Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 11 (1882)
- Issue
- No. 24. (14.6.1882)
- Date
- 1882-06-14
- Page
- Seite 95 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5367336-6488244-8755972--2106-4855343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ע\ za beobachten. rWer sein Weib liebt wie sich selbst, es mehr ehrt als sich selbst, von dem heisst es: ״Da wirst erfahren,dass friedlich dein Zelt ist,‘1 Die Moral des Talmuds ist vielfach behandelt, und n Parallele mit den Lehren des neuen Testament gestellt worden, wie viele Sätze des letzteren mit dem Talmud (lbereinstim• men. Sie sehen, m. Herren, wie der Talmud ein uppiger Boden ist für das Feld der Wissenschaft. Trotz der jetzt herrschenden Ainahme von der Nützlichkeit des Talmud ist verhält nissmässig sehr wenig auf diesem Gebiete geleistet worden. Der Grund liegt in der Massenhaftigkeit und Fremdartigkeit des Materials, sowie in der Schwierigkeit, si:h durch dasselbe durchzuarbeiten. Schon die geistige Richtung des Ori entalen ist verschieden von der des Abendlanders. Der Orientale liebt das Frappante, Auffallende, Merkwür• di ge, der Abendländer ist ruhiger, m< hr nach Einfachheit strebend. Eis kommt hinzu, da» den Juden die Wissenschaft verschlossen wurde, d tss ihm der Sinn für Systematisirung abhanden gekomm m. Daher kommt es, dass es christlichen Gelehrten 80 schwer wird, bei allem Elifer sich im Talmud zurecht zu finden. Wenn auch die Kenntniss des Talmuds, wid wir oben angegeben, sich immer mehr verbreitet, und es wohl jetzt überhaupt keinen mehr giebt, der mit dem Kapuziner Henricus Seyensis der Ansicht ist, den־ Talmud sei ein Mann und kein Buch — ut narrai Rabbinus Talmud ruft er aus, und bekräftigt dadurch sein Argument — so sind wir noch weit davon entfernt, ihn zu kennen. Es ist durch das wissenschaftliche Streben der Juden in den letzten Jahrzehnten der Anlauf gemacht, den Talmud wissenschaftlich zu behandeln, Logik und System in denselben zu bringen. Dazu war vor Allein Sichtung des Materials nothwendig, genaue Untersuch• ung über Ort und Zeit jedes Werkes aus der talmu• dischen Literatur, um nicht falsche Schlüsse für die Wissenschaft zu ziehen. Alle diese Prägen warea den fiühereir Talmudisten von untergeordneter Natur, sie nahmen ohne Kritik Alles auf Treu : und Glauben hin. Männern wie Zunz, Frankel, Graetz und Geiger, deren Namen in der gelehrten Weltlklangvoll sind, haben eine Literaturgeschichte des Talmuds angebahnt und Licht in das Dunkel zu bringen gesucht. Es ist hier der Ort, Ihnen kurz die Namen der Werke, welche man zur talmudischen Literatur rechnet^' in Kürze anzugeben, um ermessen zu können, was die genannten Männer geleistet. Es sind auf uns gekommen: die Mise h n a, eingetheilt in 6 Ordnungen, 1) Seraim über die Saaten, 2) Moed über die E'estzeiten, 3) Naschim, Ehegesetze, 4) Nesibin, Civil- und Krim nalrecht, 5) Kodo- «China, Opfergesetze, 6)Taharoth, Reinheitsgesetze. Jede Ordnung hat mehrere Traktate, 80 dass sich die Zahl der mischnischen Traktate auf 62 teiäuft. Ein anderes der Mischna parallellaufendes Weik, von dem wir zu sprechen haben, ist T 0 8 e f t a, gleichfalls in 6 Ordnungen, welches 60 mit der Mischna gleichnamige Traktate bat. Ferner sind aus ajter Zeit noch auf uns gekommen die Werke: Mechilta, Sifra, Sifri, die sich an die Bücher des Pentateuchs (mit Ausnahme des ersten! anschliessen. An die Mischna reiht sich dis Ge mara, welche die Erklärung zur Mischna enthält u. z eine babylonische Gemara und eine jerusalemische Die babylonische ist nur zu 36 Traktaten, zu denjenigen nämlich, welche Normen enthalten, die ausserhalb Palästina’s Geltung haben. Der jerusalemische ist rieht vollständig auf uns gekommen. Die allgemeine Annahme war die, dass die Mischna im zweiten Jalrhundert von R. Jehuda Hanassi in Palästina, Tosefta von seinen Schülern B* Chija und R. Hoschija, die babylonische Gemara in Babylon am Ende des 5. Jahrhundert redigirt worden sind, die jerusalemische ein J«hrhundrrt vorher in Palästina, Ausserdem giebt es noch eine Zahl dämmlangen reih bagadischeh erbaulichen Inhalts unter dem Namen Midrasch. Es ist das eben der Theil, den Wünsche ins Deutsche übersetzt. Während Zu na die Zeitfrage der Midraschim durch kritische Mittel in seinen ״Gottesdienstlichen Vorträgen“ gelöst hat, hat Frankel die Entstehungszeit der oben genannten talmudischen Werke sich zam Vorwurf genommen. Er hat eine Einleitung zur Mischna und eine Einleitung zum jerusalemischen Talmud geschrieben. Im ersteren Werke giebt er eine kritische Untersuchung der Mischna, forscht er nach der Entstehung der Mischna, und welche■ Verhäitniss sie zu den gleichzeitigen Werken Sifra, Sifri uni Tosefta hat, vergleicht die verschiedene LA. um den Text festzustellen. Im Ganzen und Grossen hält er die alte Anschauung fest von der Redaction der Mischna durch R. Jehuda Hanassi und der Tosefta durch seine Schüler R. Chija und R. Hoschaja, obwohl er sie doch mannigfach modificirt. In diesem Buche ist von besonderer Wichtigkeit die Forschung nach LA. durch Vergleichung der verschiedenen Ausgaben, ein Umstand, der früher nicht,־ berücksichtigt worden ist. Bedeutsam für die talmudische-Forschung war der Umstand, dass während nach der alten Methode des Talmudstudiums die Erklärungen der Gemara für die Mischna als canonisch galten, es Niemand wagte, pine andre Erklärung zur Mischna zu geben, Frankel■ an einzelnen Stellen die Mischna anders erklärte als die Gemara. (Fortsetzung folgt.) * Literaturbericht. Beceasisaea. Le Judaisme moderne. Par E. Scherdlin Paris. 30 SeiteD. Der Herr Verfasser zeichnet mit voller Objectivi• tät und in treffender Kürze ein Bild der Entwickelung des modernen Judenthums, das er von der epochema- ך chenden Wirksamkeit Mendelssohns und seiner Freunde ־׳ datirt. Er schildert in kurzen Strichen Mendelssohns Beziehungen zu Lessing, Nicolai und Abt; wie diese und andere hervorragende Männer für eine measchen- , würdige Behandlung und Bessergestaltung der socialen Verhältnisse der Juden eiatretea. Innerhalb des Judenibuins selbst kam eine geistige Bewegung in f luas; die in Staunenswerther* Weise Zeugniss davon ablegte, dass das Judenthum der Cmlisaiion nichts weniger als feindlich gegenübersteht, nachdem man begonnen, die aut der Juden heit lastenden und jede geistige Ent- Wickelung hemmenden Schranken aufzuheben. Nach* dem der Verf. die Stellung der Juden in den einzel-־ nen Ländern besprochen und wie nach den Befreiung»- kriegen die Reaction kühn ihr Hanpt erhob, die'wev nigen den Juden zuerkannten Menschenrechte wieder zu schmälern, geht er zur Charakterisirung der Judenhetze unserer Tage über. S. S. 25: ״Die Bedeutung, die die Juden unter der Regierungszeit Friedrich Wil* heim IV. auf dem Gebiete der Industrie, des Handels, überhaupt der Finanzwirlhschaft durch ihre Gelehrten, ihre Künstler errungen hatten, hatte gegen sie in der Hauptstadt Preussens, eine gewisse Missgunst erregt, Anfangs verborgen, aber nach und nach sich offen aeigend in der Presse, auf der Kanzel, in Schriften. Wir haben persönlich, so schreibt der Verf. weiter; diese Judenhetze schon 1856 aufkeimen sehen, and die gelehrten Juden, mitdenen wir damals in Verbindung i standen, stellten kein günstiges Prognostikon.“ Dem erbittertsten Judenfeind, wie ihn der VerL nennt, dein Marr, an dessen Namen man bereits das Gesetz der *־•»..* . .