Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 31. (2.8.1882)
- Date
- 1882-08-02
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Voltaire 6× ep/1025731
- Rashi 2× ep/1002670
- Homer 1× ep/1025156
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jfe t C- י fc- °5■ R* fc: T0m 13, Deceaiber nicht gefälscht habe. Die Anekdote, der Dichter habe vor Ablegung dieses Eides auf die hiogelegte Bibel gezeigt und ausgerufen: Wie auf dies in so schlechtem Latein geschriebene Buch soll ich schwören? Wenn’s noeh Homer oder Virgil wäre! ist zwar treffend, aber doch sicher erfunden. Denn iu Wahrheit war Voltaire zu sehr beunruhigt, als dass Scherzen ihm möglich gewesen wäre. Er wusste, dass ungesetzlicher Handel ihm nachgewieseu sei, defr Verdacht nnredlichen Verfahrens auf ihm laste, und dass die Augen Enropa’s auf seinen Process gerichtet seien. Man sprach davon am Hofe Ludwig XV. und gab die Wahrscheinlichkeit des ihm Zugeschriebenen zu. Am preussischen Hofe war 8eine_ längst erschütterte Stel• lnng dadurch völlig unhaltbar geworden. Lessing, der als Uebersetzer für ihn gearbeitet batte, schrieb einem Freunde: ״Wir wollen wissen, wodurch des Juden Bosheit erfolglos verblieben ist? Herr v. Voltaire ist ein noch grösserer Spitzbube.“ Friedrich der Grosse seigte sich höchst erbittert über den Vorfall. Am 22. Januar schrieb er an deu Markgrafen von Baireath, der Näheres über den Process erfragt hatte: •״Sie fragen mich, was es mit dem Processe Voltaires gegen einen Jaden auf sich habe. Das ist ein Geschäft eines Schelmen, der einen Spitzbuben betrügen will. Der Urtheilsspruch wird ergeben, wer von Beiden der grösste Gauner ist.“ So lange der Process dauerte, musste der Dichter von Potsdam fern bleiben. Demü• thig sucht er den Zorn des Fürsten zu besänftigen. ״Hßr gesteht za, dass die verwünschte Idee, vorwärts zu kommen, ihn zu sehr beherrschte. ״In meiner Wuth wollte ich erweisen, dass ich einem Menschen gegenüber Recht habe, gegen den auch nicht einmal Recht zu haben erlaubt ist. Seien Sie versichert, dass ich in Yerzweifelnng bin . . . Ich habe dem Einzigen missfallen, dem ich gefallen möchte.“ Einige Tage später iteae Schmeicheleien, neue Bitten: ״Sire, ich beschwöre Ew. Majestät, «las Mitleid eintreten zu lasbob an die Stelle der Gefühle der Güte, welche mich entzückt and bestimmt haben, den Rest meines Lebens zn Ihren Füssen zazubringen.“ Aber der König bleibt stamm; Voltaire fühlt, dass Alles auf dem Spiele stehe und bittet um Verzeihung.“ Friedrich erwidert ihm: ״Sie haben mit dem Juden das denkbar spitzbübischste Geschäft gehabt.“ Von allen Seiten erhebt sich ein Sturm gegen Voltaire. Neue Feinde erstehen ihm zn seinen früheren. Am Ende wird er in Ungnade verabschiedet — und diese Ungnade scheint gerechtfertigt durch seinen Skandalprocess mit‘Hirschei. Aber die Feinde Voltaire’s begnügten sich nicht mit seiner Entfernung. Während er Berlin floh unter Mitnahme der schmutzigen Wäsche Friederichs, während er (den König und seinen Hof vor Europa lächer- ־ lieb za machen sich bestrebte, amüsirte der KÖDig und sein Hof sich über den Poeten. Man spielte in den Salons ein kleines Stück, in dem Voltaire die Haupt- und zugleich die lächerlichste Rolle zugetheilt ist Dieses Lustspiel hat den Titel ״Tantalus vor Gericht“ und soll, obschon es in des Königs Papieren gefunden worden, das Werk eines gewissen Potier sein. Die Gerichtsscene, die falschen Brillanten, lassen an Deutlichkeit nichts za wünschen. Dies ist die Qaelle von Voltaire’s'Hass gegen die Juden. Im philosophischen Dlclionnaire lagerte sich der erste Niederschlag ab. Das Werk war in Pot»- dam angefangen worden; die Artikel über die Juden fallen in diese Zeit. Ihre Härte and Ungerechtigkeit lassen vermuthen, dass sie während dieses Pr'ocesses geschrieben worden sind. AU’ die Spottreden, all’ die Anklagen, welche Voltaire gegen die Juden häuft, hier zusammenzustellen, wäre ebenso langweilig, als unnütz. Es dürfte einen ganzen Band ergeben, so sehr sucht er die Gelegenheit, ihnen zu schaden. Nichts Lobeuswerthes findet er an ihnen. Lehrsätze, Gebräuche, 8itten — Alles bekrittelt und bespöttelt er, mit der Feder and der einschmeichelnden Kraft des fätyls, wetche oft den Leser urtheilsunfähig machen. Nicht allein der Religionshass, auch die Unkenutniss der Geschichte, kommt ihm zu statten, ln Babylonien lässt er die Juden Wechsler und Trödler sein — in der Bundeslade war ein Kalbskopf. Das Vermögen Davids betrug 25 Millionen 648 Tausend Livres, genau berechnet. Patriarchen, grosse und kleine Propheten, Richter und Könige, alle diese ״kleinen Leute“ werden in derselben schönen Art abgefertigt. Moses ist nichts, als ein Betrüger, ein ״Narr, werth in Badlam eingesperrt zu werden"■‘. Gideon ist ein Wüstling, .losua ein Cartouche — Judith ist eine feile Dirne, gleich der Jungfrau von Orleans. Für das jüd. Volk i6t ihm kein Beinamen hart genug. Es ist eine Bande von Räubern, die ganz kunstlos töteten und stahlen. ״Im Ganzen werdet ihr nichts weiter finden, als ein unwissendes und barbarisches Volk, welches seit lange die schmutzigste Habsucht mit dem verachtenswerthesten Aberglauben und dem entsetzlichsten Hasse gegen all die Völker verbindet, die sie dulden und bereichern. Jedoch ist es nicht gerade nothwendig, sie zu verbrennen.“ Tausend Dank für diese Milde! (Schl, folgt.) Eine neue Biographie Raschi’s. Befprocbcn von Dr. J. Caro-Erfurt. Alan hat es einst Giaetz nicht wenig übel genonimen, dass er von einem ,,mehr verwirrenden als aufhellenden Notizenkram Zunz'“ gesprochen hatte. Es ist auch nicht das einzige Mal geblieben, dass der grosse Geschichtsforscher den Unwillen kleiner Geister erregt hat, bloss weil er mit Hintenansetzung aller üblichen Reverenzen die Dinge bei ihrem eigentlichen Namen genannt hat. Zunz' Verdienste um die jüd. Literaturgeschichte bleiben ungeschmälert, wenn man es offen ausspricht, dass er zu dem Gebäude der jüd. Geschichte unzähliges Material, unzählige Bausteine, oft aus den verborgensten und entlegensten Steinbrüchen heranzubringen, aber nicht architektonisch zu bauen gewusst bat.*) So erstaunlich auch der Fleiss ist, mit welchem der grosse Pfadfinder die Notizen über Baschi zusammengetragen und aus denen dann Bloch ein Bild des unsterblichen Commentators zu entwerfen gesucht hat, so wenig vollständig und erschöpfend waren diese Arbeiten, Weniger Notizen und mehr pragmatischer Zusammenhang, weniger Aeusserliclikeiteu und mehr geniale Auffassung der leitenden Grund- Sätze, mehr Einblick in die geistige Entwickelung und in das lebendige Schaffen sind die Forderungen für Lebensbeschreibungen epochemachender Autoren, und diese Forderungen in Bezug auf Raschi erfüllt zu haben, gereicht dem jüngsten Biographen desselben, dein bekannten Lektor am Wiener Bet hamidrasch, J. H. Weiss, zur Ehre. Wir beglückwünschen den verdienten Gelehrten zu dieser Arbeit, welche eingehendes Quellenstudium mit einer geistvollen Auffassung, gesundes Urtheil mit kritischer Genauigkeit verbindet, und wir glauben unserer Achtung vor diesem Geistes- *) Gerade von der Biographie Raschi's, von Zunz vor 60 Jahren geschrieben, gilt dies doch am allerwenigsten. Aul Vollständigkeit• freilich konnte sie bei den damaligen Hilfsmitteln keinen Ansprnch machen, — Zunz schtiesst sie mit den besehet* denen Worten: ״Und dies ist nun Alles, wss ich von Raschi• Leben und Wirken meinen Lesern zu erzählen weiss* —, a^er bezüglich der Methode und Gründlichkeit ist sie mustergütig für alle derartigen ans einzelnen versteckten,literar-histonsehen Notizen aufgebauten Biographien geworden. (Red.)