Geiste dar Klarheit, Kürze und Prägnanz zu be- ■atzen ▼erstanden, hat. Als Raschi uneigeu sind viel• leiebt nur die im Gegnsatz za anderen angeführten Meinungen, ausdrücklich als subjeetive Erklärungen -V זי ׳- bezeichnete, za bestimmen. Und doch enth ält der Talmudeommentar Raschi's eine sei ()«ständige, grosse und entscheidende That wegen der allein schon der Autor seine Berühmtheit verdient. Raschi ist der Vater der Textkritik im Talmud. Grade R. Gerschom, dessen Arbeiten Raschi so vielfach benutzt hat, war der Urheber eines Bannes gegen die kritische Prüfung des Talmudtextes und diesen Bann gebrochen zu haben ist das beste und gewichtigste Zeugniss von der gewattigen Geistesgrösse unseres Helden. Merkwürdiger Weise sind es zwei Enkel Raschi's, die dieses sein Verdienst verschieden beurtheilen. Raschbam folgt ihm auf dem betretenen Pfade mit noch grösserer Entschiedenheit und Freiheit, R. Tarn hingegen macht den Bann״R. Gerschoms gegen diejenigen wieder geltend, die einen verderbten Text zu emendiren versuchen. (S. Hajaschar, Einleitung). Allerdings gaben verstümmelte Texte dem pilpullustigen Scharfsinn einen ungleich weiteren Spielraum. Raschi, dem schon in seiner Jugend die Wahrheit noch heiliger war, als deren vermeintliche Träger, hielt wohl -dea-Tahamd hoch und heilig, doch nicht die durch Nachlässigkeit, Unwissenheit der Abschreiber in den Talmud hineingekommenen Irrthümer. Diese zu beseitigen war der Eckstein eines fasslichen Commentars und Raschi liess kein ergiebiges Mittel unversucht. In erster Reihe verglich er bei schwierigen und ▼erdächtigen Stellen die verschiedenen Versionen und gab derjenigen den Vorzug, welche ein leichtes und unge-?wangenes Verständniss vermittelte. Wo jedoch keine der xQrtwmdenea Lesarten genügte, scheut er es auch nicht selbstständig zu conjekturiren, wobei er natürlieh mit der peinlichsten Sorgfalt und Pietät vorgeht; es auch meistens vorzieht, neben die Conjektur die vorhandenen Lesarten zu stellen und dem Leser die Entscheidung zu überlassen. Manche Steilen erklärt er als Einschiebsel einer späteren Zeit, an einer Stelle (Sabat 55) thut er dies, obgleich zu dem Gesagten der Name des Tradirende.n ueigefügt ist. Für seine Emendationen und Conjekturen gebraucht er die responsa der Gaonim als eine reich fliessende Quelle, doch sind wir heute gar nicht mehr im Stande, die ungeheure Menge der emendirten Steilen zu übersehen. Denn was von einem grossen Geiste zur Klärung des Talmuds unternommen wurde, ist durch eigentümliche Umstände auch zur Verdunkelung des Textes ausgeschlagen. Raschi’s Emendationen galten nämlich lür so vortrefflich, dass die Abschreiber in der That nach ihnen den Text verbesserten, ein Gleiches geschah auch mit den Emendationen des Raschbam, so dass die Stellen, an denen Raschi und sein Enkel die liessernde Hand anlegten, heute weder zu bestimmen noch zu zählen sind. Dem Beispiel des grossen Lehrers folgten aber minderbefähigte Schüler und auch deren vermeintliche Verbesserungen nahmen unwissende Ab- Schreiber in den Text aut; ja nicht selten bewiesen gelehrte Schriftsetzer ihr Talent an der Verschlimm- Besserung des Textes und so wurde Raschi’s edle Absicht in ihr Gegentheil verkehrt. Man kann sich ein Bild dieser unerfreulichen Textverderbung an der Sireleio'schen Bearbeitung des Talmud Jeruschalmi macheu, in welcher ebenfalls Emendationen, Erklärungen und Zusätze des (Jommentars ohne nähere Bezeichnung in den Text aufgenommen sind. Aus den mit Raschi’s Namen bezeichneten Emendationen and Lesarten geht aber das Vorhandensein einer zweiten, wenn nicht gar einer dritten Ueberarbeitung hervor. Wir besitzen augenscheinlich die frühere Gestalt der commentirenden Arbeit. Die mannigfache Verschiedenheit des Commentars einer und derselben Sache an verschiedenen Orten erklärt sich